Filmporträt Maria Magdalenas Ihr Name hallt durch Jerusalem

Passend zu Ostern startet "Maria Magdalena", der wohl erste Bibelfilm aus weiblicher Perspektive. Rooney Mara spielt die als Prostituierte verleumdete Jesus-Jüngerin.

Universal Pictures

Man erfasst das Himmelreich nicht mit den Augen, man erfasst es mit dem Herzen; es erstreckt sich nicht vor einem, es liegt in einem; es ist nicht überschaubar, nicht kartografierbar, sondern grenzen- und formlos. Sein Baustoff ist nicht Körper und nicht Materie; er ist Liebe, Vergebung, Gnade. Das ist die Lehre Jesu, oder zumindest ein zentraler Teil davon. Und diese Lehre wiederum ist ein Apell an das Sehen: "Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch", heißt es etwa im Lukas-Evangelium. Nur ist mit dem Sehen das Sehen nicht gemeint. Gemeint ist der Glaube.

Schenkt man "Maria Magdalena", dem wohl ersten aus weiblicher Perspektive erzählten Bibelfilm der Bibelfilmgeschichte, Glauben, dann lässt sich die Enigmatik der Christuslehre im Kern auf diese Krux zurückführen: Das Sehen ist keine Sache der Optik; das Sehen ist eine Sache des inneren Empfindens. Wer wahrhaftig sieht, der fühlt tief in seinem Inneren die Einheit mit Gott. Sehen ist Fühlen.

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Bibelfilm "Maria Magdalena": Verkannt und verleumdet

Man kann sich vorstellen, dass eine solche Formel im Kino schnell in Sentimentalität und Kitsch umschlagen kann. Die Naht zwischen dem Sehen und dem Fühlen im Kino ist empfindlich - und sie ist es natürlich nur umso mehr, wenn auf ihr das Göttliche verhandelt wird. Der Bibelfilm unterliegt deshalb einer besonderen Gefahr, die Naht zu überspannen und auseinanderzureißen, Gott im blendenden Sonnenlicht zu suchen, das Himmelreich optisch auszubuchstabieren.

Vermutlich wird uns auch deshalb in einer Szene dieses Films das Problem ganz sachlich und mit einiger Prägnanz vor Augen geführt: Wir sehen die titelgebende Maria (Rooney Mara) gemeinsam mit Jesus von Nazareth (Joaquin Phoenix) auf einem Fels im hügeligen, dürr-grünenden Ödland von Judäa sitzen. Nachdem sich Maria erkundigt, wie es sich anfühle, mit Gott eins zu sein, sagt Jesus zu seiner Jüngerin: Es sei das erste Mal, dass er nach diesem Gefühl gefragt werde. Dann lächelt er; sie lächelt auch. Sie lächeln ein verständiges, einhelliges, völlig platonisches Lächeln. Maria, so die Pointe dieser Szene, ist die erste und einzige unter den Aposteln, die verstanden hat, was mit dem Sehen gemeint ist, wenn vom Sehen die Rede ist.

Der Weg zur Gnade

Denn während die ansonsten männlichen Jünger um Petrus (Chiwetel Ejiofor) und Judas (Tahar Ramin) angesichts der zunehmenden Gewalt und Unterdrückung durch die herrschenden Römer immer soldatischere Wesenszüge annehmen, um das Reich Gottes ins Recht zu setzen, sucht sie den Weg zur Gnade - oder eben den Weg zum Fühlen. Sie sieht, was Jesus sieht und zu sehen lehrt.

In Gareth Davis' Film ist es entsprechend Maria, die Judas am Ende stellvertretend für den Messias vergibt. Sie legt ihre Hand auf die seine, nachdem Jesus durch dessen Verrat ans Kreuz geschlagen wurde. Es ist ihr Namen, den Judas im Moment seines eigenen Sterbens laut ausruft - ihr Name hallt durch Jerusalem. Maria ist, folgt man der Logik dieses Films, mehr als nur die einzige weibliche Jüngerin Jesu; sie ist eine besondere Seelenverwandte, die wohlweisliche Elevin, eine Art Nachfolgerin.

Auf kaum mehr will "Maria Magdalena" hinaus: Es geht diesem Film nämlich nicht darum, Maria eine eigene Geschichte umzubinden, sondern sehr viel mehr darum, die Passion Christi umzuperspektivieren - sie aus dem Blickwinkel Maria Magdalenas zu erzählen.


"Maria Magdalena"
Originaltitel: "Mary Magdalene"
Großbritannien 2018

Regie: Garth Davis
Drehbuch: Philippa Goslett, Helen Edmundson
Darsteller: Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor, Tahar Rahim, Ariane Labed, Denis Ménochet
Produktion: Universal Pictures, Transmission Films, Film4, Porchlight Films, See-Saw Films, Focus Features
Verleih: Universal Pictures Germany
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 130 Minuten
Start: 15. März 2018


In Magdala, einem Ort am See Genezareth, treffen Jesus und seine Jünger auf Maria, die sich gegen den Willen ihrer Familie den Männern anschließt, um in Jerusalem Gottes Königreich auszurufen. Dort wirft Jesus die Händler aus dem Tempel, betet im Olivenhain; es kommt zum Verrat, zum Prozess, zur Kreuzigung, zur Auferstehung. Jedes Geschehen wird mit geradezu süchtiger Emphase gegengeschnitten mit dem Gesicht von Rooney Mara - sie ist die Zeugin, die Augenzeugin, die weit mehr sieht, als Augen sehen können.

Tatsächlich ist es dabei immer wieder spannend zu sehen, wie Davis diese zentrale weibliche Figur des neuen Testaments, der bis heute noch der Ruf einer Prostituierten anhängt, zum Ausgangspunkt wählt, um den Bibeltext aus entlegener Perspektive zu beschauen. Spannend ist das vor allem deshalb, weil mit dieser Perspektivverschiebung automatisch auch eine Neubewertung christlich-ikonischer Darstellungspraktiken in Gang gesetzt wird.

Archaisch-abendsonnig

Genau darin liegt das große Versprechen dieses Films: zu neuen, anderen Bildern zu finden - nicht zuletzt etwa zu einem vollends entkräfteten Jesus mit müden Augen, schwerem Gang und dunklen Gesichtszügen. Zu einem Jesus, der es allein nicht mehr schafft, die Vergebung und die Gnade zu lehren, der stets droht, unter der Last der Welt buchstäblich und körperlich zusammenzubrechen.

Dabei ist "Maria Magdalena" alles andere als ein experimentelles Dekonstruktionsprojekt, das den radikalen Bruch mit jahrhundertealten christlichen Darstellungsweisen versucht. Die Kostümierung, die Naturaufnahmen, sogar die CGI-Effekte, die uns ein zweitausend Jahre altes Jerusalem präsentieren - alles stellt sich pflichtbewusst in die Nachfolge einer tradierten Bibelbilderpraxis.

Dem Film aber einfach nur archaisch-abendsonnigen Edelkitsch vorzuwerfen, wäre zu einfach. Gemessen an der Schwere der christlichen Bildgeschichte kommen schon die kleinsten Verschiebungen einer Umwälzung gleich.

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