Rooney Mara über ihren neuen Film "Man machte Maria Magdalena kurzerhand zur Hure"

In "Maria Magdalena" spielt Rooney Mara Jesus' einzige Jüngerin, die als Prostituierte verleumdet wird. Für die oscarnominierte Schauspielerin eine Geschichte, die in Zeiten von #MeToo besser denn je passt.

AFP

Ein Interview von


Zur Person
    Rooney Mara, Jahrgang 1985, wurde mit ihrer Darstellung der Lisbeth Salander in David Finchers "Millennium" berühmt. Für die Rolle wurde sie für den Oscar nominiert - ebenso wie für das Liebesdrama "Carol" an der Seite von Cate Blanchett. Mit Regisseur Gareth Davis drehte sie 2016 das Adoptionsdrama "Lion". Nun spielt sie in Davis' neuem Film Jesus' Jüngerin "Maria Magdalena".

SPIEGEL ONLINE: Frau Mara, Maria Magdalena in einem Kinofilm zu spielen - klingt das auf dem Papier nicht erst einmal nach einer Schnapsidee?

Mara: Meine erste Reaktion war tatsächlich: Um Gottes Willen, will ich mir das wirklich antun? Eigentlich waren der Regisseur Garth Davis und ich wegen eines ganz anderen Projekts im Gespräch, als er mir aus heiterem Himmel eine E-Mail schrieb und fragte, ob nicht Maria Magdalena eine Rolle für mich wäre. Ich hielt es nicht für ganz ausgeschlossen, dass er einen Scherz macht. Doch als er kurz darauf zu mir nach Los Angeles geflogen kam, wusste ich, wie ernst ihm die Sache war. Am Ende habe ich mich durchgerungen, weil ich wieder mit Garth arbeiten wollte und darauf vertraut habe, dass er einen schönen, wahrhaftigen Film drehen würde, keinen Religionskitsch.

SPIEGEL ONLINE: Was hatten Sie denn für ein Bild von dieser Frau im Kopf?

Mara: Das gleiche, das vermutlich die meisten anderen Menschen noch im Kopf haben. Ich dachte, dass sie eine Prostituierte war. Und das war es dann auch schon, was ich zu wissen meinte. Zu erfahren, dass dieses bisschen Wissen noch nicht einmal stimmt, hat mich richtig umgehauen. Und genau das war dann spätestens auch der Moment, an dem ich dachte, dass die Idee eines Kinofilms über Maria Magdalena nicht nur angebracht, sondern vielleicht sogar überfällig war.

SPIEGEL ONLINE: Weil...

Mara: Weil ich es wirklich schockierend finde, wie die Religionsschreibung mit dieser Frau umgegangen ist, und bewusst ein falsches Bild von ihr entworfen wurde. Maria war eine von Jesus' Jüngern und spielte eine ganz entscheidende Rolle in seiner Geschichte. Sie war neben Judas die einzige, die als Zeugin bei seiner Kreuzigung dabei war, und sie war auch da, als er wieder auferstand. Doch während nach Petrus und Paulus und all den anderen Kirchen benannt wurden und man sie als Heilige anbetet, machte man Maria Magdalena kurzerhand zur Hure.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal ganz platt gefragt, weil wir hier von Evangelien und Heiligen sprechen: Als Atheist wird man mit "Maria Magdalena" wenig anfangen können, oder?

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Rooney Mara: In bester Gesellschaft

Mara: Das fragen Sie die Falsche, denn ich bin keine Atheistin. Ich bin katholisch aufgewachsen, und für viele in meiner Familie spielt Religion bis heute eine große Rolle, was ich auch problemlos akzeptieren kann. Zwar würde ich mich selbst heute nicht mehr als religiös bezeichnen, aber ich bin ohne Frage ein spiritueller Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Sie finden es also nicht befremdlich, dass wir im Film sehen, wie Jesus Wunder vollbringt?

Mara: Ich habe ziemlich viel übrig für New-Age-Ideen. Bis zu einem gewissen Grad bin ich ein esoterischer Hippie und kann mich zum Beispiel sehr für alternative Medizin erwärmen. Deswegen habe ich Jesus eher als eine Art Heiler betrachtet. Würde er heute leben, wäre ich sicher nicht abgeneigt, ihm zu folgen. Aber ganz abgesehen davon zeigt "Maria Magdalena" Jesus ja viel weniger aus einer biblischen Perspektive, denn aus einer menschlichen. Aus diesem Blickwinkel erklärt sich meiner Meinung nach auch vieles von dem, was wir als Wunder bezeichnen. Denn Jesus hat etwas gemacht, was damals eigentlich unerhört war: Er ist auf die Aussätzigen zugegangen, auf die Kranken und Ausgestoßenen. Zu spüren, wie sie zum ersten Mal um ihrer selbst wahrgenommen werden, hat für diese Menschen sicherlich alles verändert. Maria Magdalena, deren Familie sie einem Exorzismus unterziehen wollte, weil sie sich gegen den für sie vorgesehenen Lebensentwurf sträubte, ging es ja genauso.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Hinsicht wird "Maria Magdalena" dann zu einer Art Emanzipationsgeschichte?

Mara: Absolut. In ihrem Leben wurde jede Entscheidung für sie von den Männern in ihrem Umfeld getroffen. Sie hatte keine eigene Stimme, kein bisschen Selbstbestimmung. Dann trifft sie Jesus, und der sagt ihr: Deine Gefühle sind wichtig und zulässig, du kannst ihnen folgen und dein Leben selbst in die Hand nehmen. Seine Lehren davon, dass jeder Einzelne Gott in sich selbst finden kann, nicht nur die Auserwählten, waren damals für alle revolutionär. Aber für niemanden so sehr wie für die Randständigen, zu denen auch Maria gehörte.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist feministisch.

Mara: Das ist für mich gar keine Frage. Und es ist doch ziemlich bemerkenswert, wie zeitgemäß die Geschichte von Maria Magdalena nicht zuletzt in genau diesem Moment ist. Eine Frau, die von Männern zum Schweigen gebracht wurde, indem man ihren Ruf beschmutzte? Die letzten Monate haben ja auf erschreckende Weise gezeigt, wie üblich so etwas heute noch ist. Man denkt ja immer, wir seien als Gesellschaft sonst wie weit gekommen in den letzten 2000 Jahren. Aber dann wird man eben doch wieder schmerzlich daran erinnert, dass es vielleicht mit dem Fortschritt nicht ganz so weit her ist wie gehofft. Unsere Dreharbeiten fanden zum Zeitpunkt der US-Wahlen statt, und ich freute mich, dass wir an einer so feministischen Geschichte arbeiten, während erstmals eine Frau zur Präsidentin gewählt wird. Wir alle wissen ja, wie das ausging. Aber letztlich macht das unseren Film nur relevanter. Nicht nur für Frauen und Mädchen, sondern auch für alle anderen, die sich irgendwie marginalisiert fühlen.

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insgesamt 24 Beiträge
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wolfgangwe 19.03.2018
1. danke fuer das Interview
Am besten fand ich: "Man denkt ja immer, wir seien als Gesellschaft sonst wie weit gekommen in den letzten 2000 Jahren..." Werde mir den Film sicher ansehen, wenn er hier laeuft. Ich wuerde auch jedem, falls ich gefragt wuerde (passiert leider nie), Rudolf Augstein's Buch 'Jesus, Son of Man' zu lesen, zum besseren Verstaendnis, sozusagen. Ach, noch eins: in Lauenburg an der Elbe steht, noch immer, hoffe ich, die Maria-Magdalena-Kirche in der ich konfirmirmiert wurde.
alfreddneumann 19.03.2018
2. Falls
Maria Magdalena, so denn sie denn gelebt haben sollte war nie und nimmer eine Jüngerin Jesu sondern seine Frau. Jesu war ein Rabbi Wanderprediger oder was auch immer und über 30. In der damaligen Gesellschaft und unter seinen jüdischen Glaubensbrüdern hätte Jesu NIEMAND ernst genommen wenn er NICHT verheiratet gewesen wäre.
kyon 19.03.2018
3. Die Zugehörigkeit zur Gattung "Märchenfilm" bleibt
Nun ja, ein etwas anderer Blickwinkel auf das neutestamentarisch Behauptete bezüglich eines Wanderpredigers aus Nazareth und seiner Anhängerin. Immerhin ein kleiner Fortschriit. Aber solange noch die übernaturgesetzlichen Handlungen und die Reanimation durch gottväterlichen Beistand filmisch ausgedrückt werden, ist der Jesusfilm-Fortschritt arg begrenzt. Er gehört damit weiter in die Gattung "Märchenfilm" mit feministisch-romantischem Touch.
kalumeth 19.03.2018
4. Maria Magdalena war wohl Venus-Priesterin
...ihren Geist & Geschichte hat die in den USA lebende Körpertherapeutin & Mond-Priesterin Emily Trinkaus hier einmal perfekt recherchiert: 'Venus, Maria Magdalena und die Wiederauferstehung des Heilig-Weiblichen' (googeln!) ...war doch der noch viel mehr pagan-schamanische Zeitgeist um Jesu Leben herum fest in der Antike verankert. Und "Reste" eines astrologisch-metaphorischen "Götter"glaubens um Ishthar/Astarte herum ja sogar im Alten Testament noch -abwertend- bezeugt!
g_bec 19.03.2018
5. Warum.
Zitat von alfreddneumannMaria Magdalena, so denn sie denn gelebt haben sollte war nie und nimmer eine Jüngerin Jesu sondern seine Frau. Jesu war ein Rabbi Wanderprediger oder was auch immer und über 30. In der damaligen Gesellschaft und unter seinen jüdischen Glaubensbrüdern hätte Jesu NIEMAND ernst genommen wenn er NICHT verheiratet gewesen wäre.
Warum kann MM als Ehefrau nicht gleichzeitig auch Jüngerin gewesen sein? Und vielleicht war ja auch Jesus vielmehr Jünger von MM und die Herren der Tafelrunde haben es nach der Kreuzigung umgedreht und J zum Propheten gemacht, obwohl die alle 13 (?) eigentlich MM hinterhergelaufen sind? Und haben sie dann zur Hure gemacht, weil sie keinen außer J "rangelassen" hatte? Schließlich waren es ja alle Menschen, da wird es wohl auch unter den Jüngern gemenschelt haben;-) Und warum ist es so wichtig, wer wem hinterherlief und warum?
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