Markus Söder auf Münchner Filmfest Godfather of Bavaria

Kampfansage an die Berlinale, unausgegorene Konzepte: Mit seinen Plänen für das Münchner Filmfest beweist Ministerpräsident Markus Söder auch in der Kulturpolitik Rammbock-Mentalität - und erntet Häme.

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Erst soll das Publikum im Saal einen Schlager singen, dann wird der "new godfather of Bavaria" angekündigt, und der spricht eine "Liebeserklärung an den Film" aus. Wer die ganze Widersprüchlichkeit der deutschen Filmbranche an einem Abend geballt erleben will, der war am Donnerstag bei der Eröffnung des Filmfests München genau richtig. Ein freundlicher Kindergeburtstag mit Mitmach-Spielen, eine elegante Gala in entsprechenden Kleidern und Anzügen und dann in Schmeicheleien verpackte - letztlich aber knallharte - Politik.

Markus Söder selbst spricht nur kurz, seine Pläne für Film und Kino aber sind in aller Munde. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass ein bayerischer Ministerpräsident das Filmfest München eröffnet und dessen Etat mit einem Handstreich um drei Millionen Euro erhöht und so beinahe verdoppelt.

Der derzeitige Wahlkämpfer Söder ist nicht nur Landesvater. Er ist selbsterklärter Cineast, der viel vor hat mit der Filmbranche in München. Seine Liebeserklärung an eine "Fesselung" durch gute Filme, die den Zuschauer "entführen", klingt allerdings schon fast wie eine Drohung.

"Auf Dauer schwer zu ertragen"

Söder wiederholt an diesem Abend, was er vor einer knappen Woche angekündigt hat: München soll künftig mit Berlin konkurrieren. "Bayerisch denken, heißt größer denken", auch das sagt er noch mal. Für das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland heißt es, sowohl international als auch national bedeutender zu werden, denn: "Auf die Dauer ist es schwer zu ertragen, dass da Berlin so uneingeschränkt die Nummer eins ist."

Seine Ambitionen will Söder gleichermaßen für das Filmfest wie für die Filmwirtschaft verstanden wissen. Dazu gehört auch der Wunsch, dass mehr Schauspieler und Produzenten ihren Lebensschwerpunkt (wieder) nach München verlagern. Zunächst einmal soll sich aber das Filmfest München neu aufstellen. Die Stichworte der Politik dafür sind Virtual Reality, Special Effects und Gaming.

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Filmfest München: Auftakt mit Ansagen

Ob Söder selbst so genau verstanden hat, was das eine vom anderen unterscheidet, kann man angesichts seiner Beschreibungen bezweifeln. Wichtiger aber ist ohnehin, wie das Filmfest mit den neuen Plänen umgeht, und da ist noch keine Linie erkennbar. Was verständlich ist, denn wie diese drei Bereiche sinnvoll bei einem Filmfestival eingebunden werden können, darauf hat bisher noch niemand eine Antwort.

Venedig hat kürzlich mit mäßigem Erfolg eine Reihe zu Virtual Reality eingeführt, und wirtschaftlich steht der lange angekündigte Durchbruch für VR wohl ohnehin doch nicht bevor. Gaming ist ein überwiegend getrennter Bereich, bei dem es zwar ästhetisch Verbindungen zum Kino gibt, nur sehr selten aber auch personell. Eine Konkurrenz für die Berlinale baut man so ganz sicher nicht auf.

Der mit dem Messer

Was der Freistaat Bayern fürs Filmfest plant, ist jedoch nur bedingt maßgeblich, denn er ist nur einer von mehreren Gesellschaftern. Und wenn der gestrige Abend Schule macht, dann kann man vielleicht sagen: Bayerische Pläne durchkreuzen am schönsten immer noch die Münchner. Den stärksten Auftritt bei der Eröffnung legte nämlich der parteilose Kulturreferent Hans-Georg Küppers hin und parierte allen Größenwahn mit ironischem Witz.

Der Eröffnungsfilm über Bertolt Brechts Versuche, die Dreigroschenoper zu verfilmen, bot Küppers die Steilvorlage: "Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so gegangen ist, als ich vorhin das Lied mit Mackie Messer gehört habe und mit dem Messer, das sieht man nicht, irgendwie hab ich an den Ministerpräsidenten gedacht." Wenn das nicht mal eine Kampfansage ist.

Das Filmfest München jedenfalls tut gut daran, weiterhin mehrere Herren zu haben, die man im Zweifel gegeneinander ausspielen kann. Denn das in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaute cinephile Profil, das herausragend kuratierte "Best Of" des internationalen Kinos und die bemerkenswerte deutsche Kinofilmreihe, die längst die darauf stärker spezialisierten Festivals in Hof und Saarbrücken in den Schatten stellt, das sind alles Dinge, die man nicht leichtfertig für VR, Special Effects oder Gaming aufs Spiel setzen sollte.

Auch dafür kann man sich an Küppers halten, der auf den Spruch vom großen bayerischen Denken eine einfache Antwort hatte: "Ich wäre angesichts der politischen Lage froh, wenn nicht nur größer, sondern überhaupt gedacht würde."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
maxmarius 29.06.2018
1. War es das jetzt schon?
Gehen dem Söder die idiotischen Ideen aus? Das muss im Wahlkampf doch noch besser werden! Z.B. Aufwertung des FC Bayern zur Nationalmannschaft, natürlich komplett bezahlt mit Steuergeldern und dem Kreuz auf blau-weißem Trikot.
fotos 29.06.2018
2. Bayerisch denken, heißt größer denken
man merkt es ist Wahlkampf.
Schlangenzung 29.06.2018
3. Bayerisch denken, ...
heißt größer denken. Also da muss der Herr Ministerpräsident doch nohc etwas zulegen. Warum hat er nicht versprochen, die bayerischen Filmfestspiele demnächst in der bayerischen Raumstation "Weisswurst Oans" auszurichten? Mit einem solchen Versprechen könnte er zwei Prestigeprojekte auf das Glücklichste miteinander verbinden!
Profdoc1 29.06.2018
4. Na ja, ..
auf Dauer ist schwer zu ertragen, was ein bayrischer Provinzfürst aka Markus Söder zu vermelden hat. Irgendwann muss dieser Herr es dorch bemerken, dass er bayrischer MP ist, mehr aber auch nicht. In Bayern kann er gerne machen, was er will, aber als Norddeutscher möchte ich bitte nicht weiter mit den interlektuellen Flachheiten eines Herrn Söder belästigt werden. Dass das Münchner Filmfestival finanziell besser ausgestattet wird, ist erfreulich.
sylkeheimlich 29.06.2018
5.
Zitat von maxmariusGehen dem Söder die idiotischen Ideen aus? Das muss im Wahlkampf doch noch besser werden! Z.B. Aufwertung des FC Bayern zur Nationalmannschaft, natürlich komplett bezahlt mit Steuergeldern und dem Kreuz auf blau-weißem Trikot.
Entschuldigung! Söder ist Fan der Nürnberger. Aber Ihnen fällt bestimmt noch irgendwas anderes ein, um in Richtung FC Bayern zu bashen.
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