Martial-Art-Drama "Hero" Meister aller Klassen

Der chinesische Regisseur Zhang Yimou nimmt es in seinem Martial-Art-Drama "Hero" mit der Historie nicht so genau. Dafür besticht sein Epos über die Philosophie des Kampfes durch metaphorisch aufgeladene Bilder und exzellent choreographierte Szenen, die jeden vergleichbaren Film des Genres in den Schatten stellen.

Von Oliver Hüttmann


Aufwändige Kampfszene aus "Hero": Philosophie des Kampfes
Constantin

Aufwändige Kampfszene aus "Hero": Philosophie des Kampfes

Der Geist eines Kämpfers ist seine schärfste Waffe. Zwei Männer stehen sich gegenüber. Der eine trägt ein Schwert, der andere einen Speer mit silberner Spitze. Den ganzen Tag harren sie so aus, reglos und in sich gekehrt. Der Ort, ein chinesisches Teehaus, ist in ein monochromes, metallisches Blaugrau gehalten. Es regnet beständig, überall fließt Wasser, der ganze Raum erscheint wie ein Kunstwerk der Strömungen. Und während ein alter, blinder Mann auf einem Saiteninstrument zupft, gehen die Gegner mit geschlossenen Augen in Gedanken ihren Kampf durch. Am Ende ihres meditativen Duells sind Sieg und Niederlage bereits entschieden. Wie beim Schachspiel reicht dann nur noch ein Zug, um den tödlichen Stich zu führen.

Zhang Yimous "Hero" ist ein Martial-Art-Film. Der Begriff umfasst nicht nur ein Genre, sondern auch alle Formen asiatischer Kampfkünste, vom Kung-Fu bis zum Schwertkampf. Hunderte dieser Filme sind vor allem seit den sechziger Jahren gedreht worden, in China ebenso wie in Hongkong, das damit zur Kinometropole des fernen Ostens aufstieg. Die meisten waren historische Kostümfilme, so genannte Eastern, die billig produziert und im Westen selten gezeigt wurden. Allein Bruce Lee, dessen Name heute noch als Synonym für Kampfsportfilme steht, erreichte weltweite Aufmerksamkeit. Dennoch blieben sie oft als Prügelstreifen verschmäht und liefen zum Klamauk synchronisiert allenfalls in Programmkinos, später spätnachts bei den privaten Fernsehsender. Ihr Stellenwert war jenseits des asiatischen Marktes kaum höher als der von Softpornos, geringer noch als der von Sandalenfilmen.

Namenloser Krieger: Martial-Art-Star Jet Li
Constantin

Namenloser Krieger: Martial-Art-Star Jet Li

Das Interesse für asiatische Filme stieg erst in den neunziger Jahren, als Hongkongs Regie-Ikone John Woo nun auch in Hollywood seine am Schwertkampf und der Chinesischen Oper orientierten Schießereien inszenierte, der Kung-Fu-Clown Jackie Chan mit "Rumble In The Bronx" die US-Kinocharts eroberte und Filmemacher aus China, Taiwan oder Japan für ihre Dramen auf europäischen Festivals regelmäßig mit Preisen bedacht wurden. Zu Letzeren gehört auch Zhang Yimou. Der inzwischen 53-jährige Filmemacher erhielt 1988 für sein Debüt "Das rote Kornfeld" auf der Berlinale den Goldenen Bären, gewann 1994 mit "Die Geschichte der Qui Ju" die Goldene Palme von Cannes und war 1991 mit "Die rote Laterne" für den Auslands-Oscar nominiert. Ein renommierter Regisseur also, der sich nun - wie zuvor Ang Lee mit "Tiger & Dragon" - einen Kindheitstraum erfüllt und einen Martial-Art-Film gedreht hat.

In den Neunzigern drehte Hongkong auch die erfolgreichsten und besten Eastern überhaupt, etwa "A Chinese Ghost Story" und "Swordsman", deren dortige Popularität vergleichbar ist mit Action-Reihen wie "Lethal Weapon" oder "Stirb langsam" bei uns. Aber erst "Tiger & Dragon" begeisterte auch Menschen, die bis auf den gelegentlichen Besuch eines deutschen China-Restaurants alles Asiatische ablehnen. Ang Lee gab dem Genre, seinen Mythen und Traditionen visuell und narrativ eine auch für Cineasten annehmbare Sicht, so wie es Sergio Leone mit dem Western getan hatte. Diesem Ansatz folgt nun auch Zhang Yimou.

Attentäterin: Fliegender Schnee (Maggie Cheung)
Constantin

Attentäterin: Fliegender Schnee (Maggie Cheung)

Jet Li spielt einen namenlosen Schwertkämpfer, der zu dem chinesischen König Qin (Chen Dao Min) bestellt wird. Dieser Despot strebte vor 2000 Jahren äußerst brutal die Herrschaft über die sieben chinesischen Reiche an. Da die sechs Rivalen seiner Armee nicht gewachsen waren, wollten sie ihn immer wieder ermorden lassen. Daher lässt Qin niemanden näher als 100 Schritte an sich heran. Nun jedoch behauptet dieser Namenlose, er habe die letzten und gefährlichsten drei Attentäter getötet. Allein mit Qin in einer riesigen Palasthalle, schildert er die Umstände, wie er den Speerkämpfer Weiter Himmel (Donnie Yen) und das Liebespaar Fliegender Schnee (Maggie Cheung) und Zerbrochenes Schwert (Tony Leung) nacheinander bezwingen konnte. Nach jedem Bericht darf er weiter an Qin heranrücken, bis er schließlich nur noch zehn Schritte von ihm entfernt ist. In diesem Moment jedoch zweifelt jener plötzlich die Erzählungen des Helden mit einer eigenen Interpretation der Ereignisse an, die auf einen Komplott hindeuten. So entwickelt sich zwischen dem König und seinem potenziellen Mörder ein Disput über Rache, Opferbereitschaft und die Philosophie des Kampfes.

Ein halbes Dutzend Versionen werden bis zum tatsächlichen Hergang miteinander verknüpft. So behauptet der Namenlose beispielsweise, er hätte Fliegender Schnee eifersüchtig gemacht, woraufhin sie Zerbrochenes Schwert umbrachte. Danach hätte er die aufgewühlte Geliebte problemlos besiegen können. Qin wiederum vermutet, alle drei Attentäter hätten sich für den Namenlosen geopfert, damit er mit deren Waffen als Beweis vor Qin treten und ihn ermorden kann. Im Mittelpunkt jeder Geschichte steht eine andere Kampfsituation, die zuweilen aus verschiedenen Perspektiven mit unterschiedlichen Verläufen gezeigt wird. Dabei greift Zhang überwiegend bekannte Motive auf, etwa wenn die Kämpfer schwerelos in Baumwipfeln oder übers Wasser schweben.

Qins Armee: Wuselige Übermacht
Constantin

Qins Armee: Wuselige Übermacht

Die Magie der Kampfsequenzen entsteht aber nicht in besonders spektakulären Choreographien. Im Härtetest würde "Hero" gegen viele andere Martial-Art-Filme unterliegen. Es ist vielmehr die Vollkommenheit aus Schönheit und Symmetrie, die den Einklang von Geist und Körper illustriert und einen hier unentwegt staunen lässt.

"Hero" ist bis ins letzte Detail raffiniert und streng durchkomponiert. Jede Geschichte hat eine andere Farbe. Qin, seine Truppen und ganze Umgebung sind dämonisch schwarz gehalten. In der Eifersuchts-Version des Namenlosen dominiert Rot. Bei Qins Deutung tragen die Kämpfer blaue Kleidung, die Erwiderung des Namenlosen wird von grün bestimmt, bis die Wahrheit in weiß erscheint. Jede Farbe, jede Szene, jedes Bild ist metaphorisch aufgeladen. Eine derartige visuelle Wucht hat man seit Akira Kurosawas "Ran" nicht mehr gesehen.

Die dramaturgische Struktur von "Hero" kennt man zudem aus Kurosawas "Rashomon", und die Legenden um Qin sind schon oft für Filme verwendet worden, zuletzt in "Der Kaiser und sein Attentäter" von Chen Kaige. Dessen Produktionsdesigner haben nun ebenfalls für "Hero" gearbeitet. Hinter der Kamera stand Christopher Doyle, der mit Wong Kar-wei schon 1994 den melodramatischen Martial-Art-Film "Ashes Of Time" gedreht hatte, bei dem auch Tony Leung und Maggie Cheung mitwirkten. Und Jet Li ist in diesem Genre ohnehin schon ein alter Recke.

Farben und Metaphern: Die visuelle Wucht erinnert an Akira Kurosawa
Constantin

Farben und Metaphern: Die visuelle Wucht erinnert an Akira Kurosawa

Doch mit diesem Rüstzeug erweist Zhang sich als Meister aller Klassen. Man kann "The Matrix" getrost vergessen, wenn der Namenlose und Weiter Himmel im Teehaus traumhaft durch die Luft fliegen und das Schwert dabei in Zeitlupen und mit Zoom die Wassertropfen zerteilt. In einer virtuos geschnittenen Szene wehren die Kämpfer wie in Trance leichthändig Pfeile ab, die zu Tausenden auf sie herab prasseln. Und Qins Armee stellt immer wieder eine be- und erdrückende Atmosphäre dar, deren äußere, wuselige Übermacht im Gegensatz zu der inneren Ruhe der Einzelkämpfer steht.

Das Qin, ein Tyrann und Massenmörder, als erster chinesischer Kaiser am Ende vom "Hero" märtyrerhaft zum Friedensstifter gemacht wird, kann man im Westen getrost verschmerzen. Es zählt nicht die historische Genauigkeit, sondern der epische Charakter dieser Sage sowie die Kraft und Kostbarkeit der Bildern, die beseelt sind von unendlicher Harmonie.


Hero

Hongkong/China 2002. Regie: Zhang Yimou; Drehbuch: Zhang Yimou, Li Feng, Wang Bin. Darsteller: Jet Li, Maggie Cheung, Tony Leung, Donnie Yen, Zhang Ziyi, Chen Daoming. Produktion: Elite Group Enterprises, Miramax, Edko Films, Zhang Yimou Studio Productions. Verleih: Constantin. Länge: 99 Minuten. Start: 5. Juni 2003



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