Martin Scorseses "The Departed" Doppelt büßt besser

In seinem exzellenten Thriller "The Departed" entlarvt Regisseur Martin Scorsese noch einmal die Riten der Männlichkeit. Leonardo DiCaprio brilliert als gestresster Underdog, Jack Nicholson parodiert einen Gangsterboss.

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Drei Männer im Kino, vielleicht ist Martin Scorseses neuer Film "The Departed" so einfach auf den Punkt zu bringen. In einer Szene trifft sich Detective Colin Sullivan (Matt Damon) mit dem Gangster-Boss Costello (Jack Nicholson) in einem Pornokino. Es ist ein geheimes Treffen, denn Sullivan ist eine Ratte, ein Spitzel des Mobs in den Reihen der Polizei von Boston. Allerdings werden die beiden bei ihrem zwielichtigen Tête-à-Tête beschattet, und zwar von Billy Costigan (Leonardo DiCaprio), einem Mitglied von Costellos Bande, der in Wahrheit für die Polizei spioniert.

Im Anschluss an diese Szene, in der Jack Nicholson einen hanebüchenen Auftritt mit einem riesigen schwarzen Dildo hat, gibt es eine Verfolgungsjagd mit Damon und DiCaprio. Der Clou: Beide tragen Jeans und derbe Jacken mit Kapuzenpullovern darunter, beide haben ihre Basecaps tief in die Stirn gezogen, beide sind Polizisten - Brüder im Dress der Arbeiterklasse, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein.


Mit "The Departed", obwohl er im von irischen Polizeiseilschaften bestimmten Boston, nicht im Little Italy New York Citys spielt, kehrt Martin Scorsese zurück zu seinen Anfängen, zu "Hexenkessel" und den Sünden, für die Harvey Keitel und Robert De Niro nicht in der Kirche, sondern auf der Straße büßen mussten.

Mit seiner überraschenden Rückkehr in das Gangster-Genre greift der Altmeister des New-Hollywood-Kinos noch einmal virtuos alle Motive auf, die seine früheren Werke durchzogen: Die Rituale der Männlichkeit, den Katholizismus, den großen Verrat, die Explosion der Gewalt und die Verzweiflung der Protagonisten, ihrem scheinbar vorherbestimmten Schicksalen zu entrinnen, hinaus aus dem Einwanderer-Ghetto, hinein in eine nur vordergründig bessere Welt.

Posieren mit Prostituierten

Und doch ist "The Departed" ganz anders als Scorseses Mafia-Filme "Goodfellas" und "Casino", auch fehlt die Opulenz von späteren Epen wie "Gangs of New York" und zuletzt "Aviator". Abgespeckter, befreiter von unnötigem Bilder- und Plotballast, war lange kein Scorsese-Werk. Die Kamera von Michael Ballhaus scheint an den Hauptfiguren zu kleben, die Einstellungen sind kurz und effizient und erzeugen so ein Gefühl der Dringlichkeit, das am Ende von einem erschreckend brutalen Finale bestätigt wird.

Costello ist der Pate von South Boston, und Costigan wie Sullivan sind, jeder auf seine Weise, seine Ziehsöhne. Scorsese inszeniert den Gangster-Boss wie einen allmächtigen Kirchenpatriarchen, der mal inmitten weißgekleideter Nonnen wandelt, mal diabolisch im roten Nachtclublicht mit halbnackten Prostituierten posiert. Jeder der beiden Polizisten ficht seinen eigenen Vaterkomplex mit Costello aus, muss sich entscheiden zwischen Sein und Schein, zwischen Halbwelt und Heldenlicht.

"Willst Du ein Cop sein, oder willst Du nur vorgeben, ein Cop zu sein?", fragt der kernige Sergeant Dignam (Mark Wahlberg) den von Selbsthass und Zweifeln geplagten Underdog Costigan, der sich per Polizeidienst von der kriminellen Vergangenheit seiner Familie befreien will. Und dann ist ausgerechnet er es, der sich in Costellos Bande einschleusen lässt und den Gangster spielt, während sein Kollege Sullivan nach außen den adrett gekleideten Cop mit der weißen Weste geben muss, der schon als Kind Botendienste für Costello erledigte und durch und durch verdorben ist.

Männerwelt aus Blut, Schweiß, Schmerzen

In diesem Purgatorium der Selbstfindung kann den beiden ungleichen Brüdern niemand helfen, schon gar nicht die hübsche Polizeipsychologin Madolyn (Vera Farmiga), in die sich beide verlieben. Frauen spielen hier keine Rolle. Klar gehören sie irgendwie dazu, wie Sullivans korpulenter, ständig durchgeschwitzter Vorgesetzter Ellerby (Alec Baldwin) mit irischem Machismo klarstellt: "Es ist gut, verheiratet zu sein, dann gilt man nicht als schwul. Kinder sind noch besser, dann weiß jeder, dass da unten alles funktioniert." Aber in dieser Männerwelt aus Blut, Schweiß, derben Scherzen und markigen Sprüchen, gibt es Erlösung nur in der archaischen, direkten Konfrontation mit dem Widersacher - Mann gegen Mann. Wie immer bei Scorsese gibt es am Ende keine Gewinner, nur Büßer.

Das eigentlich Interessante an "The Departed": Es geht hier weniger um Gesellschaftskritik als ums Kino selbst; vor dem Hintergrund eines psychologischen Männer-Dramas dreht sich ein ganzer Bilderkosmos um sich selber. So ist "The Departed" das Remake des Hongkong-Thrillers "Infernal Affairs", der 2002 mit Tony Leung und Andy Lau in den Hauptrollen gedreht wurde. Die Regisseure Wai Keung Lau und Siu Fai Mak bezogen sich in ihrer Story so ausgiebig auf die Gangsterepen Scorseses, dass dieser sich nun wieder selbst zitiert.

"The Departed" ist also vor allem ein Fest der Zeichen und Verweise. Man wartet nur darauf, dass beispielsweise Sullivan in einen Spiegel schaut, um dort sein wahres Gesicht zu erblicken, weil das ein Lieblingsmotiv von Scorsese ist. Oder man genießt den Anblick der gold leuchtenden Kuppel des Rathauses von Boston, die man aus der Wohnung des Spitzels Sullivans sieht. Später taucht sie noch einmal auf - auf einer Bleistiftzeichnung von Costello, umringt von Ratten.

Flüche wie Pistolenkugeln

Martin Scorsese beweist auch einmal mehr, dass es niemand so wie er versteht, männliche Posen und Rituale glaubhaft und gleichzeitig entlarvend zu inszenieren. In "The Departed" fliegen fast so viele Flüche durch die Luft wie Pistolenkugeln. Wie fast immer bei dem inzwischen 64-jährigen Regisseur müssen junge Männer aus unterprivilegierten Schichten durch ein Stahlbad aus Kraftausdrücken, Faustschlägen und emotionalen Verletzungen. Am Ende wartet nur die Erkenntnis, dass es auch jenseits von Hell's Kitchen, Little Italy oder South Boston nichts anderes gibt als Gewalt und Korruption.

Und noch auf einer weiteren Ebene wiederholt sich die Filmgeschichte: War es 1973 in "Hexenkessel" noch Robert De Niro, der Hauptdarsteller Harvey Keitel locker an die Wand spielte, so ist es in "The Departed" nun Leonardo DiCaprio, gegen den ein hervorragender Matt Damon reichlich blass wirkt. In seinem dritten Film für Scorsese hat der 32-Jährige endlich seinen Babyspeck verloren und gibt seine bisher eindrucksvollste Vorstellung. Nach De Niro in den Siebzigern hat sich Martin Scorsese erneut als Pate für einen aufstrebenden Charakterdarsteller betätigt: Nach "Gangs of New York", wo DiCaprio neben Daniel Day-Lewis noch wie ein kleines Bübchen wirkte, und "Aviator", wo er schon überzeugend den exzentrischen Multimillionär gab, darf Leonardo nun kantig, mit gereiftem Straßencharme Scorseses Männerbild verkörpern.

Gegen einen der allesamt brillanten Mitspieler kommt DiCaprio freilich nicht an: Jack Nicholson, der, eine schöne Volte, auch nur noch auf sich selbst rekurriert, ist zwar grandios, aber gleichzeitig die einzige Schwachstelle in "The Departed": Grimassierend, glucksend und glotzend überzieht der dreifache Oscarpreisträger seinen Gangsterboss Costello dermaßen, dass er alles, was die Figur an Schwere und Düsternis hergibt, schnödem Schmierentheater und fast schon beschämender Selbstinszenierung opfert. Männer im Pornokino - hier wäre etwas weniger Exhibitionismus erotischer gewesen.



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