Mary Harron Mary Harron: "American Psycho" - Amoklauf eines Börsenmaklers

Den Tötungsorgien der literarischen Skandalvorlage ist nichts an Härte genommen, doch der Film "American Psycho" sucht nach Erklärungen und macht den Amokläufer dadurch zu einer comicartigen Witzfigur.

Von Simone Kaempf


Als der Roman "American Psycho" 1991 erschien, sorgte Autor Bret Easton Ellis für einen Skandal wie ihn die literarische Öffentlichkeit lange nicht erlebt hatte. Seitenlange Markenaufzählungen und Beschreibung von Toilettenritualen folgten detaillierten Schilderungen von sadistischer Gewalt und blutigen Morden. Die massive Kritik an Ellis' Buch galt weniger den Beschreibungen als der psychologischen Unreflektiertheit, in der Ellis das Geschehen beließ.

Die lange geplante Verfilmung wollte erst nicht recht in die gänge kommen: Leonardo diCaprio sagte nach langem Hin und Her die Hauptrolle ab, etliche Drehbuchfassungen kursierten, und Oliver Stone legte die Regie nieder.

Die Regisseurin Mary Harron konnte schließlich eine Produktionsfirma von ihrer Lesart überzeugen. Sie hält sich auf den ersten Blick sehr eng an die Vorlage. Ihr Film beginnt mit Szenen in einem Edelrestaurant und zeigt ausgiebig, wie der Börsenmakler Patrick Bateman (Christian Bale) in seinem Luxusappartment das morgendliche Fitnessprogramm ableistet. Er ist liiert mit der blonden Evelyn, raucht Zigarren, fährt Strechtlimousinen und hält sich auch sonst an die Benutzerordnung der Menschen der Upper West Side New Yorks: Man überlebt mit Gefühlsarmut, Eindimensionalität und Kokainexzessen. Es ist eine Welt, in der die Menschen scheinbar alles haben: einen schönen Körper, die ersten Millionen auf dem Konto und ein teures Apartment.

Eine Außenseiterin in dieser Welt der Schönen und Perfekten ist die Sekretärin Batemans, Jean, für deren Darstellung die Schauspielerin Cloe Sevigny für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert wurde.

Batemans Leben gerät immer dann aus den Fugen, wenn ihn jemand zu übertrumpfen scheint: mit der schöneren Frau, dem teureren Apartment, dem größeren Auto. Will man das ernst nehmen, mordet Ellis aus Neid. Eine andere Interpretation könnte lauten, dass er im Überlebenskampf den Nebenbuhler aus dem Weg räumt. Die Stärke der Regisseurin besteht darin, viele kleine Fährten zu legen, die suggerieren, dass es eben doch einen tieferen Grund haben muss, warum Bateman tötet.

Vermutlich hat Bateman nie um etwas kämpfen müssen und nicht mehr erreicht in seinem Leben, als eine besonders gepflegte Haut zu haben. Im harten Wettbewerb der Geschäftswelt ist er eine Null, und nur mit den Morden kann er doch noch seine Kraft und Stärke beweisen. Eine nicht sehr glaubwürdige Begründung der Drehbuchversion von "American Psycho". Vielleicht konnte Regisseurin Harron sie dann auch nicht ganz ernst nehmen und hat dem Film viele satirische Züge verpasst. Wenn Bateman eine Polizeieskorte zusammenschießt und in Siegerpose dasteht, dann wirkt das ganze wie ein Comicstreifen, in dem die Figuren kurze Luftblasen reden und ohne weitere Begründungen Mord ausüben.

Eine Bestrafung Batemans bleibt aus. Nach einem Amoklauf wird er seinem Anwalt die Morde gestehen. Doch keiner glaubt ihm. Das ist für ihn die härteste Strafe - aber kein versöhnliches Ende. "American Psycho" scheint sich so neben "Natural Born Killer" oder "The Fight Club" einzureihen und eine gefühlskalte Welt des Waren- und Markenfetischismus abzubilden. In Erklärungen wird jedoch nicht sehr tief vorgedrungen.

Der Film wurde im Berlinale-Wettbewerb nur als Sondervorführung gezeigt. Etwas Besonderes hat "American Psycho" trotzdem zu bieten: Der Kameramann hat mit vielen sehr nahen und langen Schwenks eine Filmästhetik geschaffen, die einen direkt in die achtziger Jahre zurückversetzt.

"American Psycho", R: Mary Harron, K: Andrzej Sekula D: Christian Bale, Reese Witherspoon, Willem Dafoe, Samantha Mathis, Jared Leto, Länge: 102 Minuten



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.