"Mary Poppins' Rückkehr" Ein Löffelchen voll Filmzucker

Mit "Mary Poppins' Rückkehr" gelingt Disney eine vorweihnachtliche Punktlandung in den Herzen: Die Fortsetzung des Musical-Klassikers feiert das Fantastische mit Witz, Gefühl und Stilbewusstsein.

Disney

Mal ehrlich, Kinder - wollt ihr wirklich die RTL-Super-Nanny mit mahnendem Blick und stiller Treppe!? Denn die wahre Super-Nanny heißt doch Mary Poppins.

Sie ist zurückgekehrt, trägt Polkadots auf den Blusenkragen, redet mit dem Schirmknauf und zaubert Unterwassermärchen mit kichernden Pinguinen in die Badewanne. Und aus der stillen Treppe macht sie im Handumdrehen eine laute. Eine Showtreppe nämlich, die in eine glitzernde Zirkuswelt führt, deren Eingang, logisch, in der gesprungenen Schüssel auf dem Kaminsims versteckt liegt.

So ist es, das schmucke Kindermädchen: Zu bunt für Puristen, zu retro für Modernisten, zu opulent für Minimalisten und zu kitschig für Zyniker. Der Wertebewahrer Disney hat sich ein zweites Mal (und wieder nicht mit dem Segen der 1996 verstorbenen Poppins-Erfinderin P.L. Travers) an eine Adaption der Romane gemacht und dem 1964 entstandenen Musical eine Fortsetzung geschenkt, die dem Original in nichts nachsteht.

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"Mary Poppins' Rückkehr": Der Geruch von Bratapfel

20 Jahre nach dessen im edwardianischen London angesiedelter Handlung liegt das Haus der Familie Banks noch immer an der Cherry Tree Lane. Der erwachsen gewordene Sohn Michael (Ben Whishaw) und seine Schwester Jane (Emily Mortimer) haben - im Gegensatz zu ihren Eltern im ersten Film - jedoch weniger mit der Wiederentdeckung der eigenen, kindlichen Seele als vielmehr mit einem aktuellen Problem zu tun: Die Weltwirtschaftskrise hält die Geschwister samt Michaels dreier Kinder fest in den kapitalistischen Fängen.

Ein klein wenig Kapitalismuskritik

Der künstlerisch veranlagte Michael ist Witwer - und kommt weder mit dem Verlust seiner Frau noch mit dem Geldverdienen zurecht. Als dann auch noch herzlose Bankanwälte drohen, der Familie das verschuldete Haus unter den Hintern wegzupfänden, ist es ein Glück, dass eins der Kinder den alten Drachen findet, den Michael längst weggeschmissen wähnte. Denn so ein Drachen, Sinnbild der heilen Kinderwelt, kann sich beim Steigenlassen mit etwas Glück auch in einem fliegenden Kindermädchen verheddern. Und mit Mary Poppins im Team müssen sich die Bonzen warm anziehen.

Es lässt sich gewiss darüber streiten, ob man dem Megakonzern Disney mit einer millionenschweren Weihnachtsfilm-Produktion wie dieser, die sich unter anderem in Form von Modeaccessoires bereits als lukrative Marke etabliert, die Kritik am Kapitalismus glauben soll. Immerhin: Schon die alte Verfilmung mit einer (nicht in den Originalbüchern vorhandenen) Suffragette als Mutter der Banks-Kinder setzte ein erstaunliches politisches Signal.


"Mary Poppins' Rückkehr"
USA 2018
Regie: Rob Marshall
Drehbuch:
David Magee, Rob Marshall und John DeLuca, basierend auf P.L. Travers
Darsteller: Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Emily Mortimer, Pixie Davies, Nathanael Saleh, Joel Dawson
Produktion: Lucamar Productions, Marc Platt Productions, Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney
Länge: 130 Minuten
FSK: ab 0 Jahren

Start: 20. Dezember 2018


Man kann "Mary Poppins Rückkehr" aber auch einfach als einen wuchtigen Candy Crusher nehmen, der die Lust am Fantastischen feiert. Der dabei den ironischen Witz von Emily Blunt gekonnt nutzt, wenn sie etwa ihrem Spiegelbild selbstbewusst "Pure perfection!" zumurmelt. Und der eine Hommage an die Musical-Hochburg Hollywood ist: Komponist Marc Shaiman hat sich gemeinsam mit Texter Scott Wittman ganz der Eleganz der ursprünglichen "With a Spoonful of Sugar"-Tonalität hingegeben.

Der Duft des Analogen

Die beiden leisten mit Songs wie "The place where lost things go" und den Zeilen "Nothing's really left/Or lost without a trace /Nothing's gone forever /Only out of place" gar gesanglich Trauerarbeit. Denn auch die fehlende Mutter, das deutet Poppins den Banks-Kindern im Lied tröstend an, ist schließlich nicht für immer weg. Sondern man hat sie "nur verlegt".

Insofern ist es tatsächlich spitze, dass Mary Poppins zurückgekehrt ist. Und sie kommt "in Style", Ehrensache: Die schreienden, von Sandy Powell designten Kostüme bilden die Dreißigerjahre in England hervorragend ab. Für die mit Tierchen geschmückten Hüte bei "Mary Poppins" vernäht sie die Cul de Paris-Attitude von Vivienne Westwood mit dem Getöse eines Alexander McQueen.

Auch das trägt zu dem Eindruck bei, dass die Produktion - allen voran Regisseur und Choreograf Rob Marshall ("Chicago") - ein älteres (und womöglich queeres) Publikum mitgedacht hat, als sie ihren Film konzipierte. Dazu passt ebenso, dass ausgerechnet Meryl Streep Poppins' schusselig-exzentrische Cousine Topsy spielt, deren Haus sich jeden zweiten Mittwoch im Monat wortwörtlich auf den Kopf stellt. Disney weiß einfach genau, dass man die Kinder, die weder die Bücher, noch die tadellose Julie Andrews (aus der 1964er Version) erinnern, nur über ihre Eltern ins Kino bekommt. Denn die Eltern sind es, die sich nach einer guten, alten, analogen, nach Bratapfel und Kaminfeuer duftenden Welt zurücksehnen.

Im Video: Der Trailer zu "Mary Poppins' Rückkehr"

Disney

Dass Disney genau solch einen von Steckenpferden und Blechautos bevölkerten Rahmen nun mithilfe modernster Digitaltechnik kreiert, ist symptomatisch: Mit dem echten, staubigen Flohmarktzeugs würde man niemanden mehr hinterm Tablet hervorlocken.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
j.w.pepper 18.12.2018
1. Es mag albern sein...
...aber ich freue mich gerade total auf den Film. Und dabei ist es noch gar nicht so lange her, seit ich das "Original" mit Julie Andrews das erste Mal (seitdem aber mehrfach) gesehen habe, nämlich vielleicht fünf Jahre (und ich bin über 60). Einer meiner Lieblings-Disney-Filme und Lieblings-Musicals. Nach der Vorschau scheint Disney beim Sequel nicht viel falsch gemacht zu haben - wenn ich auch aus grundsätzlichen Erwägungen die Originalfassung ansehen möchte. Einzige Sorge: Können die Schöpfer der neuen Musik wenigstens halbwegs mit den Sherman Brothers mithalten?
trafozsatsfm 18.12.2018
2. Mag etwas deplaziert wirken...
Es mag etwas deplaziert wirken, aber manchmal wünschte ich mir, Disney hätte nicht (nur) die Star Wars-, sondern auch die Star Trek-Rechte gekauft. Denn eins muss man dem Konzern lassen: Er hat Sinn für Tradition. Und dann müssten wir heute keine Reptil-Klingonen in Fledermaus-Raumschiffen sehen... ;)
dasfred 19.12.2018
3. Zu Nr.1
Bei mir ist es jetzt etwa vierzig Jahre her, aber ich musste schmunzeln, als hier das ältere evtl. queere Publikum angesprochen wurde. Ich werde zwar nicht extra ins Kino gehen, aber auch nicht abschalten, wenn er in absehbarer Zeit am Sonntagnachmittag im TV läuft. Allein schon wegen der Kapitalismus Kritik.
mr.pixel 19.12.2018
4. @2 trafozsatsfm
Ich finde die neue StarTrek-Serie zwar ebenfalls unterirdisch, aber dafür "darf" man in den Disney-StarWars-Filmen z.B. eine Leia sehen, die wie Mary Poppins durchs Vakuum des Weltalls rauscht, sowie einen depressiven und missmutigen Luke Skywalker. Und das ist nur ein kleiner Teil der Dinge die in den neuen StarWars-Teilen einfach mal gar nicht funktionieren... Deswegen verzichte ich inzwischen auf beides, schwelge in der Lore des Vergangenen und hoffe auf bessere Zeiten... Emily Blunt ist mMn. übrigends eine hervorragende Wahl als Mary Poppins. Eine gute und sehr symphatische Schauspielerin!
marc.bussmann12 16.01.2019
5. Für Jung und Alt
Wir hatten uns gestern einen Abend ohne Kind gegönnt und da unser Kleiner für das Kino noch zu jung ist, haben Mama und Papa sich endlich mal wieder in die Kinosessel fallen lassen. Als Fans der Disney Filme nach klassischer Disney Manier, mussten wir uns auch endlich mal für "Mary" entscheiden. Ich persönlich tat mich sehr schwer damit. Wie kann Disney versuchen so einen Film neu aufzulegen. Star Wars ist schon ausgelutscht und hat seine Magie verloren! Aber Mary?? Ich musste mir am Anfang vom Film schon sagen "warte ab, wird bestimmt besser". Emily Blunt ist hier ein ganz großes Erbe angetreten. Julie Andrews hatte Mary dieses unnahbahre gegeben ohne eingebildet zu wirken. Das war für Emily Blunt am Anfang schon etwas schwer. Die Geschichte die im Film erzählt wird wirkt im ersten Moment oberflächlich und kapitalistisch. Aber wenn man sich auf mehr einlässt kann man auch mehr finden. Und das finde ich gut. Transportiert man die Situation der Banks in die heutige Zeit könnte der Film anders aussehen. Disney versucht uns einfach mal wieder ein bisschen Kind werden zu lassen und unsere Kinder mal wieder Kinder sein zulassen. Ist mir aber auch erst aufgefallen als ich im Bett lag. Und das macht Disney immer noch am besten von allen. Uns im Unterbewusstsein sagen das dass Kindsein immer noch schön ist. Auch noch mit 40, 50, 60, oder älter.
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