Junge Fußballer Vermittelt, verkauft, verheizt

Aus dem Slum in die zweite Liga: Die Dokumentation "Mata Mata" folgt jungen brasilianischen Fußballtalenten, die am unteren Ende des deutschen Profifußballs zu überleben versuchen. Der Film ist eine Sensation.

Von Jörg Böckem

SWR

Eine Wohnung in einer Favela in São Paulo, eng, heruntergekommen, Schimmelpilz an den Wänden. Eine Frau packt einen Koffer. Stolz hält sie einen Trainingsanzug in die Höhe. "Dieser Trainingsanzug", sagt sie in die Kamera, "wird sein gesamtes Leben ändern, alles. Das ist die Uniform, in der er für uns kämpfen wird!"

Die Uniform, das ist das Trikot von Bayer Leverkusen. Er, das ist der 18-jährige Carlinhos. Die Frau ist seine Mutter. Für sie, ihre ganze Familie, geht es um alles: Ihr Sohn, der Vertrag, den der deutsche Bundesligist ihm angeboten hat, ist ihr Ticket hinaus aus der baufälligen Wohnung, aus der Armut, dem Elend und der Hoffnungslosigkeit. Ihr Sohn, der bald darauf an einem Tisch in den Büroräumen der Agentur Traffic sitzt, umringt von Spielerberatern und Agenten, die ihn zur Unterschrift drängen unter einen Vertrag, den er kaum begreift.

Einige Monate später wird Carlinhos in einer tristen Wohnung in einer tristen Straße in Leverkusen auf einem schwarzen Ledersofa liegen, hinter geschlossenen Rollläden, das Gesicht in den Kissen vergraben. "Ich habe hier nichts zu melden", sagt er, "die mögen mich hier nicht, keine Ahnung." Er hat den Sprung in den Kader nicht geschafft. Der Traum wandelt sich zum Albtraum. Das Heimweh, die Einsamkeit, die Kälte, die Frustration hält er kaum aus. Zu Hause, hat er erfahren, sind zwei seiner besten Freunde gestorben, einer an einer Überdosis, der andere bei einem Unfall mit einem gestohlenen Wagen. Keiner da, mit dem er die Trauer teilen kann.

"Ich könnte jemanden umbringen", sagt Carlinhos. Wenn er mit seiner Familie skypt, beschwört ihn seine Mutter, nicht aufzugeben. Von dem Geld, dass der Verein ihrem Sohn bezahlt, hat sie das Haus renoviert und ausgebaut, einen neuen Fernseher und eine Stereoanlage gibt es auch. Als Bayer Carlinhos nach Regensburg verleiht, in den Abstiegskampf in der zweiten Liga und den Schnee, hält er es irgendwann nicht mehr aus und flieht, zurück nach São Paulo.

Gute Sportler, böser Sport

Carlinhos ist eines von fünf jungen brasilianischen Talenten, die die Dokumentarfilmer Jens Hoffmann und Cleo Comino über drei Jahre mit der Kamera begleitet haben. Vielversprechende Talente wie Mosquito, der in der Favela "City of God" lebt und dessen Vater ein hochrangiges Mitglied des berüchtigten "Comando Vermelho" ist, das den Drogenhandel und die Favelas in Rio beherrscht. Junge Männer aus ärmsten Verhältnissen, die von einer Karriere in Europa und der Nationalmannschaft träumen und dabei zum Spielball werden von Spielerberatern, Agenten und Profiklubs.

Hoffmann und Comino waren bei ihnen zu Hause, haben sie bei Jugendturnieren in der ganzen Welt spielen, siegen und scheitern gesehen, waren bei Verhandlungen mit Agenturen und Managern dabei, bei nächtlichen Fußballspielen auf matschigen Plätzen in den Slums.

Eingerahmt werden die dramatischen Schicksale von Carlinhos, Mosquito, Danilo, Thiago und Dankler von der Geschichte eines Brasilianers, dem es gelungen ist, seinen Traum zu verwirklichen: Dante, der Abwehrspieler des FC Bayern München. In "Mata Mata" erzählt er von seiner Kindheit in Salvador da Bahia und von seiner langen und schmerzhaften Odyssee in die europäische Liga. Die Kamera ist dabei, als sein Jugendtraum wahr wird und er zum ersten Mal im Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft aufläuft, während des Confed Cups im Spiel gegen Italien, im Stadion seiner Heimatstadt, und das erste Tor für Brasilien schießt.

Die schlechte Nachricht ist: Dieser Dokumentarfilm ist eigentlich zu groß für den Fernsehbildschirm. Sicher, der "Sportschau"-Sendeplatz, noch dazu vor dem Champions-League-Finale am Samstag, ist wahrscheinlich das Beste, was einem Dokumentarfilm zum Thema Fußball passieren kann. Aber "Mata Mata" ist mehr als eine Fußballdokumentation, der Film hätte es verdient, auf allen Großbildleinwänden während der WM zu laufen.

Hoffmann gelingt es, mit wunderbar komponierten Bildern ein Stück brasilianische Wirklichkeit einzufangen. "Er kommt seinen Protagonisten, ihrem Leben, ihren Träumen, Sehnsüchten und Ängsten sehr nahe und zeichnet ein bedrückendes Bild vom modernen Fußballgeschäft, in dem junge Männer vielen als Ware gelten.

Dabei hält er sich, wie schon bei "9 to 5 Days In Porn", seiner exzellenten Dokumentation über das Porno-Bussiness in Amerika, mit Kommentaren oder Bewertungen völlig zurück. Er lässt seine Bilder und Protagonisten sprechen. Wenn zum Beispiel der Auslandschef der Agentur Traffic Carlinhos traumatisches Engagement in Deutschland als "Perfekt gelaufen" bezeichnet und betont, er könne an der Entwicklung nichts Negatives erkennen, erübrigt sich wohl tatsächlich jeder Kommentar.


"Mata Mata - Spiel des Lebens", Samstag, 18.20 Uhr, ARD



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insgesamt 31 Beiträge
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kanadasirup 23.05.2014
1. Fleisch
Nirgendwo sonst wird es so deutlich: Die heutige Gesellschaft behandelt alles und jeden als ein Stück Fleisch. Jeder Arbeitsplatz nur eine Kostenstelle die Profit abzuwerfen hat. Wer nicht funktioniert wird aussortiert. Die Sklaverei wurde nicht abgeschafft. Heute ist jeder Sklave.
totalmayhem 23.05.2014
2.
So ist das nunmal im Profigeschaeft, die Sportler sind die Ware, egal wo sie herkommen. Mit 18 ist er eigentlich schon zu alt. Da muesste er schon ein begnadetes Talent sein, um es aus den Slums in die erste Mannschaft eines Vereins zu schaffen, der regelmaessig in der CL vertreten ist. Von daher duerfte sich auch die Risiko- und Hilfsbereitschaft des Clubs in Grenzen halten. Entweder so einer schafft es oder er fliegt. Viele der Suedamerikaner die in Europa gross rauskommen, sind Produkte vereinseigener Fussballinternate, in denen sie schon als junge Teenager betreut wurden. Aber statt nur auf den Vereinen und Vermittlern rumzuhacken, sollte man nicht vergessen, dass die Familien ihren Nachwuchs auch nur allzu gerne verhoekern, Hauptsache es kommt Kohle rein.
schwarzes_lamm 23.05.2014
3.
Zitat von sysopSWRAus dem Slum in die Zweite Liga: Die Dokumentation "Mata Mata" folgt jungen brasilianischen Fußballtalenten, die am unteren Ende des deutschen Profifußballs zu überleben versuchen. Der Film ist eine Sensation. http://www.spiegel.de/kultur/kino/mata-mata-doku-ueber-junge-fussballer-aus-brasilien-a-971258.html
Was soll an einem gesicherten Einkommen in der 2.BL schlimmer sein als am Leben in den Favelas? Ich habe den düsteren Verdacht, hier handelt es sich wieder um eine vollsubventionierte Volkspädagogik-Lehrstunde, bei der die soziale Komponente nicht zu kurz kommen darf.
gerd.leineune 23.05.2014
4.
Verschimmelte Wohnung, ein guter Freund wegen Überdosis tot, ein weiterer mit geklautem Auto in den Tod gefahren, vom Geld hat die Familie Stereoanlage und Fernseher gekauft, das Haus renoviert und ausgebaut, der Vater hochrangiges Gangmitglied... Der Junge hat ganz andere Probleme als schlechtes Wetter in Deutschland. Und wer beim Erstligisten zum Probetraining war, bzw. sogar einen Vertrag erhielt, der wird, selbst wenn alle Stränge reißen, immernoch in einer der unteren Ligen (dritte bis sechste mindestens) gutes Geld bekommen. "Schlimmstenfalls, noch eine Ausbildung dazu.
AfroGerman 23.05.2014
5. Was habt ihr eigentlich?
Was ist daran so grausam nach Deutschland zu gehen Geld zu verdienen und nach einer gewissen Zeit in die Heimat zurückzukehren??!!! Ist das sowas wie eine Kapitalismuskritik? Denn jeder normale Mensch kann so etwas durchleben. Nur weil man Fußballspieler ist verdient meine es besser und edler behandelt zu werden als ein Arbeiter oder Angestellter??? Ich mag solche Filme nicht, da sie immer darauf hinaus wollen wie grausam doch die Welt doch ist...
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