"Match Point" Zynismus macht das Spiel

Schon wieder ein Woody Allen-Film. Nur dass er ganz anders aussieht als die meisten Werke des großen Kinohumoristen. "Match Point" ist böse, grausam, kaltblütig und virtuos - und liefert die Hollywood-Schöne Scarlett Johansson ans Messer.

Von Birgit Glombitza


Es ist dieser eine klitzekleine Moment, in dem der Tennisball auf der Netzkante tanzt und sich nicht entscheiden mag für die ein oder andere Seite, für vorwärts oder rückwärts, Sieg oder Niederlage. Der entscheidende Augenblick, in dem alle Optionen für den Bruchteil einer Sekunde in der Schwebe hängen. Woody Allen ist das Kunststück gelungen, aus dieser atemberaubenden Winzigkeit einen abendfüllenden Film zu machen. Und was für einen!

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"Match Point": Böses Spiel

"Match Point" erzählt die Geschichte des skrupellosen Aufsteigers Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers), ein junger Amerikaner, der sich als Tennislehrer in einem Club der Upper Class andient. Ausgestattet mit einem feinem Gespür für die richtige Mischung aus devoter Präsenz und unverfänglichem Charme absolviert er bald die klassische Karriere eines Parvenüs. Ganz so, wie es sich die großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts von Thackeray bis Zola ausmalten.

Chris freundet sich mit seinem Tennisschüler Tom Hewett (Matthew Goode) an, einem Sohn aus bestem Haus, und nimmt als exotischer Unterschichtssprössling mit kultivierten Umgangsformen und Sinn für Oper und Literatur bald die gesamte Familie für sich ein. Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer) verliebt sich prompt in ihn, sein Vater organisiert Chris einen lukrativen Job in der eigenen Firma. Die fehlende Ausbildung wird in einem BWL-Crash-Kurs für die Elite nachgeholt.

Chris, den Rhys Meyer mit fast gleich bleibender Mine, aber den brennenden Augen eines gnadenlosen Glücksritters spielt, ist einer, der haben will, was er sieht. Toms Aston Martin ebenso wie dessen Kaschmirmantel oder gar dessen Freundin Nola (Scarlett Johansson), eine Amerikanerin aus fragwürdigen Verhältnissen, genau wie er selbst. Mit Nola steht Chris' System einer einträglich kanalisierten Gier vor dem Kurzschluss. Denn mit der heimlichen Leidenschaft für seinesgleichen ist kein Staat zu machen.

"Match Point" ist ein raffinierter Film über die moralischen Defekte unbedingten Erfolges und über die Unvereinbarkeit von Ehrgeiz und Liebe, Glück und Gerechtigkeit. Erzählt mit dem Understatement eines Beobachters, der sich auf dem Parkett komplizierter Kleiderordnungen und Gesprächsrituale so sicher bewegt, als gehöre er seit jeher auf die Gästeliste fürs alljährliche Moorhuhnschiessen. Geschickt wechselt Allen die Erzähltempi, so lässt er sich unendlich viel Zeit damit, Nola Paul in die Arme zu treiben. Doch bevor der Plot sich ins Melodramatische ausbreiten kann, befinden wir uns schon im Staccato eines Polizeifilms.

Ungewohnt kühl und nüchtern ist dieses neue Allen-Werk geworden - genau wie das London, in das der New Yorker Stadtneurotiker hier ausgezogen ist, um zum ersten Mal nach 38 Filmen sein Manhattan, das bewährte Terrain seiner jahrzehntelangen Selbstbespiegelung, zu verlassen. So klar, so konzentriert und zielstrebig ging es im Allenschen Kosmos selten zu. In "Match Point" gibt es keine Plänkeleien über monströs aufgebauschte Nichtigkeiten, keine ins Absurde gedrechselte Intellektualität. Und auch keinen verhuschten kleinen Mann, der mit schwerer Brille und hängenden Schultern den tagtäglichen Zumutungen eines mittelständischen Lebens ausgesetzt ist.

Trotzdem spürt man den Allenschen Einfallsreichtum an jeder Ecke, seine sophistischen Purzelbäume, mit denen er die Gewissheiten des bürgerlichen Lebens kippt und seine assoziative Wendigkeit, mit der er immer wieder auf die Urthemen seines Oeuvres zusteuert, allen voran seine fast manische Beschäftigung mit Dostojewskis "Schuld und Sühne".

Der gerechte Mord, motiviert von einer großen Idee, das spukt auch dem Karrieristen Chris durch den Kopf, als sein Höhenflug zum ersten Mal ins Stocken gerät. Doch Chris' Bluttat, mit der sich Allens Film zur grausigen Moritat steigert, dient letztlich nur dem ungebremsten Aufstieg eines Zynikers, der sich allzu schnell an einen eigenen Chauffeur und ein Appartement mit Blick auf die Themse gewöhnt hat.

So kommt am Ende nichts wieder in Ordnung, von ausgleichender Gerechtigkeit keine Spur. Derart bitter und böse ist es selten zugegangen bei Woody Allen. Und am Ende hat man selbst das Glück in Verdacht, durch und durch korrupt zu sein. Wenn all die Indizien, die die Ermittler zum wahren Täter führen müssten, plötzlich in die falsche Richtung weisen, alles wieder offen ist und das Schicksal erneut seine Münze wirft. Die landet auf der Kante und dreht sich und dreht sich ...



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