Kampagne gegen Film über Zar Nikolaus II. Zielscheibe des frommen Hasses

Der russische Regisseur Alexej Utschitel hat einen Film über die voreheliche Beziehung des letzten russischen Zaren gedreht. Jetzt erhält er Morddrohungen, religiös-nationalistische Eiferer empören sich. Wie weit reicht ihr Einfluss?

Kinostar

Aus Sankt Petersburg berichtet


Was hat all das mit dem christlich-orthodoxen Glauben zu tun? Immer wieder hat sich Regisseur Alexej Utschitel in den vergangenen Monaten diese Frage gestellt.

Als im Sommer Hunderte Briefe bei Kinos und Filmverleihern Russlands eingehen, kann er lesen, wie sich der Hass gegen ihn aufgestaut hat.

Sein Film "Matilda", der die voreheliche Liebesbeziehung des letzten Zaren Nikolaus II. mit der Primaballerina Matilda Kschenssinskaja pompös inszeniert, sei eine Beleidigung der "russischen Erde, des Volkes und der Geschichte", heißt es in dem Schreiben. "Das ist der Anfang des Krieges." Kinos in Russland würden brennen, sollten sie "Matilda" zeigen.

Absender: eine bis dahin noch unbekannte militante Organisation orthodoxer Gotteskrieger, "Christlicher Staat - Heilige Rus", die ihren Namen in Anlehnung an die Terrororganisation "Islamischer Staat" gewählt hat.

Alexej Utschitel
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Alexej Utschitel

"Noch nie habe ich so eine Angriffslust gesehen", sagt Utschitel. Er spricht leise, sucht nach Worten, um das, was er in den vergangenen Monaten erlebt hat, auszudrücken.

Der 66-Jährige nennt es "Barbarei". "Ich habe Angst, vor allem um Verwandte und Kollegen." Molotowcocktails flogen in sein Studio in Sankt Petersburg, die glücklicherweise keinen größeren Schaden anrichteten, Autos brannten vor der Kanzlei seines Anwalts in Moskau, ein selbst ernannter "orthodoxer Aktivist" steuerte einen mit Sprengstoff beladenen Wagen in ein Kino in Jekaterinburg, dessen Foyer beschädigt wurde. Schließlich reagierten die Sicherheitsbehörden Mitte September. Der Anführer der christlichen Extremisten sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Premiere ohne Hauptdarsteller - aus Angst vor möglichen Attacken

Die großen Kinoketten werden "Matilda" nun doch zeigen, zwischenzeitlich hatten sie angekündigt, den Film aus Sicherheitsgründen nicht aufzunehmen. Ab Donnerstag ist er in den russischen Kinos zu sehen, ab 2. November unter dem Titel "Mathilde" auch in Deutschland.

Doch allein die Premiere in Utschitels Heimatstadt Sankt Petersburg zeigt, wie vorsichtig der Regisseur geworden ist. Kein Plakat, kein Hinweis im Spielplan des Mariinsky-Theaters deuten auf die Veranstaltung hin. Dabei wurden dort die meisten Ballettszenen für den pompösen Kostümfilm gedreht.

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Die Hauptdarsteller, Lars Eidinger, der Zar Nikolaus II. spielt, und Michalina Olszanska, die die bildhübsche polnischstämmige Ballerina darstellt, kommen nicht - "Ich habe Angst, dass mir jemand wehtut", schreibt Eidinger, der als schwuler Pornostar bezeichnet und als Satanist diffamiert wird, in einem Brief an Utschitel.

Verteidiger der Ehre des letzten Zaren

Im Jahr 2000 hatte die orthodoxe Kirche Nikolaus II. und dessen Familie heiliggesprochen. Ihre Ermordung durch die Bolschewiki 1918 gilt als Märtyrertod. Das Bild eines verletzlichen Nikolaus II. und die leidenschaftliche Liebesbeziehung, obwohl sie historisch belegt ist, passen nicht in dieses Bild des frommen Märtyrers.

Für die selbsternannten Tugendwächter gilt es, die Ehre des letzten Zaren zu verteidigen. Sie sind seit Monaten auf einem Kreuzzug gegen Utschitel und Eidinger, nehmen für sich in Anspruch, zu entscheiden, was Kunst darf und was nicht. Wohlwissend, dass die orthodoxe Kirche sich als Vertretung der Mehrheit der Russen sieht und deshalb zwar Gewalt verurteilt, aber ihre frommen Gläubigen verteidigt.

Ihr Urteil haben sie in den vergangenen Monaten ausschließlich auf Grundlage der kurzen Werbetrailer gefasst. Gerade das ist es, was Utschitel nicht begreifen kann: "Nicht einmal die offizielle Zensur in der Sowjetunion hätte das geschafft: Auch damals mussten die Zensoren Filme erst einmal sehen, um sie aus den Kinos zu verbannen."

Natalia Poklonskaja
AP

Natalia Poklonskaja

Immer wieder hat er Kritiker eingeladen, seinen Film anzuschauen, auch seine schärfste Widersacherin, die Duma-Abgeordnete der Regierungspartei "Einiges Russland", Natalja Poklonskaja. Doch die ehemalige Generalstaatsanwältin der von Russland besetzten Krim, eine glühende Zaren-Verehrerin, lehnte ab - und überzog Utschitel mit weiteren Beschwerden. Insgesamt 43 Eingaben gegen "Matilda" machte sie bei den Behörden und heizte damit die Stimmung weiter an. Sie wollte den Film verbieten lassen, weil er angeblich die religiösen Gefühle der Zuschauer verletze, in Russland ein möglicher Straftatbestand. Poklonskaja scheiterte, hetzt aber weiter.


"Matilda"
Russland 2017

Regie: Aleksey Uchitel
Drehbuch: Aleksandr Terekhov, Michael Katims (Mitarbeit)
Darsteller: Michalina Olszanska, Lars Eidinger, Danila Kozlovsky, Luise Wolfram
Produktion: TPO Rok
Verleih: Kinostar
Start: 2. November 2017


Utschitel wandte sich mit der Bitte um Hilfe an den Parlamentspräsidenten und den Kreml. Er nennt sich selbst loyal; er könne nicht das Geld des Staates nehmen (bei "Matilda" sind es 280 der 814 Millionen Rubel Gesamtproduktionskosten) und ihn dann kritisieren. Präsident Wladimir Putin lobt Utschitel als "talentiert" und "patriotisch", hielt sich in der hitzigen Debatte jedoch zurück, was einige Kommentatoren zu der Frage führte, inwieweit der Kreml die kirchlichen Hardliner noch kontrollieren kann.

Enge Allianz von Putin mit Kyrill

Putin, der sich im März als Präsident wiederwählen lassen wird, braucht die Unterstützung der Christlich-Konservativen. Der Staatschef pflegt eine enge Allianz mit dem Patriarchen. Es vergeht kein hoher Feiertag, an dem sich Putin nicht in einer Kirche ablichten lässt. Der Glaube ist Teil der patriotisch aufgeladenen Machtideologie geworden.

Dabei sind Kirche und Staat in Russland laut Gesetz eigentlich getrennt. "Die orthodoxe Kirche beansprucht aber die führende Rolle in Bildung und Kultur des Landes für sich", sagt Regisseur Vitali Manski. "Das ist keine Zensur, das ist ein tiefgreifender Wandel der Gesellschaft zurück ins Mittelalter." Manski lebt inzwischen in Riga. Auch wenn die christlichen Fundamentalisten das Ausstrahlen "Matildas" nicht verhindert hätten, gewonnen hätten sie dennoch. Die Künstler würden sich künftig weiter selbst beschränken, prophezeit er: "Der nächste Film von Utschitel wird absolut konfliktfrei sein - und die Filme der anderen Regisseure auch."

Im Video: Der Trailer zu "Mathilde" (dt.)

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