Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Matrix Revolutions": Sehnsucht nach der blauen Pille

Von

Sinnloses Gefasel, stupides Geballer: Mit "Matrix Revolutions" beenden die Wachowski-Brüder ihre einst viel versprechende Science-Fiction-Trilogie - und tragen ihren eigenen Mythos zu Grabe.



Der "Auserwählte" Neo: Keanu Reeves wird vom Weichei zum Messias
Warner Bros.

Der "Auserwählte" Neo: Keanu Reeves wird vom Weichei zum Messias

Es war einmal ein Meilenstein: 1999 schrieben die amerikanischen Regisseure Larry und Andy Wachowski Kinogeschichte, indem sie die heilige Dreifaltigkeit in Latex, coole Sonnenbrillen und lange schwarze Ledermäntel kleideten. Der "Auserwählte" Neo (Keanu Reeves), seine treue Geliebte Trinity (Carrie-Anne Moss) und der gravitätische Glaubensbruder Morpheus (Laurence Fishburne) traten an, die Menschheit von ihrer Unwissenheit zu befreien. Der Science-Fiction-Film "The Matrix" transportierte die alte Mär vom Krieg der Welten in das Computerzeitalter und verlegte das Schlachtfeld in den Cyberspace: Die versklavten Menschen werden in riesigen Legebatterien gezüchtet, um die verselbständigten Maschinen mit Energie zu versorgen. Im Gegenzug wird ihnen eine virtuelle Welt vorgegaukelt, die unserer Realität entspricht - ein gigantisches Computerprogramm namens Matrix.

Das kampfsportbegabte Triumvirat, das sich in der kalten und scharfkantigen Großstadt-Atmosphäre der Matrix elegant choreographierte Scharmützel mit der Maschinenpolizei, ebenfalls sonnenbebrillten "Agenten", lieferte, wurde schnell zum Kinokult. Knappe, prägnante Dialoge, stilvolle Handys, aufregende Kostüme und chromblitzende Waffen boten eine kompromisslose Ausstattungsorgie. Eigens erfundene Digitaleffekte, durch die Pistolenkugeln in rasanter Zeitlupe fliegen konnten, setzten neue Maßstäbe in der Tricktechnik und bildeten die Ästhetik der Action- und Superhelden-Comics erstmals adäquat auf der Leinwand ab. Der Plot, eine religiös verbrämte Erlösungsgeschichte, gewann seinen Reiz vor allem durch das Spiel auf mehreren Realitäts-Ebenen. Als Neo, ein schluffiger Computernerd, erfährt, dass die Welt um ihn herum nur eine fabrizierte Simulation ist, stürzt er in eine Existenzkrise, in der sich unsere im Medienzeitalter stetig wachsende Angst vor dem Verlust der Kontrolle und Wahrhaftigkeit spiegelte. Auf der bangen Frage "Was wäre, wenn alles nur eine Illusion ist" entwarf "The Matrix" einen wahrhaft phantastischen Actionfilm.

"Agent Smith" (Hugo Weaving): Markante Marotten eingebüßt
Warner Bros.

"Agent Smith" (Hugo Weaving): Markante Marotten eingebüßt

Der Trick lag natürlich darin, große Teile der Handlung in einer Welt spielen zu lassen, die zwar normal aussah, zuvor aber als komplett künstlich deklariert wurde. Ein Spielfeld, das jede noch so kühne Idee, jeden noch so waghalsigen Stunt erlaubte. Wäre es bei diesem Konzept geblieben, rankte sich um die öffentlichkeitsscheuen Wachowski-Brüder heute zu Recht ein Mythos. Spätestens seit der Enttäuschung, die der zweite "Matrix"-Film "Reloaded" im vergangenen Sommer bescherte, steht es jedoch nicht mehr so gut um das Renommee der Regisseure und ihrer Trilogie. Zu viele neue Charaktere, zu viel Handlung in der wenig faszinierenden Rebellenstadt Zion außerhalb der Matrix, zu viel verwirrendes Gefasel und zu viel unnötig aufgeblasene Action, die das alles kompensieren sollte. Reichlich Murks, wenig Erhellung - aber einem "Mittelteil kann man das zur Not verzeihen - siehe hierzu auch die "Star Wars"-Episode "Das Imperium schlägt zurück" oder Peter Jacksons zweiten "Herr der Ringe"-Film.

Der dritte und letzte Teil der Saga soll nun alles retten. Am Mittwoch startet "Matrix Revolutions" weltweit in den Kinos und wird mit Spannung erwartet. Es geht immerhin um wichtige Fragen: Wird Neo es schaffen, die Menschen zu befreien? Wird er es mit dem inzwischen zum alles verschlingenden Virus mutierten Ekelpaket "Agent Smith" aufnehmen können? Retten Neo und Trinity ihre Liebe? Und, noch viel wichtiger: Bekommen wir im dritten Teil endlich wieder mehr von all der Coolness und Eleganz, die wir an "The Matrix" so geschätzt haben?

Actionszene außerhalb der Matrix: Real ist auch nur digital
Warner Bros.

Actionszene außerhalb der Matrix: Real ist auch nur digital

Was die letzte Frage betrifft: leider nicht. Der Film beginnt mit einer zähen halben Stunde, in der echte und virtuelle Akteure aufgescheucht und orientierungslos umher irren und sich immer wieder gegenseitig versichern, dass sie keine Ahnung haben. Allein der Glaube an den Messias hält alles zusammen. Neo jedoch liegt im Koma und ist gefangen zwischen Matrix und Realität. Als er nach einigen ermüdenden Szenen, in denen auch kurz noch einmal der "Merowinger" aus dem zweiten Teil und seine Gespielin Persephone (einsilbig: Monica Bellucci) auftauchen, endlich wieder bei Besinnung ist, beschließt er, sich zu den Maschinen zu begeben, um mit ihnen gemeinsam gegen den außer Kontrolle geratenen Smith vorzugehen. Als Preis für seine Hilfe fordert Neo Frieden zwischen Mensch und Maschine.

Von den Millionen Sklaven, die doch eigentlich noch immer in den Plantagen vor sich hin vegetieren, ist hier aber längst nicht mehr die Rede. Die Menschheit wird nurmehr vertreten durch die tapferen Rebellen von Zion. Die Maschinen, zuvor eine unsichtbare und daher düster-bedrohliche Macht, entpuppen sich als putzige Roboterzivilisation mit einer hell strahlenden Gottheit.

Kampfroboter der Zion-Bewohner: Mit gelben Laserblitzen gegen die Duschschläuche
Warner Bros.

Kampfroboter der Zion-Bewohner: Mit gelben Laserblitzen gegen die Duschschläuche

Dass sich dieser deus ex machina auf den Handel einlässt, bei dem Neo jesusgleich sein Leben opfern wird, sei hier verraten. Doch zuvor müssen diverse Endschlachten ausgetragen werden: Der Kampf der Menschen gegen die in ihre Stadt eindringenden "Wächter"-Maschinen ist ein digitalisierter Action-Alptraum, der sogar die Künstlichkeit der letzten beiden "Star Wars"-Episoden in den Schatten stellt. Man wähnt sich in einem Computerspiel, so viel animierte, an Duschschläuche erinnernde Maschinen-Tentakel wirbeln herum, während Menschlein in grotesk überdimensionierten Kampfmonturen, deren Machart noch dazu aus "Aliens" geklaut wurde, Kaskaden gelber Laserblitze verschießen. Die gegenüber der Matrix als real geltende Welt der unterirdischen Rebellenenklave besteht also auch nur noch aus Computer-Malereien. Sollte es diese zivilisationskritische Erkenntnis sein, die sich hinter all dem millionenschweren Aufwand verbirgt, so haben die Wachowskis ihren Punkt gemacht.

Der Finalkampf zwischen Neo und Agent Smith findet zwar zur Abwechslung mal wieder in der schön verregneten Matrix-Realität statt, doch endet auch diese handfeste Auseinandersetzung in einem langatmigen Gewitter aus schlecht animierter Pyrotechnik. Ohnehin gehört die Figur "Smith" zu den großen Verlierern der "Matrix"-Trilogie. Der von Hugo Weaving mit schlurrender Stimme und Augenbrauen-Akrobatik versehene Agent gehörte zu den originellsten Figuren des ersten Films. Doch je mehr der Menschen verachtende Rebellenjäger zum ultimativen Bösen hochstilisiert wurde, desto mehr seiner charmant-markanten Marotten büßte er ein.

Liebespaar Trinity, Neo: Entzaubert durch dümmliche Dialoge
Warner Bros.

Liebespaar Trinity, Neo: Entzaubert durch dümmliche Dialoge

Den Todesstoß setzen der Trilogie indes die immer dümmlicheren Dialoge. Keine Spur mehr von legendären One-Linern wie "Folge dem weißen Kaninchen" oder "Es gibt keinen Löffel". In "Revolutions" verdeutlicht Trinity ihre seelische Verwirrung, indem sie Neo erzählt, sie habe "zehn Minuten gebraucht, um einen Stiefel zuzuschnüren". Später, als sie von mehreren "Duschschläuchen" durchbohrt im Sterben liegt, aber noch in aller Seelenruhe ausgiebig mit ihrem Geliebten plaudert, tröstet sie den aufgelösten Erlöser mit einem lapidaren "Ist schon okay". Der Zuschauer wird durch solche unfreiwillig absurden Wortwechsel auch noch seines letzten Strohhalms beraubt - der grandiosen Lovestory, einer bis dato herzerwärmenden Konstante im zuweilen wirren Wechselspiel der Realitäten.

Am Ende, nachdem die schillernde Blase, die "The Matrix" vor vier Jahren gebildet hatte, an der ewig schnöden Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse zerplatzt ist und wir mit der Botschaft das Kino verlassen, dass es irgendwie wichtig ist, sich "zu entscheiden", für was auch immer, macht sich Ernüchterung breit. Was als optisch eindrucksvolle Parabel auf die Selbstfindung des Individuums begonnen hat, verliert sich in der Beliebigkeit aufgeplusterter Hollywood-Massenware. Man möchte am liebsten jene "blaue Pille" aus dem ersten Teil schlucken, die einen zurück in die Matrix und ins selige Vergessen katapultiert. "Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende", lautet der in seiner Binsenweisheit durchaus symptomatische Untertitel von "Matrix Revolutions". Hoffentlich bleibt uns ein vierter Teil erspart.


The Matrix Revolutions


USA 2003. Regie/Drehbuch: Larry und Andy Wachowski. Darsteller: Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss, Laurence Fishburne, Jada Pinkett-Smith, Monica Bellucci, Hugo Weaving, Lambert Wilson, Mary Alice, Nona M. Gaye. Produktion: NPV Entertainment, Silver Pictures, Village Roadshow Pictures, Warner Bros.. Verleih: Warner Bros.. Länge: 129 Minuten. Start: 5. November 2003

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: