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Historienfilm "Der Medicus": Ein Epos wird verarztet

Von Roland Huschke

SPIEGEL ONLINE

Noah Gordons Schmöker "Der Medicus" galt als unverfilmbar, jetzt bringt ihn Philipp Stölzl in die Kinos. Burgen, Kostüme, Wüstensand - der Aufwand ist gigantisch. Die Verantwortlichen sprechen von einem "Weltprojekt". Fragt sich, ob der ambitionierte Plan aufgeht.

Es geht auf vier Uhr morgens zu, als Regisseur Philipp Stölzl am Rande der Sahara in ein Hotelsofa plumpst und starren Blickes erst mal zwei Glas Wein braucht, um sich das Adrenalin des nächtlichen Drehs auszutreiben. Kein Gedanke daran, dass er gerade "Der Medicus" verfilmt, eine Filmproduktion mit einem Budget von 26 Millionen Euro. Oder dass es sich bei Noah Gordons Vorlage um einen europäischen Bestseller handelt, der allein in Deutschland sechs Millionen Mal verkauft wurde.

Nein, in dieser Nacht im marokkanischen Ouarzazate steckt Stölzl der Geist der Filmgeschichte in den Knochen. Das "Medicus"-Team hat schließlich in der Kulisse einer kolossalen Burg gedreht, die einst für Ridley Scotts Epos "Königreich der Himmel" errichtet und der regionalen Filmwirtschaft danach als Location überlassen wurde. "Scott ist neben allem anderen ein Meister des filmischen Handwerks", sagt Stölzl, "von dem man viel lernen kann, um mit Rauch und Schnee, mit Licht und Schatten die Textur einer glaubhaften Welt zu schaffen - andernfalls sieht es nachher zu sehr nach Mittelalterfest Neukölln aus."

Akribisch recherchiert, erzählt der Roman "Der Medicus" vom jungen Waisen und Medizinstudenten Rob, der aus dem Dunkel des römisch-katholischen Mittelalters ins Licht des Orients reist, einer vergleichsweise hoch entwickelten Kultur mit einem explosiven Religionsgemisch. "Gerade heute", sagt Stölzl, "ist der Stoff in seinem Plädoyer für religiöse Toleranz sehr zeitgemäß - und er erinnert uns westliche Länder auch an den Respekt, den wir der arabischen Kultur eigentlich schulden: Denn im 11. Jahrhundert war Europa im tief dunklen Mittelalter, während im Orient mit dem damals noch jungen Islam eine wissenschaftliche Hochkultur blühte, die sehr viel hervorgebracht hat, was unsere Zivilisation heute ausmacht."

Arabische Hengste im Mondschein

Am Set tummeln sich Dutzende Statisten und arabische Hengste im Mondschein, während Crewmitglieder bei abenteuerlichen Kletterpartien Scheinwerfer in den Burgzinnen positionieren oder an den detailreichen Kostümen von Schauspielern wie Ben Kingsley und Olivier Martinez zupfen. Die Drehsprache ist Englisch, Tag 40 von "The Physician" steht auf dem Plan. Gedreht wird eine Szene zum Ende des Filmes am Hofe des Herrschers der fremden "Medicus"-Welt. Und obwohl das Menschengewimmel kaum üppiger anmuten könnte, kommt Stölzl nach Feierabend nicht aus dem Staunen heraus. "Man ahnt ja nicht", murmelt er, "in welchen Dimensionen Ridley Scott hier gearbeitet hat, bis man dann selbst am Set steht und den riesigen Raum mit visuellen Informationen füllen muss!"

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Noah Gordons "Medicus": Auf der Suche nach Heilkraft

Der Vergleich macht schon deutlich, in welchen Dimensionen die Macher denken, auch wenn sie sich finanziell nicht mit Hollywoods Etats messen können. Doch "Der Medicus" ist fraglos der dezidierte Versuch, "von Deutschland aus ein Epos und ein Weltprojekt zu machen, von dem wir uns auch außerhalb unseres Sprachraums einigen Erfolg versprechen". Selbstbewusst geben die Produzenten Nico Hofmann und Wolf Bauer diese Parole aus. Der eine ist Chef der gesamten Ufa, der andere als Ufa-Fiction-Chef Deutschlands umtriebigster Fernsehschöpfer. Beide sind außerdem Produzenten und Geschäftsführer der Ufa Cinema. Reine Formsache also, dass es von "Der Medicus" nach der Kinoauswertung auch eine deutlich längere TV-Fassung geben wird.

Hoffnung auf neue Märkte und Zuschauer

Schon Mitte der achtziger Jahre, als der Roman des Medizinjournalisten Noah Gordon erschienen war, erzählt Bauer, habe er den Stoff ins Visier genommen. Doch die Verfilmungsrechte seien bereits früh an Dietrich Grönemeyer gegangen, den Arzt und Bruder des berühmten Sängers. Eine ganze Reihe deutscher Firmen, darunter die Constantin und Senator, waren seither mit der Produktion beschäftigt, ohne das Projekt je bis zur Drehreife finanzieren zu können. Zu schwierig schien offenbar das Unterfangen, einen Roman von 900 Seiten für eine Kinofassung zu destillieren. Auch die Idee eines Fernseh-Mehrteilers scheiterte an Gordons Wunsch, sein Werk zuerst im Kino sehen zu wollen.

Als die Rechte nach 20 Jahren wieder zurück an den Autor fielen, brauchte es drei Reisen von Hofmann und Bauer nach Boston, um den skeptischen Gordon von einem neuerlichen Anlauf zu überzeugen. Auch ein erster Drehbuchentwurf wurde ihm eingeräumt, eine Zeitlang war der Regisseur Roland Suso Richter im Rennen. Doch erst als europäische Co-Partner und Kreative mit Philipp Stölzl zusammenkamen, konnte man das Projekt angehen. Stölzl hatte zuvor mit "Nordwand", "Goethe!" und einigen Operninszenierungen bewiesen, dass er Bilderwelten jenseits von dominierender TV-Ästhetik schaffen kann.

Unterstellt man den Produzenten, dass sie dem alten Eichinger-Erfolgsrezept hinter "Der Name der Rose" oder "Das Parfüm" folgen, das Bestseller mit internationalem Talent paarte, erntet man leisen Widerspruch. Denn richtig ist schließlich auch, dass Eichingers ganz großes Kino außerhalb Deutschlands keine nennenswerte Rolle spielte, während man bei "Der Medicus" noch die Hoffnung auf neue Märkte und Zuschauer hat. Auch aus strategischer Sicht - ein Erfolg würde vor allem Hofmann ein neues Standbein neben dem Fernsehschaffen garantieren, das in den letzten Jahren doch arg formelhaft daherkam. Die Frage ist bloß, ob "Der Medicus" als Stoff attraktiv genug ist, um eine deutsche Produktion auch als internationalen Player zu lancieren.

Ein Moment des Kollektivstolzes

Zumindest des verschwörerischen Gemeinschaftsgefühls am Set kann sich niemand erwehren. Ben Kingsley, besetzt als mythisch überhöhter Medizinpionier Ibn Sina und stets angespannt konzentriert wie in seiner eigenen Luftblase, mag sich meist abseits des Teams bewegen. Doch beim Abendessen mit dem britischen Hauptdarsteller Tom Payne (entdeckt durch Michael Mann für die HBO-Serie "Luck") und vielen deutschsprachigen Kollegen wie dem "Fack ju, Göhte"-Star Elyas M'Barek gibt es neben allem werbeträchtigen Small Talk einen Moment des Kollektivstolzes, als der frisch geschnittene Trailer zum ersten Mal vor der ganzen Mannschaft gezeigt wird.

Aufwendige Impressionen mittelalterlicher Schlammwüsten und orientalischer Zivilisation wechseln sich mit Kostproben starker Charakterdarsteller und der Verheißung von Gefahr, Entdeckung und schmerzlichem Verlust ab. Wüsste man es nicht besser, könnte es sich oberflächlich auch um Clips aus einem Film von Ridley Scott handeln. Inspiration genug für Stölzl und sein Team, auch in der nächsten Nacht wieder bis in die Morgenstunden zu arbeiten.

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