Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Medien-Groteske "Free Rainer": Schöne dröge Welt

Von

Gut gemeint, aber voll daneben: Agitprop-Regisseur Hans Weingartner entwirft in seinem Film "Free Rainer" die Utopie einer Gesellschaft, die vom Trash-Diktat des Fernsehens befreit wird. Das hätte der deutsche Film des Jahres werden können, wenn er nicht so grandios misslungen wäre.

Ach, man möchte diesen Film ja lieben! Man möchte aus dem Kinosessel fahren, die Faust empor recken und laut ausrufen: "Ja. Ja! Endlich traut sich einer!" Aber nach 120 Minuten medienkritischer Didaktik, verkörpert von Figuren, die in einer Daily Soap auch nicht viel flacher wären, bleibt man wie angenagelt sitzen. Fassungslos. Betroffen. Traurig. "Free Rainer" ist ein Experiment. Und es ist fehlgeschlagen.

Aber von Anfang an: Rainer (Moritz Bleibtreu) ist einer dieser jungen, alerten Fernsehfuzzis des TV-Senders TTS, die dem Publikum tagtäglich den letzten Dreck auftischen: Pervertierte Casting-Shows wie "Hol dir das Superbaby" zum Beispiel, die jeden Quotenrekord brechen. Rainer ist ein wandelndes Klischee: Schnupft Kokain, bis es ihm aus der Nase blutet, rast mit seinem Jaguar durch Berlin als gäbe es kein Morgen, baut einen Unfall und haut den Rest seiner Luxuskarosse mit einem Baseballschläger gleich selbst zu Klump. Im Küchenpsychologischen heißt das Autoaggression: Rainer leidet unterbewusst an den schrecklichen Dingen, die er der Menschheit antut und bestraft sich sublim, indem er seinen Körper zugrunde richtet.

Crash! Bumm! Katharsis!

Das würde aber auch gerne die schöne Großstadt-Amazone Pegah (Elsa Sophie Gambard) übernehmen, deren Großvater durch eine üble Aktion des Senders in den Selbstmord getrieben wurde. Sie will sich an dem arrogantesten Vorzeige-Gesicht der Fernsehanstalt rächen und verwickelt Rainer in einen Auto-Unfall, dem er gerade noch so eben mit heiler Haut entrinnt. Crash! Bumm! Katharsis! Die Nahtod-Erfahrung und Pegahs revolutionärer Charme krempeln den TV-Zyniker um: Sein teurer Flachbild-Fernseher fliegt aus dem Fenster seines Lofts; Rainer will das Diktat des Trashs brechen und geht gemeinsam mit seiner neuen Muse auf die Suche nach dem Verursacher der medialen Volksverblödung.

Leider bewahrheitet sich der Anfangsverdacht einer medial-industriellen Verschwörung nicht, denn nach eingehender Recherche der Quotenerhebung zeigt sich: Das Volk ist so bescheuert, den TV-Trash tatsächlich anzuschauen, der ihm vorgesetzt wird. Wenn das Angebot also die Nachfrage regelt, muss sich das Angebot eben ändern. Mit Hilfe einer schnellen Eingreiftruppe aus Arbeitslosen, und anderen gesellschaftlichen Außenseitern manipulieren die Medien-Guerillas einen Teil der 5000 im ganzen Land verteilten Quotenmessgeräte. Das Ziel: Wenn plötzlich nur noch Bildungsformate, Polit-Dokumentationen und Arthouse-Filme Quote machen, wird der Massengeschmack beeinflusst, der Zeitgeist beflügelt - und die Sender werden ihre Programmpolitik ändern.

Nichts gegen Fernsehverzicht

In Hans Weingartners medienkritischen Märchen geht diese Rechnung tatsächlich auf: Der Regisseur, der 2004 mit seinem großartigen Film "Die fetten Jahre sind vorbei" in den Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes eingeladen wurde, entwirft in seinem neuen Agitprop-Drama die Utopie einer deutschen Gesellschaft, die Chips kauend Fassbinder-Filme zur Prime-Time konsumiert, sich im Park nicht über die besten Soaps, sondern neue Bücher austauscht, die den Fernseher auch mal aus lässt und stattdessen ein Familienpicknick veranstaltet.

Nichts gegen Fernsehverzicht zugunsten mehr echtem Leben. Aber man stelle sich eine Medienwelt vor, die von morgens bis abends nur öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag umsetzt: Bedeutungsschwangere Reportagen, ambitionierte Fernsehspiele, abgefilmte Theater-Inszenierungen, Literatursendungen, Tierfilme, Archäologie-Dokus und experimentelles Autorenkino - schöne dröge Welt!

Weingartners Fehler ist nicht, dass er es an Selbstironie mangeln lässt, denn das postmoderne Augenzwinkern, mit dem Feuilletonisten sich gerne in Laisser-faire üben, ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ohne Zynismus und Resignation die Vision einer besseren Welt zu entwickeln und diese dann auch tatsächlich fast ohne Kompromisse auf die Leinwand zu bringen, dazu gehört erstmal Mut (und ein Ruf als Hoffnungsträger des deutschen Kinos). Hinter der vordergründig linken Weltverbesserer-Haltung verbirgt sich jedoch ein ganz schön spießiges Bild einer Gesellschaft, die ihren hart erkämpften Individualismus schon wieder opfern soll: In Weingartners Welt gibt es nur Hochkultur oder Trash, Gut oder Böse. Und wer nicht dafür ist, muss dagegen sein.

Das Problem an "Free Rainer" ist also vor allem seine Aufmachung als knuffiger, cooler Unterhaltungsfilm, mit der sich Weingartner den Absolutheitsanspruch und die Schwarzweiß-Logik der Erregungs- und Eventkultur, die sein Film ja kritisiert, aneignet, um seine Botschaft unters Volk zu jubeln. Diese Methode war in "Die fetten Jahre sind vorbei" noch frisch und radikal, bei "Free Rainer" wirkt sie kalkuliert und aufgesetzt. Als Werbe-Geschenke zum Kinostart wurden metallene Schlüsselanhänger mit der Aufschrift "Befreiter Haushalt" an die Presse verteilt. Total witzige kleine Gimmicks. Klar, auch das kann man subversiv finden: Das System wird mit seinen eigenen Mitteln ausgehebelt. Oder so ähnlich.

Aber der Zweck heiligt nicht alle Mittel, und plakative Dialog-Stanzen wie "Bei allen Revolutionen fingen die Probleme mit dem Geld an" will man genauso wenig hören wie man die Kai-Diekmann-mäßig zurückgegelten Haare von Rainers abgefeimten Boss Maiwald (Gregor Bloéb) sehen will. Um im Duktus zu bleiben: Mit Klischees und erhobenem Moralzeigefinger wurde schon so manche gute Filmidee der Peinlichkeit preisgegeben.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Free Rainer: Mut zur Utopie

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: