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Medienkritiker Hans Weingartner: "Fernsehen ist Lebensersatz"

TV ist Trash, Fernsehen eine Droge und die meisten Menschen sind davon abhängig. Mit seiner Mediensatire "Free Rainer" übt Hans Weingartner ätzende Kritik an der Verflachung der deutschen Fernsehlandschaft. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Regisseur über seinen Drang, die Gesellschaft zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weingartner, können Sie sich noch erinnern, welche Fernsehshows Sie in den vergangenen Wochen gesehen haben?

Weingartner: Ich gucke gar kein Fernsehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Würden Sie das Fernsehen am liebsten verbieten lassen?

Weingartner: Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Diese Haltung wäre wirklich sehr naiv. Das Fernsehen bietet großartige Möglichkeiten. Es gibt tolle Dokumentationen und interessante Reportagen, die den Alltag der Zuschauer bereichern. Und den Stellenwert der Nachrichten im TV darf man natürlich auch nicht unterschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie den Programmmachern in Deutschland denn vor?

Weingartner: Die Verantwortlichen kopieren zunehmend billig produzierte Formate, die bereits im Ausland erfolgreich gelaufen sind. Das bringt Quote und kostet fast nichts. Aber diese Formate sprechen größtenteils die niedrigsten Instinkte der Menschen an. Ich glaube, es ist gefährlich für die Demokratie, wenn das wichtigste Informationsmedium dermaßen verkommt.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Öffentlich-Rechtlichen, also ARD und ZDF?

Weingartner: Das wunderbare Instrument des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gleicht sich inhaltlich immer mehr den Privaten an. Bis die Bevölkerung eines Tages fragen wird: "Warum zahle ich denn für ARD und ZDF Gebühren und für die Privaten nicht?"

SPIEGEL ONLINE: Die öffentlich-rechtlichen Sender Phönix, Arte oder 3.Sat produzieren doch durchaus hochwertige Programme.

Weingartner: Die guckt aber keiner! Diese Programme sind für eine intellektuelle Minderheit. Fakt ist doch wohl, dass sich die Masse der Deutschen Trash im TV anschaut.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja keine neue Erkenntnis. Was war also der Auslöser für Ihren Film "Free Rainer"?

Weingartner: Meine Aufgabe als Filmemacher ist es, da hinzugucken, wo es wehtut. Also, ich hatte eine Statistik gelesen, in der stand, dass die Bundesbürger im Durchschnitt täglich vier Stunden Fernsehen schauen. Stellen Sie sich das einmal vor!

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie mit Ihrem Kino-Film auch diese Dauerkonsumenten erreichen?

Weingartner: Ich habe versucht, einen Film zu machen, der auch für die breite Masse verständlich ist und nicht nur für eine kleine Bildungselite, die Arthouse-Kinos besucht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass die bildungsfernen Schichten sich Ihren Film anschauen? Und auch noch zu der Einsicht kommen, die Glotze mal auszuschalten und mehr zu lesen?

Weingartner: Ich hoffe, dass der Film eine Diskussion auslöst, die dazu führt, dass die Gesellschaft endlich Druck auf die Politik ausübt und die Politiker wiederum Druck auf die TV-Verantwortlichen. Im Film steht das Fernsehen nur exemplarisch für die Massenmedien im Allgemeinen. Auch Zeitungen stehen heutzutage unter Quotendruck und müssen eine bestimmte Auflage erreichen. Sie können doch keine Qualitätszeitschrift mehr aufschlagen, ohne einen Artikel über Paris Hilton gedruckt zu sehen. Man kann ihr einfach nicht mehr entkommen! Um das zu ändern, brauchen wir vielleicht eine allgemeine Besinnung auf menschliche Werte.

SPIEGEL ONLINE: Etwas konkreter bitte.

Weingartner: Das Grundproblem ist doch, dass der Kapitalismus in alle Bereiche unserer Gesellschaft Einzug gehalten hat. Darum ging es schon in meinem Film "Die fetten Jahre sind vorbei". Nur noch das hat einen Wert, was Geld bringt. Wenn wir uns alle dem Trash hingeben, wird er uns irgendwann besetzt haben. Es ist illusorisch zu glauben, dass du dir jeden Tag vier Stunden Trash-TV reinziehen kannst, ohne dass es dich verändert.

SPIEGEL ONLINE: Sie wünschen sich also ein anderes Gesellschaftsmodell.

Weingartner: Wir sollten darüber nachdenken, ob das Diktat der freien Marktwirtschaft die einzige Alternative ist. Was hat es gebracht, die Welt in ein großes Warenhaus zu verwandeln? Die Menschen hatten nach 1945 die Hoffnung, dass der freie Handel Frieden bringt und die Menschen glücklich macht. Doch haben sich unsere Träume erfüllt? Und leben wir in einer gerechten Welt? Es ist doch vielmehr so, dass zwei Drittel der Menschheit von zwei Dollar am Tag lebt. Diese arbeitsteilige Gesellschaft, die die Entfremdung des Einzelnen zur Folge hat, ist vielleicht nur durch die Droge Fernsehen erträglich.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber stramm nach Marxismus. Ist es nicht übertrieben, Fernsehen mit einer Droge zu vergleichen?

Weingartner: Fernsehen hat etwas mit Realitätsflucht zu tun. Das ist das Charakteristikum einer Droge. Die Menschen greifen zur Fernbedienung, um an einem virtuellen Leben teilzuhaben, und entziehen sich damit ihrem grauen Alltag. Anders kann ich mir den Erfolg dieser beschissenen Daily-Soaps nicht erklären. TV ist also Lebensersatz und insofern eine Droge. Sagen Sie mal einem Heroinabhängigen, er solle mit dem Heroin aufhören. Das ist sehr zugespitzt formuliert, aber genauso ist mein Film. Er übertreibt, er ist eine Satire.

SPIEGEL ONLINE: TV-Konsum führt nicht zu körperlicher Abhängigkeit, jeder Zuschauer kann seinen Apparat jederzeit ausschalten.

Weingartner: Das ist die große Lüge des Kapitalismus, dass man angeblich die freie Wahl hat. Diese Option haben die meisten Menschen nicht, weil sie geistig gar nicht frei sind.

SPIEGEL ONLINE: Der Verbraucher hat doch die Wahl, ob er im Biomarkt oder bei Aldi einkauft.

Weingartner: Diese Möglichkeit existiert nur für privilegierte Person. Aber die breite Masse kann sich den Bioladen gar nicht leisten. Und die können den Fernseher auch nicht ausmachen, weil sie sonst aus dem Fenster springen müssten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein bisschen zu simpel?

Weingartner: Sie predigen einen Individualismus, der real nicht existiert. Das ist die Lüge des amerikanischen Traums. Diese individuelle Freiheit gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber ich habe die Möglichkeit, meine Zeitung auszuwählen, meinen Arbeitsplatz zu wechseln.

Weingartner: Nur theoretisch, aber nicht praktisch.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht wollen die meisten Menschen ihr Leben gar nicht ändern.

Weingartner: Mit dieser Aussage machen Sie es sich ganz schön einfach. So denken die konservativen Kreise: Die Verantwortung wird auf den Einzelnen abgewälzt. Doch dieser Einzelne hat gar nicht den Horizont und das Wissen, um bestimmte Entscheidungen zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Großteil der Bevölkerung in der Bundesrepublik hat eine weiterführende Schule besucht. Sprechen Sie denen die geistige Reife ab, Entscheidungen zu treffen?

Weingartner: (lacht) ... Die Menschen reflektieren schon, aber sie sind in ihrem Denken nicht so frei, wie Sie das gern hätten. Wir sprechen gerade über sehr grundsätzliche Fragen. Und ich behaupte nicht, dass ich Recht habe. Mir ist nur wichtig, dass wir darüber reden. Deshalb habe ich auch so einen Film wie "Free Rainer" gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrer Theorie braucht der Mensch eine Instanz, die ihm sagt, was gut für ihn ist. Wer soll das machen?

Weingartner: Es ist auf jeden Fall richtig, dass irgendjemand anfangen muss, etwas zu tun. Meine Aufgabe als Künstler ist es, aufzuklären und zu informieren. Natürlich kann ich niemanden dazu zwingen, den Fernseher auszumachen. Ich kann auch niemanden dazu zwingen, bessere Programme zu gucken. Aber ich habe diesen phantastischen Anspruch, die Realität und die Menschen zu verändern oder zumindest irgendetwas in ihnen zu bewirken. Ich weiß natürlich nicht, ob ich dieses Ziel erreiche. Und das ist auch meine große Qual und Verzweiflung als Künstler.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dieser Drang, die Menschen zu verändern?

Weingartner: Das hängt wahrscheinlich mit meiner Kindheit zusammen. Ich komme aus einer total chaotischen Großfamilie und war schon mit sechs Jahren auf mich selbst gestellt. Für mich gab es nie die Wahl des Rückzugs in die Lethargie. Es gab kein Netz und keine Sicherheit. An meinem ersten Schultag wusste ich nicht, wo meine Schule ist. Meine Eltern haben mich nicht hingebracht und so musste ich sie selbst finden. Deswegen bin ich ein Mensch, der immer Lösungen für Probleme sucht. Deswegen denke ich auch, dass wir nicht in Endzeitstimmung oder Zynismus verfallen sollten. Ich sage: Nein! Lasst uns lieber etwas tun!

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihre Triebfeder als Künstler?

Weingartner: Ja, das können Sie mir wirklich glauben! Ich würde sonst keine Filme machen. Reine Unterhaltungsfilme wären mir zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren Film eigentlich finanziert?

Weingartner: Ich habe den Film ohne Geld der Öffentlich-Rechtlichen gedreht. Er wurde von der FFA-Kommission nicht nur abgelehnt, sondern darüber hinaus noch von den Fernsehvertretern ekstatisch bekämpft. Den Film finanziert haben die Zuschauer aus "Die fetten Jahre sind vorbei", Kinowelt Filmverleih, BKM und das Medienboard Berlin-Brandenburg, sowie die österreichischen Förderer.

Das Interview führte Bettina Aust

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