Von Christian Buß
Gegen Ende wird ganz viel gekokst, und die deutschen USA-Urlauber reiben ihre versehrten Männerkörper verzweifelt an jungen amerikanischen Bikinimodellen. An richtigen Sex ist da schon nicht mehr zu denken. Die Satire "Short Cut To Hollywood" aber, die von drei Berliner Dumpfbacken erzählt, die ausgezogen sind, um auf rigorose Art ihren American Dream zu leben, findet hier ihren allegorischen Höhepunkt: Medienprominenz gibt es nur zum Preis der geistigen und körperlichen Impotenz. So einfach ist das!
Aber ist es das wirklich?
Gerne würde man dieses abenteuerlustige Medien-Roadmovie richtig gut finden, denn die beiden Filmemacher und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg und Marcus Mittermeier haben sich mit sympathisch kleinem Guerilla-Drehteam aufgemacht, um ins düstere Herz des Unterhaltungsgewerbes vorzudringen: Mit ihrem realen Kumpel Christoph Kottenkamp gründeten die beiden die fiktive Boygroup Berlin Boys, die es trotz offensichtlicher Talentfreiheit und drastisch vorangeschrittenen Alters auf den Olymp der amerikanischen Glitzerwelt bringen will. Die Kamera ist immer dabei.
Während die Truppe mit dem Caravan durch den Mittleren Westen tourt, um bei Lokalsendern um ein paar Minuten Sendezeit zu schnorren, vermischen sich Realität und Fiktion erstmal aufs Amüsanteste. Wie schon bei Stahlbergs und Mittermeiers furioser Fake-Doku "Muxmäuschenstill", dem deutschen Überraschungserfolg des Jahres 2004, weiß man oft nicht recht, ob es sich um inszenierte Wirklichkeit oder authentisch verdichtete Fiktion handelt. Das Filmemachen, dafür Respekt, wird zum riskanten Selbstversuch. Der Aufprall der fiktiven Boy Group in der US-Medienprovinz vollzieht sich auf jeden Fall äußerst schmerzhaft für alle Beteiligten.
Snuff-Pädagogik
Besonders für Bandleader Johannes (gespielt von Stahlberg). Der trennt sich nämlich nach und nach von unterschiedlichen Körperteilen, um so Stück für Stück mit seinen Berlin Boys die Medienhierarchie hochzuklettern. Nach dem Motto: Die Würde des Menschen ist nicht nur antastbar - sie lässt sich sogar filetieren. Denn Kumpel Matthias (gespielt von Mittermeier) operiert im Campermobil eine Extremität des Sängers nach der anderen ab.
So wird in "Short Cut To Hollywood" die physische und damit einhergehende moralische Amputation zur Währung der Medienökonomie erhoben: Für einen abgehackten Finger gibt es fünf Minuten im Lokalfernsehen, für einen Arm eine viertel Stunde landesweites Late-Night-Entertainment. Und ein Menschenleben, so funktioniert dieser Ganzkörpereinsatz konsequent zu Ende gedacht, bringt einem dann sogar eine eigene Show zur Primetime.
Auf diese Weise steuert der Film irgendwann ebenso blutig wie bemüht zu aufs letale Finale: In einer großen Samstagabendshow soll sich der schon um Finger, Arm und Bein gebrachte Sänger Johannes das Leben nehmen. Snuff-Pädagogik muss so eine Art von Medienkritik wohl genannt werden: Der Kinozuschauer soll mit allerhand Schockelementen seines eigenen Voyeurismus' überführt werden.
Leichtgläubigkeit von Medienprofis
Doch als Parabel auf Reality-Soaps und Casting-Irrsinn bleibt "Short Cut To Hollywood" bei aller Zeigefreude erschreckend bieder. Was auch daran liegt, dass Stahlberg und Mittermeier, die sonst ihr Geld mit nicht immer rühmlicher öffentlich-rechtlicher Fernsehware verdienen, ihrem Stoff mit distanziertem Abscheu entgegentreten und es deshalb nicht wirklich verstehen in "Short Cut To Hollywood" ein funktionierendes Spiel aus Medienmanipulation und Filmfiktion in Gang zu bringen. Gerechter Ekel ersetzt nun mal nicht die genaue Analyse.
Wer wirklich über das Zusammenspiel von Geltungssucht und Medienmacht, von Selbst- und Fremdmanipulation informiert werden will, ist mit einer Fake-Doku von Sacha Baron Cohen besser bedient. Und, entschuldigung, mehr Spaß machen "Borat" und "Brüno" auch.
Wie der englische Medienparodist hat übrigens auch Jan Henrik Stahlberg versucht mit einer Aktion die Leichtgläubigkeit von Medienprofis vorzuführen. Und genau wie Cohen richtete er dafür sogar ein paar Internetseiten ein; mit deren Hilfe versuchte Stahlberg die Falschmeldung eines Attentats in den USA an deutsche Medien zu lancieren - angeblich um die Recherchegenauigkeit der Journalisten in Zeiten des World Wide Web zu testen. Gespeist wurden die Internetfalschmeldungen zu einer Bluttat in der Stadt Bluewater, in die drei deutsche Musiker verwickelt gewesen sein sollten, mit den vorgetäuschten Realitybildern aus "Short Cut To Hollywood". Und das zwei Wochen vor Kinostart.
Zumindest in diesem Punkt hat sich Miniatur-"Brüno" Stahlberg wirklich mit den Blut-und-Busen-Sendern beschäftigt, die er zu kritisieren vorgibt: Aufklärung kommt da schon mal als Werbung in eigener Sache daher.
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