Kultur

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Raubfisch-Trash "Meg"

Der greise Hai

Oldie auf Beutetour: Der prähistorische Raubfisch in "Meg" hat keine Chance gegen die großen Vorbilder. "Der weiße Hai" ohne Biss, "Jurassic Park" in der "Yps"-Urzeitkrebsversion.

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Donnerstag, 09.08.2018   10:43 Uhr

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Übergewichtige chinesische Mittelstandskids, so weit das Hai-Auge reicht. Mit Speckrolle um die Hüfte und Eis am Stiel in der Hand treiben sie in quietschbunten Schwimmringen dicht an dicht in Strandnähe vor einem chinesischen Badeort. Ein stattliches Meeresbüfett für einen hungrigen Hai-Magen - und ein guter Grund für das eigentlich mehr als 11.000 Meter unter der Meeresoberfläche lebende Monster, aufzutauchen, um sich an den im Wohlstandsscheintod vor sich hintreibenden chinesischen Kindern gütlich zu tun.

Die Fressgewohnheiten von Filmhaien ändern sich nun mal mit den Produktionsgegebenheiten des internationalen Filmbetriebs. Heutzutage kommen US-Studios nicht umhin, bei der Auswertung ihrer Sommerblockbuster den chinesischen Markt und dessen angewachsenes Mittelschichtspublikum mitzudenken. Und sei es in Form von Haifischfutter.

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Aber auch der Rest der Story von "Meg", wenn man das aus verschiedenen Themenwelt-Filmklassikern zusammengeschnorrte Klappergerüst von Handlung so nennen will, fügt sich in den neuen transpazifischen Fokus von Hollywood. Denn der Urzeithai, der Megalodon, um den es hier geht, lebt im Marianengraben, jener 11.000 Meter hinabgehenden Tiefseerinne, in der zurzeit chinesische Forscher immer wieder neue Rekordtiefen aufgestellt haben wollen.

In "Meg" beginnt das Unheil auf einer futuristisch anmutenden Unterwasserstation 200 Kilometer vor dem chinesischen Festland, die von einem extrem dubios wirkenden US-Investor finanziert und von einem extrem ehrenwert auftretenden chinesischen Meeresbiologen betrieben wird. Wie sich bei einer Erkundungstour auf den Boden des Marianengrabens herausstellt, liegt unter den 11.000 Metern noch eine eigene, in sich geschlossene Unterwasserwelt.

Mit Megapromille zum Megalodon

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Hier lebt der Megalodon, der einen Unterwassergleiter angreift und manövrierunfähig macht - Auftritt Tauchergriesgram Jonas Taylor (Jason Statham), der sich nach einer fehlgeschlagenen U-Boot-Rettungsaktion in der thailändischen Hängematte volllaufen lässt. Schließlich kann er doch noch überredet werden, direkt von der Bierflaschenhalde mit Megapromille zum Megalodon runterzutauchen, um die Besatzung des Unterwassergleiters zu retten.

Der Plot ist angelegt als klassische Mann-gegen-Hai-Konstellation. Doch während Statham als Neopren-Neandertaler Flüche mit einer Stimme ausstößt, die tief wie der Marianengraben ist, bleibt der Urzeithai flach. Viele Zähne, kein Charakter.


"Meg"
China, USA 2018

Regie: Jon Turteltaub
Drehuch: Dean Georgaris, Jon Hoeber und Erich Hoeber, basierend auf Steve Alten
Darsteller: Jason Statham, Bingbing Li, Rainn Wilson
Produktion: Apelles Entertainment, Di Bonaventura Pictures, Flagship Entertainment Group, Gravity Pictures, Maeday Productions
Verleih: Warner Bros.
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 9. August 2018


Man kommt nicht umhin, das 150-Millionen-Euro-Monstrum "Meg" mit den großen bahnbrechenden Illusionierungskunstwerken in Vergleich zu setzen, von denen es klaut. Von der psychologischen Dichte und suggestiven Kraft, die Steven Spielberg einst mit einfachen Mitteln in "Der weiße Hai" erzeugte, ist das plump getrickste und dann platt ausgestellte Urviech in "Meg" weit entfernt. Auch stellt sich beim Zuschauer keinerlei Gefühl für die vielbeschworene Tiefe ein. Besonders, wenn man dem Film James Camerons Tiefseethriller "Abyss" gegenüberstellt, in dem das Thema Abgrund als technische und psychologische Extremerfahrung zu sehen war.

Vertikaler Kraftakt ohne Spuren

In "Meg" indes geht es runter, rauf und wieder runter, ohne dass der vertikale Kraftakt irgendwelche Spuren bei den Figuren hinterlässt. Einmal läuft Taucher-Draufgänger Taylor beim Deep-Sea-Speed Blut aus der Nase, worauf er lässig mit der Hand an der Nase Druckausgleich für seinen irren Abwärtstrip vornimmt.

Wir fordern natürlich genausowenig Realismus von "Meg" wie von "Jurassic Park", aber Spielbergs Urzeitwelt funktioniert immerhin schlüssig nach den eigenen Gesetzmäßigkeiten. Doch gerade, wenn Regisseur Jon Turteltaub ("Duell der Magier") die Wissenschaftsfantasy nachahmt, zeigt sich die Unausgegorenheit besonders. Als die Meeresbiologen die Welt unter dem Marianengraben entdecken, wird in einer beschwingten Kamerafahrt so getan, als würde sich hier eine berauschende prähistorische Artenvielfalt auftun. Der Schauwert ist dann allerdings doch gering: "Jurassic Park" in der "Yps"-Urzeitkrebsversion.

Leider ist all das Geld auch nicht für einen gut getricksten Meg draufgegangen. Der Jurassic Shark bewegt sich verdächtig mechanisch, selbst in Momenten, wo Schnelligkeit behauptet wird, bleibt die Anmutung betulich. Auch zieht der Meg, Flosse immer über Wasser, so auffällig seine Runden, dass ihm selten ein Überraschungsmoment gelingt. Auf Futtersuche ist der greise Hai beinahe chancenlos.

Die übergewichtigen chinesischen Mittelschichtskids paddeln am Ende jedenfalls überwiegend unversehrt aus dem Wasser. Sollen sich ja noch den nächsten lieblos für sie zusammengezimmerten US-Blockbuster anschauen.

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