"Mein Führer"-Regisseur Dani Levy "Hitler hätte in Therapie gehört"

Dani Levy hat mit "Mein Führer" eine Komödie über Adolf Hitler gedreht. Kann man über den Nazi-Diktator lachen? Man muss es sogar, erklärt der Regisseur im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Nur so komme man dem Unfassbaren etwas näher.


SPIEGEL ONLINE: Der "Shoah"-Regisseur Claude Lanzmann plädiert dafür, den Holocaust nur traumatisch zu erinnern. Fiktionalisierung käme für ihn nicht in Frage. Sie hingegen wagen nicht nur eine komische Erzählung, sondern verdonnern Hitler sogar zur Therapie.

Dani Levy: Ich glaube, dass alle Verfahren - sei es das von Guido Knopp, das von Bernd Eichinger oder eben die Herangehensweise Lanzmanns - immer auch ein stark subjektives Bedürfnis befriedigen. Auch für mich war dieses Projekt nichts Überlegtes, sondern eine Art von Ausbruch.

SPIEGEL ONLINE: Ein Unbehagen an der Filmkultur?

Levy: Bei mir hat sich über die Jahre beim Ansehen vieler Dokumentationen und Spielfilme zum Thema eine Art Unruhe eingestellt. Man wird mit der immer gleichen moralischen Haltung konfrontiert, einem autoritären Abbilden der Realität, das darauf basiert, die Verbrecher dieser Zeit zu dämonisieren. Hier hilft Humor: Wenn, wie in "Mein Führer", Blondi Hitler bespringt, bewirkt das eine Entmystifizierung. Wir brauchen andere Bilder. Wir können nicht immer wieder sehen, wie der Führer als guter Onkel auf dem Berghof herumläuft oder mitreißende Reden hält.

SPIEGEL ONLINE: Der Dokumentarfilm und der dokumentarisch beglaubigte Film haben zur Vergegenwärtigung der historischen Schuld der Deutschen erheblich beigetragen. Die Wiederholung bestimmter Bilder macht sie noch lange nicht falsch.

Levy: Das stimmt natürlich. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde viele Filme, vor allem Dokumentarfilme über das Dritte Reich enorm wichtig. Sie liefern nötige Informationen und klären moralische Fragen. Auch bei Filmen wie "Der Untergang" oder "Schindlers Liste" ist alles faktisch unterfüttert. Die Opfer und Geretteten stehen Pate, aber diese Authentizität ist auf Dauer lähmend. Ein Film, der in die Oberfläche des Dokumentarismus hineinhackt, sie aufspaltet, kann etwas zu Tage fördern. Für mich war es wichtig, etwas über die Beschaffenheit diktatorischer Autorität herauszufinden. Die Autorität des Diktators beruht auf blindem Gehorsam, und wenn Film Gehorsam einfordert, wird er gefährlich. Er setzt das Unrechtssystem mit seinen Mitteln fort. Ein guter Film hingegen ist dialektisch und basiert auf einer Praxis des Zweifelns.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film "Mein Führer" (Bundesstart: 11. Januar) sieht die Ursache von Hitlers Verbrechen in seiner grausamen Kindheit, für die er sich an den Juden rächt. Wird bei der Reduktion aufs Psychologische nicht jeder verstehbar und entschuldbar?

Levy: Entschuldigen hat mit Verstehen nichts zu tun. Im Gegenteil: Verständnis beugt eilfertigen Entschuldigungen vor. Aber wenn ich bestimmte Aspekte des Menschlichen verurteile, nur damit ich keine Empathie für das Unerklärliche empfinden muss, dann ist das gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie beziehen sich auf die Thesen der Psychotherapeutin Alice Miller, die nicht gerade für Komplexität bekannt sind. Miller reduziert historische Katastrophen auf Fehler in der Erziehung.

Levy: Ich halte die Idee der zwanghaften Reproduktion bestimmter Kindheitserlebnisse wie Gewalt und Willkür und ihrer Auswüchse in politischen Systemen für einen praktikablen Ansatz. Und damit meine ich keineswegs Hitler alleine, sondern Millionen Deutsche, die mit schwarzer Pädagogik großgeworden sind. Der Zuschauer begleitet Hitler mit Empathie, die Distanz zu dieser Figur wird bis zu einem gewissen Grad aufgelöst. Das ist verunsichernd, denn man darf solche Regungen für Hitler eigentlich nicht haben. Der Zuschauer versucht, sich instinktiv von Mitgefühl freizumachen, und genau diese Spannung ist erkenntnisfördernd.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem Film ist Tucholskys Diktum "Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft" vorangestellt. Ein wenig naiv aus heutiger Sicht, wo wir auf ein unvergleichbares Verbrechen mit sechs Millionen Opfern zurückblicken.

Levy: Die Faschisten wollen nicht geküsst werden, vor allem nicht von mir. Der Satz macht das Spannungsverhältnis zwischen Annahme, Verständnis und Ablehnung deutlich, das auch meinen Film prägt. Ich seziere die Verhältnisse, mache sie lächerlich. Ich konterkariere ein respektvolles, ehrfürchtiges, dokumentarisches Bild, an das wir uns gewöhnt haben, und hole es in einen Bereich urmenschlicher Kleinheit. Nur so lassen sich bestimmte Fragen diskutieren. Was ist schäbig, was feige? Kann man jemanden für etwas verantwortlich machen, das ihn systematisch durch kollektive Erziehungsmuster mit anderen verbindet und das sich zu einem Schreckenssystem ausgeweitet hat?

SPIEGEL ONLINE: "Ich bin ein Krisenfall", fleht Hitler in einer Szene den jüdischen Schauspiellehrer Adolf Grünbaum an. "Heilen Sie mich!" Der Schauspieler als Psychoanalytiker: Ist das die Aufgabe von Kunst - kranke Seelen heilen?

Levy: Warum nicht? Das ist vielleicht eine Qualität, die wir Juden haben: Wir interessieren uns für die menschlichen Widersprüche, das hat eine Hebelwirksamkeit. Und Verständnis für das Menschliche in einem monströsen System, das gelingt vor allem durch Humor. Man erfährt ja nicht nur etwas über die Kindheit, sondern auch einiges über die Sehnsüchte des Menschen Adolf Hitler. Er wünscht sich einen Zuhörer. Hitler hätte in eine Therapie gehört, nicht in eine Regierung.

Das Interview führte Daniel Haas.



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