"Meine schöne innere Sonne" mit Juliette Binoche Die Worte und die Liebesdinge

In "Meine schöne innere Sonne" macht sich Juliette Binoche auf die Suche nach dem Mann, bei dem das Begehren und das Reden darüber zusammenpassen. Eine Liebeskomödie, die wie ihre Hauptfigur tastet, tanzt und leuchtet.

Pandora

Von Jan Künemund


Die erste Einstellung bereits baut einen intimen Raum um den schönen Körper von Isabelle (Juliette Binoche). Sanft dreht sich die Kamera um ihren nackten Torso, er scheint aus sich selbst heraus zu leuchten. Ihr Gesichtsausdruck ist gelöst und ganz bei sich. Mit einem Schnitt kommt ein Mann ins Bild, wir sind in einer Sexszene, der Raum gehört doch nicht nur Isabelle allein, und, leider, fängt der Mann an zu reden, vergleicht sich mit früheren Liebhabern, will bewundert werden.

Mit einer lässigen Handbewegung wischt Isabelle ihn fort, und er fliegt aus dem Bild. Die Sprache als Störfaktor, als egozentrisches Eindringen, sie trennt die Körper und die Bilder. So erscheint es am Anfang, aber so einfach macht sich der Film das nicht, so einfach macht auch Isabelle sich das nicht: wie Begehren und das Reden darüber zusammengehen könnten, das muss in 90 Minuten noch genauer ergründet werden. Mit einigen Männern und vielen Wörtern.

"Meine schöne innere Sonne" von Claire Denis ist auf bewegliche Weise ganz um Juliette Binoche herum konzipiert, mit der sie zum ersten Mal zusammen gearbeitet hat. Isabelles Sehnsucht nach der überzeugenden Verknüpfung von Liebe und Sprache, von Sex und Verbindlichkeit, trägt sie durch ein wintergraues Paris, und fordert immer wieder die Kamera von Agnès Godard heraus, wie sie die unterschiedlichen Männerkörper zu ihr ins Bild setzen könnte.

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"Meine schöne innere Sonne": Keine Liebe ohne die richtigen Worte

In lauernden Schwenks, die von Isabelle weg- und wieder zu ihr hinführen, erfasst sie den "Bankier" (Xavier Bauvois), den "Mistkerl" aus der ersten Sexszene, den sie insgeheim verachtet. Harte Schnitte drängen ihn schließlich aus dem Bild und ihrem Leben. Der zögerliche junge Schauspieler (Nicolas Duvauchelle), der sich ein aufregendes Leben außerhalb der Routinen ersehnt, sich aber dann doch nicht traut, seine Frau zu verlassen, kommt über verletzliche Nahaufnahmen in den Raum, den Isabelle für ihn öffnet. Den distinguierten Galeristen (Alex Descas), der Isabelle mit schmeichelnden Worten auf Abstand hält, erfasst die Kamera mit einem Sicherheitsabstand. Sylvain (Paul Blain) schließlich, den Isabelle in einem Club aufreißt, kommt als Tänzer ins Bild, in einer gelösten Choreografie, die ihn für einen kurzen Moment die Szene führen lässt.

Diese Tanzszene ist, wie viele Tanzszenen bei Claire Denis, einer der Höhepunkte des Films. Die erfolgreiche Künstlerin Isabelle ist da gerade auf einer Landpartie mit Galeristen und anderen Kunstschaffenden, langweilt sich zu Tode, wehrt müde die Annäherungsversuche von Männern ab, die große Worte machen. Im Club fängt sie schließlich allein an zu tanzen. Der Soundtrack des Films schenkt ihr dazu einen Song von Etta James, "At Last", der aber genauso gut auch aus ihr selbst kommen könnte - ein Poster der Sängerin hat man vorher über ihrem Bett hängen sehen.

Neue Liebe, neue Bilder

Sylvain fügt sich in diesen selbstgenügsamen Tanz ein. Wie er dabei mitfließt und wiederum von der Kamera umkreist wird, macht den Moment sofort zu einem erotischen Versprechen. Die Galeristen staunen nicht schlecht. Doch eine gemeinsame Sprache, so wird sich später herausstellen, werden Isabelle und Sylvain auch nicht finden. Und die nächste Paarbeziehung muss wieder neu ins Bild gesetzt werden.


"Meine schöne innere Sonne"
Originaltitel: "Un beau soleil intérieur"
Frankreich, Belgien 2017

Regie: Claire Denis
Drehbuch: Christine Angot, Claire Denis
Darsteller: Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Josiane Balasko, Nicolas Duvauchelle
Verleih: Pandora Filmverleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 95 Minuten
Start: 14. Dezember 2017


Was wie ein lockerer Reigen erscheint, ist im Film nicht ohne tragische Untertöne. Isabelles Körper ist über die 50 hinaus, zwischendurch glaubt sie, dass das "Liebesleben" schon hinter ihr liegt. Juliette Binoche hält die Spannung in ihrer Figur, gibt ihrer Suche eine große Entschiedenheit, und der Film inszeniert sie in jedem Bild als jemand, mit dem das Leben noch etwas vorhat. Es ist die Sprache, die die Bewegungen der Körper immer wieder verkompliziert. Der Schauspieler, gewohnt, jeden Abend die gleichen Liebesschwüre aufzusagen, kommt mit Isabelle vor leeren Zuschauertribünen ins Stocken. Der Bankier, der sich mit ihr in einer "Schmierenkomödie" wähnt, gönnt ihr weder die Trennung, noch das letzte Wort.

Warum in dem Film bloß so viel geredet wird, haben nach der Uraufführung in Cannes einige Kritiker genervt gefragt. Im Film gibt es dazu die Antwort: Weil es so schön ist, wenn das Reden endlich aufhört. Dann übernehmen die Berührungen, oder auch die Müdigkeit - und das ist dann immer der Moment, in dem Tindersticks-Mitglied Stuart Staples in seinem Score ein einschmeichelndes Saxofon vorbeischickt. Das ist hart am Kitsch und genau deshalb großartig.

Zwei Stars getrennt und doch zusammen

Einmal, während dieses Saxofon weiterspielt, erfasst die Kamera ein anderes Paar, in einem Auto, mit Standlicht. Eine Frau redet auf einen Mann ein, der Mann lauscht passiv, plötzlich bricht ein Schrei aus ihm heraus. Dieser Mann, so hilflos und verzweifelt, dass sich ihm die Sprache der Liebe versagt, taucht am Ende als Wahrsager auf, pendelt etwas über Fotos von Isabelles Liebhabern und gibt ihr, die vor ihm sitzt, new-agige Ratschläge. Sie soll "open" sein, schutzlos, aber im Bewusstsein ihrer inneren Sonne.

Ausgerechnet Gérard Depardieu verleiht diesen hübschen Plattitüden seinen massiven Körper, eine 16-minütige Tour de Force, während der Claire Denis augenzwinkernd schon mal die Schlusstitel abfahren lässt. Der Klatschpresse hatte es kurz die Sprache verschlagen, dass Depardieu, der Juliette Binoche mal als ein schauspielerisches "Nichts" diskreditiert hatte, mit ihr gemeinsam in einem Film auftauchen sollte.

Denis und ihre Kamerafrau trennen die zwei sorgfältig, lassen beiden einen eigenen Raum für ihre bildsprengende Ausstrahlung. So "open", wie die Sprache des Wahrsagers die liebessehnsüchtige Isabelle konfiguriert, bleibt der Blick des Films auf Isabelles Begehren. Und das Saxofon schweigt und wartet auf seinen neuen Einsatz.

Im Video: Der Trailer zu "Meine schöne innere Sonne"

Pandora
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insgesamt 2 Beiträge
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ClaudiaK 13.12.2017
1. "Tönendes Erz"
..."ihre schöne innere Sonne zu finden", "das Glück in sich selbst suchen" - so ein Schmarrn (ohne jemandem einen weißen Peter zuschieben zu wollen). Die westliche Kultur ist heute schwierig zu hinterfragen, dabei gäbe es genügend Anlässe unsere westlich so "open" orientierten Werte im Angesicht der Globalisierung und der weltweiten Kommunikation via Internet zu reflektieren. "Sein oder ihr Glück in sich selbst" ohne den Andere n ist eine Utopie. Im "WIR", im "Du und Ich", im "Ich und Du" liegt die bleibende Hoffnung.
cremuel 14.12.2017
2.
"Was wie ein lockerer Reigen erscheint, ist im Film nicht ohne tragische Untertöne. Isabelles Körper ist über die 50 hinaus, zwischendurch glaubt sie, dass das "Liebesleben" schon hinter ihr liegt. Juliette Binoche hält die Spannung in ihrer Figur, gibt ihrer Suche eine große Entschiedenheit, und der Film inszeniert sie in jedem Bild als jemand, mit dem das Leben noch etwas vorhat." Juliette Binoche, eine der schönsten Frauen der Filmszene, spielt also jemanden, der wegen eines "Körpers über 50 hinaus" irgendwelche Sorgen hat? Als ob.
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