Pixar-Märchen "Merida": Ich bin Prinzessin, Platz da!

Von Nina Rehfeld

Ein Traumprinz? Kein Bedarf! Das Pixar-Abenteuer "Merida - Legende der Highlands" stellt mit viel Witz die Regeln des Märchenfilms auf den Kopf. Hier kämpft eine schottische Prinzessin selbst um ihr Glück und bezaubert dabei nicht nur mit wilder Lockenpracht.

Bären und Feen, Schwerter und Schlösser, Hexen und Könige - in ihrem neuen Film "Merida - Legende der Highlands" haben die Pixar-Leute wirklich die ganze Märchenwelt in ihre Dienste gestellt. Herausgekommen ist ein hinreißender Film, der sowohl bei den Gruselgeschichten der Grimm-Brüder als auch den verzwickten Fabeln von Hans-Christian Andersen Anleihen nimmt. Und endlich mal wieder eine überzeugende Prinzessin bietet.

Das wurde allerdings auch Zeit: Seit sechs Jahren gehört Pixar nun schon zum Disney-Konzern und die Prinzessin ist ein besonders hell leuchtender Stern in Disneys Zeichentrick-Universum; hier nahm mit "Schneewittchen" der Zeichentrickfilm einst seinen Anfang. Zuletzt hatte man die Prinzessinnenfigur mit einer in Louisiana angesiedelten Version vom Froschkönig zu modernisieren versucht. Das war mäßig erfolgreich, nicht zuletzt dank einer allzu verkopft-zeitgeistigen Geschichte. Jetzt gereicht Pixar der Prinzessin wieder zu Ehren, als eigenständige Figur in einer Fabel um Stolz und Egoismus.

Titelheldin Merida ist die quirlige Tochter des schottischen Clanchefs Fergus, ein jovialer Rotbart, der einst bei einem Bärenangriff ein Bein verlor und Rache schwor. Seine Tochter kommt ganz nach ihm, nicht nur mit ihrem wilden roten Lockenschopf, sondern auch in Sachen Kampfeslust. Merida stürmt am liebsten mit Pferd und Bogen durch die Wälder. Als Königin Elinor ihr Mädchen dennoch in ein damenhaftes enges Kleid schnürt, um sie auf ihre Rolle als Ehefrau vorzubereiten, kracht's zwischen Mutter und Tochter. Und weil wir uns in einer Fabelwelt befinden, macht Merida das, was sich viele Mädchen ihres Alters nur erträumen: Sie lässt ihre Mutter verwünschen.

Kampf um die eigene Hand

Dummerweise geht der Spuk, der Mama doch nur bloß begreifen lassen sollte, dass Meridas Sicht der Dinge die richtige ist, nach hinten los - Elinor verwandelt sich in einen großen schwarzen Bären. Rückgängig zu machen ist nichts mehr: Die Hexe, die offenbar nicht zum ersten Mal gepfuscht hat, ist kurz danach in den Urlaub verschwunden. (Ihr Anrufbeantworter gehört übrigens zu den schönsten Einfällen der Pixar-Leute seit dem mit Relikten der ausgewanderten Menschheit vollgestopften Wohncontainer von Wall-E.)

Fotostrecke

10  Bilder
"Merida - Legende der Highlands": Sie hat ihren eigenen Lockenkopf
Merida ist Pixars erste weibliche Hauptfigur in einer Reihe von inzwischen dreizehn Filmen. Und auch für Disney bedeutet die Pixar-Prinzessin eine kleine Revolution: Im Gegensatz zu Disneys bisherigen holden Fräuleins, die sich schluchzend vom eisernen Griff der (Stief-)Mutter oder sonstiger einengender Umstände in die Arme eines starken Mannes flüchteten, will Merida gar keinen Kerl an ihrer Seite. Als die Brautwerber eintreffen, um im sportlichen Wettbewerb die Prinzessin zu erobern, tritt Merida kurzentschlossen zum Kampf um ihre eigene Hand an.

Man muss vielleicht daran erinnern, dass es noch nicht so lange her ist, da die Computeranimation mit Menschen nichts anzufangen wusste. Pixar erweiterte das Figuren-Repertoire der Tiere und Fabelwesen kunstfertig um Spielzeuge, Autos und Roboter. Aber Menschen blieben lange unbefriedigende Animationsobjekte, die entweder allzu gefällig oder schlecht getroffen wirkten. Spielzeugbesitzer Andy aus "Toy Story", die Menschen in "Ice Age" oder in "Shrek" - sie alle rissen niemanden vom Hocker. Erst mit "The Incredibles" wagte man 2004 einen Film mit menschlichem Cast. Seither haben "Ratatouille" oder "Up" die darstellerische Bandbreite von Pixar ergänzt.

Bär oder Königin?

Mit so viel Entwicklung konnte Disney nicht glänzen. Hier sah jede Prinzessin aus wie eine dreidimensionale Version vom Ur-"Schneewittchen", bestenfalls mit neuer Haarfarbe: die eine blond, die andere rot, die nächste braun. "Merida" verabschiedet nun die Standardform des ovalen Gesichts mit Rehaugen, Schmollmund und Plinkerwimpern. Bei ihr steht die Haarpracht im Mittelpunkt: Die roten Locken sind so lebendig, dass sie fast wie eine eigene Figur wirken.

Überhaupt besteht die Besetzung aus Charaktervisagen - die schräge Bande der Brautwerber könnte glatt der Feder des Asterix-Zeichners Albert Uderzo entsprungen sein, und die Gestalt von Elinor pendelt leichthändig zwischen verwunschener Königin und wildem Tier. Pixars Animatoren haben ihre Kunst in den 17 Jahren, seit mit "Toy Story" der erste computeranimierte Film erschien, so verfeinert, dass komische Karikaturen neben hyperrealistischen Naturszenen stehen, ohne dass es zu einem ästhetischen Bruch kommt.

Den gab es allerdings auf anderer Ebene. "Merida" sollte der erste Pixar-Film unter der Regie einer Frau sein. Doch auf halber Strecke wurde Brenda Chapman durch Mark Andrews ersetzt - wegen kreativer Differenzen, wie es hieß. Pixar-Chef John Lasseter betont ja gern einmal, dass kein Film des Studios ohne größere Krise auskomme, bei "Merida" war es jetzt nicht anders. Schade. Pixars ersten Prinzessinnenfilm, gedreht von einer Frau, das hätte man gern gesehen. So bleibt für die Firma aus Emeryville bei San Francisco noch weiter Neuland zu beackern.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
pompelmo 31.07.2012
Ich durfte den Film gestern schon in der Sneak-Preview sehen. Die Story ist zwar für Pixar-Verhältnisse wenig originell, aber immer noch sehr liebevoll und kurzweilig. Dafür ist die Animationstechnik von Pixar mittlerweile so sensationell, dass ich hier eine klare Empfehlung, mal wieder ins Kino zu gehen, abgeben muss.
2. Und jetzt...
jak0k0 31.07.2012
...sitzen alle weinend im Kino!
3. Kleine Korrektur
alhoh 31.07.2012
Asterix wurde nicht von Albert Goscinny gezeichnet, sondern von Albert Uderzo. René Goscinny haben wir bis zu seinem vorzeitigen Tod den profunden Textwitz von Asterix zu verdanken.
4. Ov
lufkin 31.07.2012
hoffentlich find ich n Kino in dem der in der original Fassung läuft... ich will den Akzent.
5. Gelungen
filmforist 31.07.2012
Habe den Film gesehen und war angenehm überrascht: schönes Kindermärchen mit vielen liebevoll gemachten Details.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Pixar
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare

Merida - Legende der Highlands

Originaltitel: Brave

USA 2012

Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman, Steve Purcell

Buch: Mark Andrews, Brenda Chapman, Steve Purcell, Irene Mecchi

Sprecher: Nora Tschirner, Monica Bielenstein, Bernd Rumpf, Thilo Schmitz, Marianne Groß

Produktion: Walt Disney Pictures, Pixar Animation Studios

Verleih: Walt Disney Motion Pictures Germany

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 2. August 2012