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"Im August in Osage County": Duell der starken Frauen

Von

Tobis

Bei den Oscars leer ausgegangen, aber trotzdem gut: Im schwarzhumorigen Familiendrama "Im August in Osage County" treffen sich die Superstars Julia Roberts und Meryl Streep zum Zweikampf. Das Ergebnis fällt eindeutig aus, doch das macht den Film nicht weniger unterhaltsam.

"Du bist jetzt das Familienoberhaupt", faucht Barbara (Julia Roberts) ihren Onkel Charles (Chris Cooper) an, "sag du das Tischgebet." In großer Runde haben sich die Westons am Esstisch in Osage County, Oklahoma, eingefunden. Es ist das Essen nach der Trauerfeier für Barbaras Vater Beverly, Charles' Schwager. Nur stotternd kriegt Charles die Worte fürs Gebet zusammen, von patriarchalem Pathos keine Spur. Eigentlich ist aber schon vor dem unsouveränen Auftritt klar, dass Charles nicht in die Fußstapfen seines Schwagers treten wird - weil dieser nie das Familienoberhaupt war. Stets hat seine cholerische und pillensüchtige Frau Violet (Meryl Streep) den Ton angegeben. Doch nun sind Violets drei Töchter da und machen der tyrannischen Mutter ein für alle Mal das Wort streitig.

Vor der Weltpremiere von "Im August in Osage County" im September auf dem Filmfest von Toronto hatte es mächtig Getöse gegeben. Meryl Streep, Julia Roberts, Ewan McGregor und Benedict Cumberbatch in einem Film! Dazu als Vorlage ein Theaterstück, das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet ist und am Broadway ein Hit war!

Nach der Premiere wurde es jedoch schlagartig ruhig. Zwei tolle Performances von Streep und Roberts, mehr gebe der Film nicht her, hieß es. Und tatsächlich: Psychologische Tiefenschärfe und unvorhersehbare Wendungen darf man von "Im August in Osage County" nicht erwarten. Wer aber Meryl Streep und die Theaterstücke von Edward Albee, also süffige Melodramatik mag, der kommt hier voll auf seine Kosten.

Aufmarsch der Zweisamkeiten

Als Vater Beverly (Sam Shepard) vermisst gemeldet wird, ist als erstes Ivy (Julianne Nicholson) zur Stelle. Die jüngste der drei Töchter hat es nie geschafft, sich von den dominanten Eltern zu lösen und ist als einzige in Oklahoma geblieben. Sie ist es auch gewesen, die sich um die Eltern gekümmert hat, als der Vater in den Alkoholismus abglitt und die Mutter anfing, unkontrolliert Antidepressiva zu schlucken. Diese Fürsorge wird ihr von Mutter Violet aber nicht gedankt, sondern als Schwäche ausgelegt.

Als nächstes reist Barbara (Roberts), die älteste Tochter, mit Mann (Ewan McGregor) und pubertierender Tochter (Abigail Breslin) an. Sie war einst nach Colorado weggezogen, was Violet ebenfalls in einen Vorwurf dreht und sogar mutmaßen lässt, es hätte den Vater erst in den Alkohol und dann in den Suizid getrieben. Dass es zum Schluss sogar Karen (Juliette Lewis) von Florida nach Oklahoma schafft, ist für Violet nur noch Nebensache. Zu oberflächlich findet sie die mittlere Tochter, als dass sie ihr Gift an ihr verschwenden wollte.

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"Im August in Osage County": Süffige Melodramatik
Es ist ein hübscher Aufmarsch in den Plains von Oklahoma, den Hit-Produzent John Wells ("West Wing") in seiner zweiten Regiearbeit inszeniert. Wobei es nicht so sehr ein Aufmarsch der Familienmitglieder, denn der Paare ist. Alle Konstellationen der Hetero-Zweisamkeit sind hier vertreten - von den frisch Verliebten über die pragmatisch Zusammenlebenden bis hin zu den Eheleuten, die in Trennung leben oder die der (Frei-)Tod bereits getrennt hat.

Jedes dieser Paare hat seine eigenen Pathologien, die nacheinander zu Tage treten. Im Vordergrund stehen dabei die Frauenfiguren, die die lautesten und körperlichsten Szenen abkriegen: Beleidigungen und Ohrfeigen, selbst Schläge mit dem Spaten werden hier allesamt von Frauen verteilt. Das heißt aber nicht, dass die Männer zu kurz kommen. Vielmehr halten Wells und Autor Tracy Letts für jeden von ihnen eine kurze, zarte Szene bereit. Benedict Cumberbatch stimmt ein kleines, flüchtiges Liebeslied an, Chris Cooper ist dabei zu sehen, wie er seiner Ehefrau erst eine Standpauke hält, dann vor dem Haus auf sie wartet und dabei selbstverloren mit dem Fuß im Sand herumkratzt.

Zu schwach für zwei starke Frauen?

Noch erfrischender ist, dass es die Männer sind, die in "Osage County" Verantwortung für Beziehung und Kinder übernehmen. Je mehr Fakten sie schaffen, desto freier wird der Blick auf das Paar, das eigentlich das Zentrum des Films bildet: Violet und ihre älteste Tochter Barbara beziehungsweise Meryl Streep und Julia Roberts.

Bei den diesjährigen Oscars wurden sie noch in unterschiedliche Kategorien gesteckt - Streep wurde als beste Hauptdarstellerin nominiert, Roberts als beste Nebendarstellerin, beide gingen leer aus -, so als könnte es Hollywood nicht aushalten, wenn zwei Frauen gleich stark auftreten. Dabei begegnen sie sich durchaus auf Augenhöhe.

Ausgestattet mit Hollywoods schauspielerischem Freibrief "Medikamentensucht" und gleich zwei Perücken dreht Meryl Streep erwartbar ungehemmt auf. Sie muss nicht mehr darauf achten, ob sie in einer Szene gut aussieht, sie entscheidet im Alleingang, wann Drama und wann Komödie gegeben wird. In ähnliche Sphären schwingt sich nun auch Julia Roberts mit diesem Film auf. Dass sie beherzt flucht und sowohl Falten als auch grauen Haaransatz erkennen lässt, ist in jedem Fall ein guter Anfang. Noch fällt ihr aber oft nicht mehr ein, als die Lippen zu schürzen und ihre Stirn zu runzeln, wenn sie Verachtung ausdrücken will. Mit Streeps breitem Repertoire der Manierismen kann das noch nicht mithalten.

Rein technisch ist dieser Superstar-Showdown deshalb unausgeglichen. Genug Spaß, um ins Kino zu gehen, macht er aber allemal.

Im August in Osage County

Originaltitel: August, Osage County

USA 2013

Regie: John Wells

Buch: Tracy Letts nach seinem eigenen Theaterstück

Darsteller: Meryl Streep, Julia Roberts, Julianne Nicholson, Margo Martindale, Chris Cooper, Ewan McGregor, Juliette Lewis, Dermot Mulroney, Abigail Breslin, Benedict Cumberbatch, Misty Upham

Produktion: Weinstein Company, Jean Doumanian Productions et al.

Verleih: Tobis

Länge: 121 Minuten

Start: 6. März 2014

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Karbonator 03.03.2014
Ich finde es ehrlich gesagt etwas befremdlich, wie hier Julia Roberts der knapp 20 Jahre älteren Meryl Streep entgegengesetzt wird und dabei im Fazit wie eine Anfängerin abgestraft wird. Immerhin hat die Dame nebst zahlreichen Nominierungen (u.a. 3 Mal für den Oscar und 5 Mal für den Golden Globe) und Auszeichnungen drei Golden Globes, einen BAFTA Award, einen SAG Award und einen Oscar gewonnen... das macht man nicht einfach so nebenher und wenn man nicht wenigstens ein bißchen was auf dem Kasten hat.
2. Schade um die Zeit!
maiahartmann 10.03.2014
Ich könnte mich nicht mehr ärgern in diesen Kinofilm gegangen zu sein. Schreiben Sie im Ernst "Das macht den Film nicht weniger unterhaltsam?", das ist ein Theaterstück, dass auf Film angepasst wurde, ohne auch nur im Geringsten zu berücksichtigen, dass Bühne und Leinwand eben nicht gleich funktionieren. Klar ist die schauspielerische Darstellung gewohnt gut, aber was gibt der Film her? Wo wird der Zuschauer emotional angesprochen außer bei der Tatsache, dass er sich zu tode langweilt und sich mental für diese Zeitverschwendung verflucht. Die Story ist und bleibt, dass es drei Generationen nicht schaffen, ihr miserables Dasein in eine andere Bahn zu lenken..... Schade um die guten Schauspieler, wenn man ein gutes Wort darüber verliert, dann nur weil die gute Besetzung auf Lorbeeren aus der Vergangenheit zurückgreift. Für mich eine klare Nominierung für die goldene Himbeere.
3. Tragödien meinen es ernst !
mumin 22.05.2014
Hallo, Maja Hartmann ! Sind Sie schonmal während eines Films aufgestanden und einfach gegangen ? Ich praktiziere das regelmäßig nach dem Prinzip: Ich lasse mir doch nicht meine Zeit stehlen und die Stimmung verderben, nur weil ich eine Eintrittskarte erworben habe und weil der Film mal wieder von der Kritik hochgejubelt wurde. Aus Ihrer Reaktion auf den hier besprochenen Film entnehme ich, dass Sie sich das einfach auch angewöhnen sollten. Mir ist es gerade bei diesem Film ganz anders gegangen. Deshalb ärgere ich mich zuallererst mal darüber, dass Sie Ihre unreife Zuschauerpassivität als repräsentativ für 'den Zuschauer' darstellen und mich und andere damit vereinnahmen, um Ihre Sichtweise künstlich aufzuwerten. Andererseits haben Sie sich ja nicht nur gelangweilt sondern auch geärgert und zwar darüber, dass „es drei Generationen nicht schaffen, ihr miserables Dasein in eine andere Bahn zu lenken“. Diese sehr treffenden Formulierung des Grundproblems sagt mir, dass Sie den Film verstanden haben, dass Sie aber keine Tragödie sehen wollten, sondern vielleicht allerhöchstens eine Tragikomödie, als welchen ihn die Filmkritik ja auch durchweg ankündigt. Und das allerdings kann ich Ihnen nicht verübeln sondern der Filmkritik auch hier beim Spiegel. Die Kritikerin sieht einen 'hübschen Aufmarsch' hauptsächlich von Superstars, der ihr 'Spaß' gemacht hat. Gute Unterhaltung eben. Es wird ja nicht geschossen. Dass dieser Film (und natürlich die Vorlage) – unbeschadet und von mir aus auch dank der beteiligten Stars – eine echte, wahnsinnig gut geschriebene, in den Charakteren, Situationen und Hintergrunddeterminanten stimmige Tragödie ist, haben Sie mit Ihrer widerwilligen Beurteilung viel besser erkannt: er beschreibt das schicksalhafte, sich über Generationen immer wieder erneuernde Zerstörungswerk, das Eltern mit dem Gift fehlender Empathie (das Stiefelgeschenk z.B. und das Amusement der Mutter) aber auch mit echten Gewalttaten (der Hammer des Stiefvaters) bei ihren Kindern anrichten können, ohne dass sie dafür letztlich verantwortlich wären. Sie sind ja selbst familiäre und soziale Zerstörungsopfer. Und ja, sie schaffen es alle nicht, „ihr miserables Dasein in eine andere Bahn zu lenken“. Letzteres war allerdings schon bei den alten griechischen Tragödienschreibern eher die erwünschte Reaktion des Zuschauers.
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