Metal-Film "Until the Light takes us": Jedem Tode wohnt ein Zauber inne

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Woher dieser Hass? Wie kamen ein paar norwegische Metal-Musiker plötzlich dazu, Kirchen abzufackeln und Leute zu erstechen? Der Dokumentarfilm "Until the Light takes us" nähert sich einem der düstersten Phänomene der Rockgeschichte - atmosphärisch dicht und distanzlos.

Wann genau die letzte Grenze überschritten war? Wer weiß. Vielleicht als Per Yngve Ohlin beschloss, am 8. April 1991 seinem Künstlernamen alle Ehre zu machen.

An jenem Tag griff "Dead" zu einer Schrotflinte und blies damit sein Hirn an die Wand eines Holzhauses. Das Gebäude stand in einem Wald nahe Oslo und diente seiner Band Mayhem als Unterkunft. Nur 22 Jahre wurde der Sänger alt.

Vielleicht ereignete sich der Zivilisationsbruch aber auch erst, als ein Bandkollege den Toten auffand, in einem Matsch aus Hirn und Blut, und nichts Besseres zu tun hatte, als die Szenerie zu fotografieren und ein paar Schädelsplitter aufzusammeln. Eines der Bilder sollte später ein Albumcover von Mayhem zieren. Die Knochenstücke gingen an Freunde, als Amulettschmuck.

All das in Norwegen. Im kleinen, friedlichen Norwegen, ausgerechnet.

Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger brachte ein Häufchen junger Männer, das sich in dem kleinen Plattenladen Helvete in Oslo traf, ein Heavy-Metal-Subgenre namens Black Metal zum Erblühen, das bald weltweit Schlagzeilen machen sollte - und dessen Skandalgeschichte der Dokumentarfilm "Until the Light takes us" erzählt (jetzt im Kino).

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"Until the Light Takes Us": Chillen in der Vorhölle
Der norwegische Black Metal paarte morbide Todesästhetik in Schwarz-Weiß mit einem bis dahin nie gehörten, düsteren Ambient-Sound. Bands wie Burzum, Darkthrone oder Mayhem verachteten den Trend zur Hightech-Produktion, setzten auf Low-Fi. Teilweise nahmen sie Gesangsspuren nur mit einem Headset auf. So entstanden Lounge-Symphonien für das Chillen in der Vorhölle, in denen brüchige Gitarrenwände wachsen und zerfallen, begleitet von klagenden Kreischgesängen und wütenden Winsellauten; Musik, die klingt, als sei das ewige Eis der Arktis aufgetaut und hätte einen namenlosen Schmerz in die Welt entweichen lassen, Nihilismus aus dem Permafrost.

Sündenfall des Black Metal

Außerhalb der Szene interessierte sich zunächst niemand dafür. Bis ein paar der jungen Männer aus dem Osloer Häufchen damit begannen, krypto-faschistische Parolen mit neoheidnischem Eso-Müll zu vermischen und mittelalterliche Kirchen abzufackeln. Und vor allem bis Burzum-Chef Varg "Count Grishnackh" Vikernes einen Musikerkollegen mit dem Messer niedermetzelte und Emperor-Drummer Bård G. "Faust" Eithun einen Schwulen erstach.

Die Boulevardpresse erschauderte, bigott und sensationsgeil: Land der Fjorde, Land der Morde! Und, zynisch gesprochen, ging's ja tatsächlich nicht geiler: Löste der Rock hier nicht sein ursprüngliches Versprechen ein? War er nicht endlich Bürgerschreckmusik, in letzter, tödlicher Konsequenz? Schluss mit Alice Coopers Horror-Posen. Diese Jungs mit ihren schwarz-weiß angepinselten Gesichtern ("Corpsepaint") wollten nicht nur Leichen gleichen, sie sorgten für welche: Satanistische Morde! Irgendwie auch Nazis! Flott wurde so das Phänomen erschlagen von Schlagwörtern und begraben unter wohlfeiler Sonntagsrednerei.

So simpel wegzuerklären ist der Sündenfall des Black Metal nicht, das wussten damals einige und ahnten viele. Die US-Dokumentarfilmer Aaron Aites und Audrey Ewell machten sich daher gut 15 Jahre nach den Ereignissen nach Norwegen auf, um sich noch einmal mit den Vorgängen zu beschäftigen, die wichtigsten Szene-Protagonisten von damals zu treffen und vor der Kamera zu befragen. Ihr selbst erklärtes Hauptinteresse: Wie konnten diese jungen Männer so viel Leidenschaft entwickeln und tatsächlich hoffen, die Welt verändern zu können?

Der Ansatz, die Szene ausschließlich als Jugendbewegung zu verstehen, irritiert dann doch ein bisschen, denn er rückt die psychologische Faszination für die Täter in den Mittelpunkt, sympathisiert mit ihren Motiven, verdrängt aber wichtige Fragen: Wie kam es zu den Brandstiftungen und Morden? Welche Dynamik entstand in dem Grüppchen? Hier scheut der Film zurück vor einer eindeutigen Antwort, und doch suggeriert er eine sehr einfache, sie lautet:

Ausgerechnet im kleinen, friedlichen Norwegen? Natürlich. Wo sonst?

Wo sonst hätte das Ur-Versprechen des Rock so radikal eingelöst werden können als in dem Erdöl-finanzierten Supersozialstaat Norwegen, der seine Bürger nur vor einem Lebensrisiko nicht schützt: Langeweile. Und von wem sonst als von Jungs, die gegen eine Gesellschaft revoltieren, die sich liberal gibt, im Kern aber furchtbar uniform ist und homogen?

Wo sonst hätte ein so düsterer Soundtrack zu Brandstiftung und Mord entstehen können als in diesem Land mit seinen tiefen Wäldern, den langen Nächten, der Kälte und dem Schnee?

Fluch der jüdisch-christlichen Kultur

Das in etwa umreißt die schlichten Erkenntnisse von "Until the Light takes us". Sie sind so dürftig, weil der Film Etikettenschwindel betreibt: Er ist ein gelungenes popkulturelles Kunstprojekt, das sich der Mittel des Dokumentarfilms bedient. Geschickt bringt er zum Beispiel Symbolbilder der indifferenten Mittelschichtsgesellschaft und der wütenden Subkultur gegeneinander in Stellung, erzeugt so eine hohe atmosphärische Dichte, entfaltet starke Suggestivkraft - verrät aber jeden aufklärerischen Anspruch.

Denn die fast durchweg eloquenten Zeugen, Mitwisser und Täter kommen unwidersprochen und unkommentiert zu Wort - und zwar nur sie. Mehrere Jahre haben die (politisch unverdächtigen) Macher für ihre Recherchen in Norwegen zugebracht, und es drängt sich der Verdacht auf: Sie haben zu viel Nähe genossen, zu viel Sympathie entwickelt. Mayhem-Drummer Jan Axel Blomberg zum Beispiel darf mit einem Augenzwinkern sagen, dass er es Bård G. "Faust" Eithun gar nicht zugetraut hätte, eine "Schwuchtel" umzubringen.

Besonders ausführlich äußert sich Burzum-Mastermind Varg Vikernes, der 15 Jahre in Haft saß und 2009, nach Abschluss des Films, entlassen wurde. Der verurteilte Mörder sitzt da also im Knast, vor ein paar hübschen Gardinen, und doziert mit der Aura eines smarten Outsider-Intellektuellen endlos über die Amerikanisierung und den Fluch der jüdisch-christlichen Kultur.

Ob da eine geistige Linie zum historischen Rechtsextremismus in Norwegen führt, zu Quisling etwa? Kein Thema. Dass ihn 1997 eine "Einsatzgruppe" aus dem Gefängnis holen wollte oder er 2003 nach einem Fluchtversuch mit einem Gewehr aufgegriffen wurde? Wird nicht erwähnt. Seine Vorbildfunktion für den noch immer recht populären National Socialist Black Metal? Bleibt ungeklärt. Stattdessen kommentiert Vikernes seine Taten und seine Verhaftung mit einer frivolen Aussage: "Wir tolerieren diese Art der Rebellion in Norwegen nicht."

Mord und Brandstiftung als Rebellion zu verklären, will der Film zwar nicht - verwahrt sich aber auch nicht entschieden genug dagegen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
faustjucken_tk 16.08.2010
Idiotische "Musik" von Idioten für Idioten. Lohnt es sich wirklich, darüber zu diskutieren? Nein. Schön, dass die sich weit oben im Norden herumtreiben.
2. Idiotische Musik...
Morgenstern064 16.08.2010
Zitat von faustjucken_tkIdiotische "Musik" von Idioten für Idioten. Lohnt es sich wirklich, darüber zu diskutieren? Nein. Schön, dass die sich weit oben im Norden herumtreiben.
Mein Ding ist Black Metal zwar auch nicht, aber Ihre Aussage kann man problemlos auch auf ach so etablierten Musikarten wie Rap und House anwenden. Übrigens gibt es auch in Deutschland viele BM-Fans und Bands.
3. Hmm
ph0b0z 16.08.2010
Da lobe ich mir doch Immortal und die vielen anderen guten Bands des Genres die mit dem Mumpitz nichts am Hut haben/hatten. Klingt auch so als hätte "Metal - A Headbangers Journey" (incl. Bonus!) das Thema etwas besser behandelt, wenn ich mich richtig erinnere.
4. ...
selbstfinder 16.08.2010
Zitat von faustjucken_tkIdiotische "Musik" von Idioten für Idioten. Lohnt es sich wirklich, darüber zu diskutieren? Nein. Schön, dass die sich weit oben im Norden herumtreiben.
Idiotischer Beitrag... von einem Idioten für Idioten? Wenn es sich für sie nicht lohnt, darüber zu diskutieren, dann bleiben sie doch der Diskussion einfach fern. Ich finde die Musik zwar auch nicht sonderlich hörenswert, aber prinzipiell die Szene durchaus interessant. Den Film werde ich mir jedenfalls mal ansehen - wenn auch zunächst mit Vorsicht genießen, da wohl die kritische Distanz zu dem Thema fehlt.
5. Witzig
olymp666 16.08.2010
Zitat von faustjucken_tkIdiotische "Musik" von Idioten für Idioten. Lohnt es sich wirklich, darüber zu diskutieren? Nein. Schön, dass die sich weit oben im Norden herumtreiben.
Witzig, wie sich die Vergangenheit wiederholt. Das selbe sagte man früher auch über Elvis, Beatles, etc... Gruß ;-)
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"Until the Light takes us"

USA 2008

Regie: Aaron Aites, Audrey Ewell

Buch: Aaron Aites, Audrey Ewell

Produktion: Variance Films

Länge: 93 Minuten

Start: 12. August 2010

Offizielle Website zum Film