#MeToo auf der Berlinale Hilft ein Kodex am Set?

Die #MeToo-Debatte beschäftigt die Berlinale: Nicht bloß mit sexueller Belästigung soll Schluss sein, heißt es von vielen aus der Filmbranche - sondern möglichst bald auch mit der Männer-Übermacht im Geschäft.

Unterbrechung der Podiumsdiskussion durch rechte Gruppe: Die Stimmung bessert sich nicht
ALEXANDER BECHER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Unterbrechung der Podiumsdiskussion durch rechte Gruppe: Die Stimmung bessert sich nicht


Einmal spricht Katarina Barley von einem "Erdbeben", das die Filmwelt gerade erlebe. Sie macht eine kurze Pause, blickt auf ihr Publikum im mit ein paar Hundert Frauen und Männern gefüllten Kabarettzelt Tipi, und sagt über die Berlinale: "Wir merken, in diesem Jahr ist etwas anders hier."

Barley, die der SPD angehörende Bundesministerin für Familie, Frauen und Senioren, hält am Montagnachmittag eine kurze Rede zum Auftakt der Veranstaltung "Kultur will Wandel". Laut Ankündigung richtet sie sich gegen "sexualisierte Belästigung und Gewalt in der Film- und Fernsehbranche".

Sexuelle Gewalt sei ein Verbrechen, das aktuell in vielen Teilen der Gesellschaft verübt werde, "und nicht etwas, was es früher mal gab", sagt Barley. Und wenig später stellt auch die Schauspielerin Jasmin Tabatabei fest: "Es wird Missbrauch betrieben unter dem Deckmantel der künstlerischen Freiheit."

Bemerkenswert, wie stark #MeToo das Festival prägt

Zu den Diskutanten auf dem Podium gehört neben Tabatabei, ihrer Kollegin Natalia Wörner, der ZDF-Vizeprogrammdirektorin Heike Hempel auch Michael Lehmann, als Chef von Studio Hamburg Leiter eines großen deutschen Produktionsbetriebs. Er sagt: "Wir haben weggeschaut. Muss das so sein? Nein."

Was und wie viel ist wirklich anders auf der Berlinale im #MeToo-Jahr? Es ist nicht besonders überraschend, dass die Debatte um den Machtmissbrauch auch auf dem Festival geführt wird; bemerkenswert ist allenfalls, wie stark sie das Festival und den Blick auf Filme prägt.

Katarina Barley
ALEXANDER BECHER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Katarina Barley

Mit dem vermeintlichen #MeToo-Fall Kim Ki-duk fing es an. Hatte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick vor Beginn des Festivals noch behauptet, man zeige in diesem Jahr keine Filme, wenn einer von deren Machern sich eingestandenermaßen eines Missbrauchs schuldig gemacht habe, so war er schnell des Schwindels überführt: Eine südkoreanische Schauspielerin beschuldigt - das wusste Kosslick - den Regisseur Kim Ki-duk, der seinen Film "Human, Space, Time and Human" in Berlin zeigt, er habe sie während der Dreharbeiten zu einem früheren Film geohrfeigt und zu vorher nicht abgesprochenen Sexszenen genötigt.

Die Schauspielerin, die anonym bleiben will, trat mit einem Tuch geschützt auf einer Pressekonferenz in Berlin auf; auch Kim Ki-duk rechtfertigte sich vor der Presse. Er hat wegen der Vorfälle in Südkorea bereits eine Geldstrafe bezahlt, die er nicht als Schuldeingeständnis verstanden haben will.

Festivalchef Kosslick selbst wurde zu Berlinale-Beginn von einer früheren Mitarbeiterin beschuldigt, sie mit "willkürlichen Erniedrigungen" und anzüglichem Gerede traktiert zu haben, so die Schilderung einer anonymen Autorin auf der Webseite des "Missy Magazins". Es habe sich mindestens um eine "unglückliche Ansammlung von sehr schlechtem Verhalten" gehandelt. Inzwischen hat Kosslicks Ex-Mitarbeiterin den Text von der Webseite nehmen lassen - nach ihren Angaben hat sich der Festivalleiter mit ihr getroffen und sich entschuldigt.

Eine gereizte Stimmung

So oder so ist #MeToo ein Dauerthema des Festivals. Die polnische Filmemacherin Malgorota Szumoska, mit ihrem Werk "Mug" im Festival-Wettbewerb, wirbt währenddessen für "Speak Up", eine Initiative europäischer Filmschaffender. Sie sagt: "Wir möchten klarstellen, dass sexuelle Belästigung und Missbrauch weder am Drehort noch im Büro noch auf Festivals geduldet werden." Im Text der Initiatorinnen heißt es: "Sexuelle Belästigung ist systemisch, nicht bloß eine Anzahl isolierter Einzelfälle."

Stimmt das? Und wenn ja, würde es helfen, wenn sich die Branche auf einen Kodex verständigt, den alle Menschen am Set einzuhalten haben? Auf dem Podium im Tipi sind sich am Montagnachmittag die Schauspielerinnen Tabatabei und Wörner nicht einig; Tabatabei hält einen solchen Kodex grundsätzlich für sinnvoll, Wörner fürchtet die "Beschränkung des kreativen, künstlerischen Prozesses".

Es herrscht eine gereizte Stimmung. Es gibt Beifall, höhnisches Lachen und Buhrufe. Weil es um die Aufdeckung von Einzelfällen, "um #MeToo als Skandal und Showbiz" nicht gehen soll, wie sich alle auf der Bühne schnell einig sind, verlagert die Mitdiskutantin Barbara Rohm, Vorstandsfrau von Pro Quote Film, die Diskussion auf die Frage, wie Frauen mehr Macht im Filmgeschäft erlangen können. Rohm sagt, 85 Prozent aller Kino und Fernsehfilme in Deutschland würden von Männern gemacht.

Jasmin Tabatabai
ALEXANDER BECHER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Jasmin Tabatabai

Die ZDF-Vizedirektorin Hempel berichtet, in den von ihr betreuten Programmen seien immerhin schon 20 Prozent der Filme von Frauen verantwortet und wird dafür aus dem Publikum angegiftet. Die Stimmung bessert sich nicht, als ein paar rechtsradikale junge Frauen auf die Bühne steigen und ein Transparent entrollen, das die angeblich durch Flüchtlinge in Deutschland verursachte Gewalt anprangert an angeblich "vergessenen Frauen", wie auf dem Banner zu lesen ist. Viele aus dem Publikum rufen "Nazis raus". Die Störerinnen ziehen bald wortlos ab.

Es wird dann noch über weibliche Rollenbilder in Film und Fernsehen gesprochen und die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. Unterm Strich aber scheinen sich alle auf der Bühne einig: Das Hauptziel aller Film- und Fernsehschaffenden müsse die Gleichstellung von Frauen und Männern im Geschäft sein, in allen Berufen vor und hinter der Kamera. "Frau muss kämpfen", sagt Tabatabei. "Man muss sein Maul aufmachen."

Wie gründlich die Diskussion alle Winkel der Berlinale erreicht hat, wird am Montagabend klar. Da lädt die UFA, Deutschlands mächtigste private Produktionsfirma zum "Tribute To The Young Generation"-Dinner ins Restaurant Grill Royal in Berlin-Mitte. Das Lokal ist bekannt für ein geräumiges Raucherzimmer, das nach Art traditioneller Herrensalons dekoriert ist. Großformatige Bilder von in den Siebzigerjahren aufgenommenen Models und Schauspielerinnen mit nackten Brüsten zieren die Wände.

Genau in diesem Hinterzimmer und neben diesen Bildern lässt Nico Hofmann, Chef der UFA und einer der mächtigsten Filmmenschen Deutschlands, einen Werbeclip über aktuelle UFA-Projekte vorführen und verkündet: "Mir wurde gesagt, dass ich diesmal unbedingt als erstes die Regisseurinnen unseres Hauses begrüßen soll. Ich tue das mit großer Freude." Ganz egal, ob man es als bloße Rhetorik wertet oder als Zeichen eines neuen Denkens: Es ist tatsächlich etwas anders in diesem Jahr bei der Berlinale.



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