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"Metropolis"-Neufassung: Science-Fiction-Puzzle nach Noten

Von Karen Naundorf

Zuletzt half nur die Musik: Auf der Berlinale wird Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker "Metropolis" in einer spektakulären Neufassung aufgeführt. Doch niemand wusste, wie der brutal gekürzte Film früher aussah. Die Restauratoren mussten sich deshalb am Soundtrack orientieren.

Niemand kennt "Metropolis" besser als Frank Strobel. Schwarzes Hemd, schwarze Jeans, Oberlippenbart, steht er auf dem Pult, dirigiert das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin durch die Filmmusik, jeder Muskel seines Körpers ist angespannt. Der Taktstock wird zur filigranen Verlängerung des Armes, kleinste Bewegungen reichen, um die über 80 Musiker zu einer Einheit werden zu lassen. Dann senkt er die Arme, Ruhe kehrt ein. Strobel beschreibt dem Orchester, was das Publikum fühlen soll. Und was im Film läuft, den die Musiker nicht sehen, weil er auf der Leinwand in ihrem Rücken läuft: "Wir sind im Dom von Metropolis, sehen die Statuen der sieben Todsünden. Es ist ein leiser, aber auch bedrohlicher Moment." Nur Strobel hat einen kleinen Monitor über dem Pult. So, dass er gleichzeitig "Metropolis" sehen und den Blickkontakt mit den Musikern halten kann.

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Filmklassiker "Metropolis": "Absolut verzahnt"

Über 180 Mal hat Strobel "Metropolis" schon aufgeführt, doch immer in gekürzten Versionen. Er sagte sofort zu, als er hörte, dass zum ersten Mal seit über 80 Jahren eine Langfassung des Films entstehen sollte. Mit neu restaurierten Szenen, die in einem vergessenen Filmmuseum in Argentinien gefunden worden waren. Bilder, nach denen Filmhistoriker Jahrzehnte gesucht hatten. Eine halbe Stunde "Metropolis", von der die Welt glaubte, sie nie wieder zu sehen, seit der Film nach der Premiere 1927 brutal gekürzt worden war. Frank Strobel war begeistert.

Es war eine große Aufgabe. Und sie wurde größer. "Schnell wurde klar, dass die Restauratoren die argentinischen Bilder nicht einfach nur in das bisherige Material einpassen konnten. Der Schnitt war anders als erwartet, und wir wollten so nah wie möglich an der Premierenfassung von 1927 sein", sagt Strobel. Es ist ein Puzzlespiel, in dem niemand das fertige Bild kennt. Der einzige vollständige Zeuge ist die Partitur der Filmmusik.

"Musik und Bilder absolut verzahnt"

"Normalerweise kommt die Filmmusik zum Schluss, wird draufgesetzt. Bei 'Metropolis' war das anders, der Komponist war beim Dreh dabei, spielte Klavier. Deshalb sind Musik und Bilder absolut verzahnt", sagt Strobel. "Ich nehme an, dass schon damals die Musik die Grundlage für den Feinschnitt war." 1028 Synchronpunkte sind in der Musik vermerkt. Stellen, an denen Komponist Gottfried Huppertz beschreibt, was in der Musik passiert: "Stampfende Kolben", "Maria nimmt Kind", "Explosion".

Da es keine Orchesteraufnahme der Huppertz-Musik gibt, nimmt Strobel für die Rekonstruktion moderne Geräte zu Hilfe: Tausende von Noten und Zeichen für Tempi, Dynamiken und Metronomangaben geben seine Mitarbeiter in den Computer ein. Dünn klingt der Sampler-Sound aus dem Rechner. "Wollen Sie das wirklich hören?" fragt Strobel, als schäme er sich dafür.

Die Rechnermusik dient als Leitfaden. Der Dirigent beginnt, den Film zu schneiden, macht den Restauratoren bei der Murnau-Stiftung in Wiesbaden Vorschläge, die diese dankbar annehmen.

"Die Musik ist Note für Note eine genaue Vorgabe dafür, was in 'Metropolis' passiert", sagt Strobel. Wie auf der Bühne setzt er die Hände auch beim Sprechen bewusst ein, keine Bewegung ist überflüssig. "Die Musik ist deskriptiv, der Klang erzählt, was im Bild passiert." Nach "Klang" macht er eine Pause im Satz, es ist eine Aufforderung, die Bildbeschreibungen der Musik zu erahnen. Da sind die lieblichen Töne, wenn Freder, der Sohn des Herrschers zu sehen ist, die Verkörperung des Guten. Oder die bedrohlichen Klänge, wenn der Spion von Freders Vater hinter einer Zeitung lauert und die Liebe vom reichen Freder und der armen Maria in Gefahr bringt.

"Strobelkleidung" steht für die Premiere auf dem Dienstplan des Orchesters, und alle wissen, was gemeint ist: Schwarz. Kein Frack. "Weiße Hemden blenden", sagt Strobel. Die Kleidung der Musiker soll die Kinobesucher nicht ablenken. Vor der Premiere bei der Berlinale hat Strobel "Metropolis" mit dem Orchester nur zwei Mal gespielt: Bei der ersten Probe spielten sie Minute eins bis 67, bei der zweiten Minute 68 bis Ende, die dritte war die Generalprobe - der einzige Durchlauf. Der Film ist ein Marathon, für Dirigent und Musiker, die Partitur hat 493 Seiten. Gespielt wird 148 Minuten am Stück. Der Schnitt gibt streng den Rhythmus vor. "Der Film ist der Fahrplan", sagt Strobel. "Für mich birgt die neue Version zwei Sensationen: Die fehlenden Szenen sind wieder da, man versteht den Film besser. Und endlich gehen Musik und Bild wirklich wieder miteinander Hand in Hand."


Metropolis hat am 12. Februar zeitgleich Premiere auf der Berlinale, in der Alten Oper in Frankfurt, am Brandenburger Tor und auf arte. Die Live-Übertragung beginnt um 20.15 Uhr.

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+++ LIVE AM 12.2.2010 +++

"Metropolis" live am Brandenburger Tor

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