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"Mia madre" von Nanni Moretti: Regisseure am Rande des Nervenzusammenbruchs

Von Julian Hanich

Es ist alles zu viel für Regisseurin Margherita: Die Mutter stirbt, die Tochter hasst sie, der neue Film geht in die Grütze. Unschwer erkennt man in ihr Nanni Moretti selbst, der in "Mia madre" ein tragikomisches Selbstgespräch führt.

Eine Geschichte am Rande des Nervenzusammenbruchs: Die Regisseurin Margherita (Margherita Buy) dreht gerade in Rom einen neuen sozialkritischen Film, aber es läuft alles andere als rund in ihrem Leben.

Ihre Crew-Mitglieder tun nicht, was sie sich von ihnen erwartet. Von ihrem Freund, einem der Hauptdarsteller, hat sie sich gerade getrennt. Zu ihrer Teenager-Tochter Livia (Beatrice Mancini) fehlt ihr - anders als ihrem Ex-Mann - der Zugang. Schlimmer noch: Ihre Mutter Ada (Giulia Lazzarini) leidet an einem Herzfehler und liegt im Krankenhaus im Sterben. Nur ihr warmherziger Bruder Giovanni (Nanni Moretti) bietet Halt, immerhin.

Margherita ist keine liebenswürdige Figur: Egozentrisch, weinerlich, aufbrausend und selbstzweifelnd watet sie durch den tiefen Morast einer Lebenskrise. Erinnerung, Albtraum und Projektion gehen in ihrem Kopf so gleitend ineinander über, dass wir als Zuschauer oft nicht genau wissen, was wir gerade sehen. Nanni Morettis zwölfter Spielfilm "Mia madre" ist das überzeugende "Bildnis eines mittleren Charakters", wie Stefan Zweig einmal mit Bezug auf eine andere Frau mit überschaubaren Sympathiewerten geschrieben hat: Marie Antoinette.

Wie dreht man heute noch politische Filme?

Und doch hat man damit nur eine Nuance dieses bemerkenswerten Films erfasst. Mit "Mia madre" wirft der italienische Regisseur auch die Frage auf, wie man heute noch politische Filme drehen kann - ein Problem, mit dem er sich seit seinen Anfängen in den Siebzigerjahren immer wieder auseinandergesetzt hat. Man denke etwa an "Wasserball und Kommunismus" (1989) oder "Il caimano" (2006).

Als Margherita bei den Dreharbeiten ihren Kameramann anfährt, warum er bei einer Protestszene sadistisch an die mit Wasserwerfern malträtierten Demonstranten heranzoome, erinnert das an Jean-Luc Godards berühmtes Diktum, Kamerafahrten seien eine Frage der Moral. Ihre Darsteller leitet sie in Brechtscher Manier dazu an, neben der Figur immer auch den Schauspieler herauszustellen. Doch gleichzeitig weiß sie selbst nicht genau, was sie mit diesen Formeln des politischen Kinos eigentlich noch erreichen will. Aus ihrer Ratlosigkeit hört man auch die Stimme des Regisseurs Moretti selbst heraus.

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"Mia madre": Im Morast einer Lebenskrise
Darüberhinaus ist "Mia madre" auch eine stille Reflexion über das Vergangene und das Vergehen: Beziehungen enden, Menschen verlieren ihre Arbeit, der Tod naht. Es ist kein Zufall, dass die im Sterben liegende Ada - genau wie Nanni Morettis Mutter - einst Lateinlehrerin war: Noch im Krankenhaus gibt sie ihrer Enkelin Livia Nachhilfe in einer toten Sprache.

Einmal steht Margherita in der leeren Wohnung ihrer Mutter und streicht mit den Fingern sanft über die Rücken der Lukrez- und Tacitus-Bände in den Regalen: Was sollen all die Bücher, was soll all das Wissen, das Ada im Laufe ihres Lebens angehäuft hat, nach ihrem Tod noch wert sein?

So persönlich dieser autobiografisch gefärbte Film für den 62-jährigen Moretti auch sein mag, so kann man ihn doch auch als eine Parabel auf den Zustand Italiens lesen - ein verblühendes Land, das seiner Jugend keine Chance lässt und in dem noch immer die Vergangenheit die Gegenwart dominiert.

Der heimliche Star des Films

Schon der Titel "Mia madre" (Meine Mutter) erinnert an den anderen tief bewegenden Film Morettis: "Das Zimmer meines Sohnes". Auch in seinem Cannes-Gewinner von 2001 erzählte Moretti völlig kitschfrei von einer Familie, die sich mit dem Tod konfrontiert sieht.

Doch anders als damals durchbricht Moretti dieses Mal mehrfach den ernsten Ton: Neben all den traurig-schönen Klavierstücken von Arvo Pärt finden sich in diesem Film nämlich auch einige urkomische Szenen mit John Turturro. Und genau darin liegt die große Kunst dieses Films: Er wechselt die Tonarten so spielerisch von Moll zu Dur und zurück, als wäre es eine kinderleichte Fingerübung und nicht das Schwerste der Welt.

Turturro ist denn auch der heimliche Star des Films. Sein Barry Huggins ist der kauzige, leicht größenwahnsinnige amerikanische Hauptdarsteller von Margheritas Film-im-Film. Mit zunehmender Dauer werden seine Auftritte immer irrwitziger. Einmal legt Turturro eine Tanzeinlage ein, die beinahe seine Bowling-Bahn-Nummer als Jesus in "The Big Lebowski" in den Schatten stellt. Und doch ist sein Barry Huggins mehr als die comic relief eines ansonsten ernsten Films. Je länger wir Barry zusehen, desto tiefgründiger und trauriger wird er. Bis wir bestürzt feststellen müssen: Auch mit diesem tragikomischen Clown geht es langsam zu Ende.

Im Video: Der Trailer zu "Mia madre"

Mia madre

IT, FR 2015

Regie: Nanni Moretti

Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Valia Santella

Darsteller: Margharita Buy, Giulia Lazzarini, Beatrice Mancini, John Turturro, Nanni Moretti

Verleih: Koch Media

Länge: 106 Minuten

FSK: k.A.

Start: 19. November 2015

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