Dokumentation über Michael Jackson "Erschreckend und unvergesslich"

In den USA ist die Debatte um das Vermächtnis des "King of Pop" neu entfacht: Die Doku "Leaving Neverland" erhebt schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson. Kritiker sprechen von einer "Bombe".

Michael Jackson im Jahr 1988, mit dem damals zehnjährigen James Safechuck
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Michael Jackson im Jahr 1988, mit dem damals zehnjährigen James Safechuck


"Ich möchte nun die Wahrheit sagen - so wie ich bisher gelogen habe." Mit diesem Satz des Choreografen Wade Robson endet eine vier Stunden lange Dokumentation über Michael Jackson, die der Bezahlsender HBO am Sonntag und Montag in den USA ausstrahlt - und die die Erinnerung an den "King of Pop" wohl für immer verändern wird.

Im Mittelpunkt des Films "Leaving Neverland" vom britischen Regisseur Dan Reed stehen der Softwareprogrammierer James Safechuck und der Choreograf Wade Robson, die Michael Jackson im Alter von zehn und sieben Jahren kennenlernten. Im ersten Teil des Films schildern beide in längeren Interviews, wie der US-Popstar sie über Jahre sexuell missbraucht haben soll. Der zweite Teil des Films befasst sich mit bereits bekannten Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs.

Debatte um das Vermächtnis von Michael Jackson

Zehn Jahre nach dem Tod Jacksons entfacht der Film, der Ende Januar beim Sundance Filmfestival in Utah Premiere feierte, erneut die Debatte um sein Vermächtnis. Neue Beweise zu den alten Missbrauchsvorwürfen gegen Jackson liefert der Film nicht - und bietet mehr Fragen als Antworten zum damaligen Geschehen. Verurteilt wurde Jackson trotz wiederholter Vorwürfe nie.

1993 hatte ein 13-jähriger Junge erklärt, im Jackson-Schlafzimmer Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein. Der Popstar bestritt das konsequent, einigte sich mit der Familie des Jungen dann auf eine Abfindung in Millionenhöhe. Ähnliche Beschuldigungen eines Teenagers führten 2005 zu einem "Jahrhundertprozess" in Santa Maria, der mit einem für Jackson triumphalen Freispruch in allen Anklagepunkten endete.

Trailer "Leaving Neverland"

Auch mit Blick auf die Aussagen des Tänzers und Choreografen Wade Robson bleiben bei "Leaving Neverland" Fragen offen. Robson behauptet wie Safechuck, von Jackson im Kindesalter missbraucht worden zu sein. Im Prozess im kalifornischen Santa Maria hatte er den Sänger allerdings noch verteidigt und unter Eid vom Verdacht auf Pädophilie reingewaschen. Zur Begründung seiner geänderten Aussage erklärte er, der "King of Pop" habe ihn damals einer Art Gehirnwäsche unterzogen.

"Ich habe genug von der Musik Michael Jacksons"

Für Aufsehen sorgt der Film auch deshalb, weil er in eine Zeit fällt, in der ehemalige Stars der US-Film- und Musikbranche reihenweise mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert sind oder über sie stürzen, so etwa Kevin Spacey oder zuletzt R. Kelly. Die Öffentlichkeit ist in Zeiten von #MeToo für Fälle sexuellen Missbrauchs stärker sensibilisiert, selbst wenn sie lange zurückliegen. Ein anderer Grund sind die schockierend detaillierten Schilderungen in der HBO-Produktion.

"Erschreckend und unvergesslich" nennt das US-Magazin "New Yorker" die vier Stunden im Kinosaal. Der britische "Guardian" berichtet, nach der Vorführung beim Filmfestival in Utah habe sich "ein aschfahles Publikum langsam von den Sitzen erhoben" und den anwesenden Protagonisten James Safechuck und Wade Robson applaudiert, die als Zuschauer anwesend waren. David Fear, Redakteur des "Rolling Stone", schrieb, nach Ende des Films wirkte das Publikum regelrecht geschockt. "Man hatte das Gefühl, eine Bombe sei explodiert."

Für Hank Stuever, TV-Kritiker der "Washington Post" könnte der Film zu einem Lackmustest für all diejenigen werden, die zwar einerseits die Musik liebten, aber mit der Person des Künstlers haderten. "Mit den Aussagen von Safechuck und Robson im Hinterkopf kann ich mir sehr gut eine Welt vorstellen, in der 95 Prozent weniger 'Smooth Criminal' im Hintergrund läuft", schreibt er in einem Beitrag für die US-Zeitung. "Ich habe jetzt in meinen Leben genug von der Musik Michael Jacksons - vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich."

Nachlassverwalter Jacksons versuchten, den Film zu verhindern

Genau diese Entwicklung hatten auch Jacksons Nachlassverwalter befürchtet und sich im Vorfeld heftig gegen die Ausstrahlung gewehrt - vergeblich. In einer Klage über 100 Millionen Dollar (88 Mio. Euro) Schadenersatz gegen HBO werfen sie Filmemacher Reed vor, "gegen jede Regel von verantwortungsvollem Journalismus und Dokumentarfilmen" zu verstoßen, da er weder die Nachlassverwalter noch Jacksons Familie vor die Kamera holte. Reed entgegnet, er habe Augenzeugen sprechen lassen wollen. Die Familie könne nicht über das sprechen, was Robson und Safechuck geschehen sei.

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Michael Jacksons Anwesen: Die Neverland Ranch

Bei der Dokumentation zu Missbrauchsvorwürfen über den ebenfalls populären R&B-Sänger R. Kelly hatten Anfang Januar 2,1 Millionen Menschen eingeschaltet. Am Sonntag und Montag könnten es deutlich mehr werden. Fans und Zuschauer werden sich ihr eigenes Urteil bilden. Hilfe bekommen sie von Talk-Übermutter Oprah Winfrey, deren Sondersendung "After Neverland" mit Reed, Safechuck und Robson direkt im Anschluss an den zweiten Teil am Montag laufen soll.

stu/dpa



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