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Michael-Moore-Doku: Europäisch für Anfänger

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Mit der Neugier eines Kindes und dem Kampfgeist eines Moralisten: In seinem neuen Film "Where to Invade Next" feiert Oscar-Preisträger Michael Moore Europa - für das, was es von den USA unterscheidet.

Es hat etwas sehr Überraschendes, diesen Film von Michael Moore in dieser Zeit zu sehen. Eine Zeit der Lösungen und nicht der Probleme. Eine Zeit, als Europa noch ein Modell war für eine gerechtete, pluralistische, offene Gesellschaft und nicht eine Art politische Abwrackprämie.

In "Where to Invade Next" spaziert Moore, dieser dicke, freundliche, immer etwas naiv wirkende Moore, mit seiner Stars-and-Stripes-Fahne durch Europa. Er ist auf der Suche nach der Vergangenheit einer Utopie, die seinem Land, den Vereinigten Staaten, schon vor einer Weile verlorengegangen ist; obwohl, und das ist die Pointe seiner Recherche, diese Ideen doch eigentlich uramerikanische Ideen sind: Menschen- und Bürgerrechte.

Wasser statt Cola

Moore will gar nicht glauben, was ihm die Leute erzählen, die er trifft. Der Fabrikbesitzer in Italien, der sagt, seine Angestellten sollten mehr Ferien und mehr Liebe machen, dann seien sie glücklicher und gesünder, und das sei doch das Beste für alle.

Oder der Koch in der Schulkantine in Frankreich, der noch nie in seinem Leben einen Hamburger gegessen hat und seinen Kindern jeden Tag ein Vier-Gänge-Menü zaubert, mit Couscous und Käse, mit Wasser statt Coca Cola. Die Kinder sind zufrieden, hilfsbereit und überhaupt nicht fett.

Oder die Finnen, die so toll lernen, obwohl sie keine Hausaufgaben haben. Oder die Slowenen, in deren Land die Uni umsonst ist, und nicht Studenten in die Schuldenabhängigkeit getrieben wird wie in den USA. Oder die Deutschen, die eine stabile Mittelschicht und aus der Geschichte gelernt haben. Oder die Portugiesen, die Drogen nicht kriminalisieren. Oder die Norweger, die den Staat nicht zum Rachegott eines grausamen Strafsystems machen.

Eine neue Form der Sklaverei

Während in den USA weite Teile der Bevölkerung, die Schwarzen, systematisch von den Wahlen ausgeschlossen werden, weil sie in den Gefängnissen verschwinden und etwa bei der Präsidentschaftswahl nicht mitentscheiden dürfen. In den Südstaaten etwa, Heimat der Sklaverei und der Rassentrennung, wo so viele Schwarze im Gefängnis sitzen, dass auch andere als Michael Moore das für eine neue Form der Sklaverei halten, der Anwalt Bryan Stevenson etwa, der im vergangenen Jahr das so traurige wie brillante Buch "Ohne Gnade" über das verbrecherische Gefängnissystem der USA geschrieben hat.

Und je mehr Schwarze von den Wahlen ausgeschlossen werden, desto eher gibt es eine Mehrheit für Reaktionäre und Rassisten wie Donald Trump oder Ted Cruz.

Es ist dabei wie manchmal bei den Filmen von Michael Moore: Die Botschaft ist so klar, was sie nicht weniger richtig macht und auch nicht weniger wichtig. Aber es dauert etwas, bis sich im eigenen Kopf etwas einstellt, das etwas anderes ist als der didaktische Gestus, den Moore so mag. Moore verbindet die Neugier eines Kindes mit der Wut eines Außenseiters, den Kampfgeist eines Moralisten mit der Aufrichtigkeit eines Mannes, der das Gute zu kennen glaubt und allen anderen davon berichten muss.

Ist wirklich "alles anders"?

Ganz ehrlich: Allzu viele Menschen wie Moore gibt es nicht, jetzt gerade und überhaupt. Und so ist es auch immer leicht, sich über Moore lustig zu machen, weil er die Welt in einen Streichelzoo verwandeln will - was aber wenig daran ändert, dass er Dinge sieht und benennt, die wichtig sind.

In diesem Film etwa, der als eine Invasion aller Länder angelegt ist, von denen die USA etwas mitnehmen, rauben, übernehmen könnten, etwas anderes als Öl. Einem Film, der auf gewisse Weise zu spät kommt, weil er, so könnte man denken, von einem Europa erzählt, das es nicht mehr gibt: von dem Europa vor der Flüchtlingskrise.

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"Where to Invade Next": Auf der Suche nach der alten Utopie

Aber ist das so? Ist Europa nicht mehr dieser progressive Kontinent, den Michael Moore da entdeckt, voller konstruktiver Lösungen für die Probleme unserer Zeit, ein Beispiel für das 21. Jahrhundert? Ist wirklich "alles anders", wie es nicht auf anarchische und schöne, sondern auf reaktionäre und verängstigende Weise immer wieder heißt? Ist Europa, dieses bunte, menschliche Europa, von dem Moore am Rande des Kitsches entlang erzählt, wirklich vorbei?

Und wer hätte ein Interesse daran, diesen Traum zu zerstören, ihn zu diskreditieren, als ein "Eliten-Projekt", wie es nun besonders von Leuten heißt, für die Elite eigentlich noch nie ein Schimpfwort war - bis sie von ihrer eigenen völkischen Berauschung ergriffen wurden?

Ein Film für Amerikaner - der auch für Europäer funktioniert

Michael Moore feiert Europa. Er feiert Europa für das, was es von den USA unterscheidet. Er feiert es auf eine Art, die die Grenze des Dokumentarischen überschreitet, hin zu einer zivilgesellschaftlichen Meditation, einer bürgerschaftlichen Beschwörung. Einer Erinnerung daran, was mal der Plan war, in Europa wie in den USA.

"I have turned into this crazy optimist", sagt Moore am Ende des Film. Da läuft er an der Berliner Mauer entlang, Symbol des dummen, des grausamen Europas. Wer hätte gedacht, dass Europa sich mal so weit von seiner blutigen Geschichte entfernen würde. Und wer sagt denn, dass es so schnell wieder vorbei sein wird.

Michael Moores Film ist eigentlich für Amerikaner gemacht, aber, so sind die Zeiten, er funktioniert gerade auch sehr gut für Europäer, die sich an ihre allerjüngste Vergangenheit erinnern wollen. Eine Vergangenheit, die manche noch als Gegenwart sehen und die doch die einzige menschliche Zukunft ist für diesen alten, jungen Kontinent.

Im Video: Der Trailer zum Film "Where to Invade Next"

"Where to Invade Next"

USA 2015

Regie und Drehbuch: Michael Moore

Verleih: Falcom Media

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 25. Februar 2016

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