Michael Moores "Fahrenheit 9/11" Bilder wie Bomben

Purer Populismus: Mit seiner Kino-Dokumentation "Fahrenheit 9/11" will Michael Moore den US-Präsidenten George W. Bush um seine Wiederwahl bringen. Geschickt montiert der Filmemacher Bilder und Off-Kommentare zu einer suggestiven Kino-Polemik zusammen, die den Zuschauer auf unterhaltsame Weise manipuliert.

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Szene aus "Fahrenheit 9/11": Sieben Minuten Ratlosigkeit
Falcom Media Group

Szene aus "Fahrenheit 9/11": Sieben Minuten Ratlosigkeit

Michael Moore hat eine Mission. Der beleibte Links-Aktivist aus Flint (Michigan) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den amtierenden US-Präsidenten George W. Bush im November um seine Wiederwahl zu bringen. Bush, so lautet inzwischen nicht mehr nur Moores These, ist vor vier Jahren unrechtmäßig an die Macht gekommen und hat diese sträflich missbraucht. Amerikas Image als Hort der Freiheit und moralischer Erhabenheit ist seit dem Angriff auf den Irak vor den Augen der Welt konterkariert worden. Schuld daran, meint Moore, sind der Präsident und seine Berater. Also müssen sie weg.

Dazu ist ihm jedes Medium recht. Er schreibt populistische Bücher wie den Bestseller "Stupid White Men" oder dreht politische Filme wie "Fahrenheit 9/11". Letzterem rollte eine beispiellose Medienwelle voran, so dass die rund zweistündige Dokumentation, die in dieser Woche auch in Deutschland anläuft, kaum noch ohne maßlos aufgetürmte Erwartungshaltung rezipiert werden kann.

Zuerst rang das Filmstudio Miramax wie ein cineastischer Robin Hood mit seinem Mutterkonzern Disney um den amerikanischen Vertrieb des Polit-Films, dann gewann "Fahrenheit 9/11" triumphal die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes, und schließlich brach der offen präsidentenfeindliche Film bei seinem Start in den USA auch noch haushoch jenen Einspielrekord für Kino-Dokumentationen, den Moore mit seiner Waffenlobby-Satire "Bowling For Columbine" selbst geschaffen hatte. Ein modernes Märchen, wie es Hollywood nicht schöner hätte inszenieren können. Doch mit der Traumfabrik hat Michael Moore nichts zu tun. Sein Metier ist nicht Eskapismus, sondern Wahrheit, und die am besten ungeschminkt.

Aktivist Moore in "Fahrenheit 9/11": Cineastischer Robin Hood
Falcom Media Group

Aktivist Moore in "Fahrenheit 9/11": Cineastischer Robin Hood

Mit Schminke beginnt auch "Fahrenheit 9/11". In der Titelsequenz sehen wir, wie George W. Bush, Dick Cheney, Condoleezza Rice, Colin Powell und andere regierende US-Politiker für Fernsehauftritte zurechtgemacht werden. Die Akteure des großen Polit-Debakels setzen ihre Masken auf für die Lug- und Truggeschichten, die sie dem amerikanischen Volk erzählen wollen. Man muss Moore für diesen ebenso simplen wie genialen Einfall Respekt zollen. Er will sein Publikum hinter die Fassaden der inszenierten Ansprachen und Statements blicken lassen, was böte sich dafür besser an, als minutenlang jene ausdruckslosen oder verschwiemelt lächelnden Poltiker-Mienen zu präsentieren, an denen herumgepinselt oder -gepudert wird.

Überhaupt arbeitet Moore in seinem sechsten Film viel mit Archiv-Schnipseln, aus dem Papierkorb gerettetem TV-Material und entlarvenden Bildern der Regierungskaste, die der Durchschnittsamerikaner in dieser Form noch nie zuvor gesehen haben dürfte. Natürlich ist es zumeist George W. Bush, der mit Hilfe des akribisch ausgewählten Materials vorgeführt wird. Der Prolog zeigt ihn während der ersten Monate seiner Amtszeit, als er im August 2001 einen von der Öffentlichkeit kritisch beäugten Langzeit-Urlaub auf seiner Ranch in Texas nimmt. Moore will einen von der Regierungsarbeit überforderten Cowboy präsentieren, der lieber Golf spielt oder auf die Jagd geht, als sich mit drohenden Terrorangriffen zu beschäftigen - und er hat die richtigen Bilder dafür gefunden.

Was auf den August 2001 folgt, ist der Welt hinreichend bekannt. Moore findet eine beeindruckend suggestive Methode, die Schrecken des 11. Septembers noch einmal aufleben zu lassen: Man hört nur die ungläubigen und entsetzten Ausrufe der New Yorker und die Detonationen, als die entführten Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasen. Die Leinwand bleibt dabei schwarz. Indem er die Bilder, die jeder zu oft gesehen hat, nicht zeigt, zwingt uns Moore in den Horror unserer eigenen Vorstellungswelt. Ein angemessen schockierender Auftakt für eine filmische Abrechnung mit drei Jahren Bush-Regierung.

Bush-Gegner Moore: Jedes Medium recht
AP

Bush-Gegner Moore: Jedes Medium recht

Aber leider bleibt dies der einzige Moment, in dem sich der Filmemacher solch eleganter Stilistik bedient. Was folgt, ist ein mehrteiliger Exkurs durch die Geschehnisse nach der Katastrophe, die schließlich zum Krieg im Irak führen. Moore zeigt die engen Verflechtungen der Bush-Familie mit der saudischen Königsfamilie, enthüllt, dass Mitglieder der Familie Osama Bin Ladens kurz nach dem 11. September außer Landes gebracht wurden, ohne vorher verhört zu werden, und erörtert die Beteiligungen amerikanischer Regierungspolitiker mit mächtigen Öl- und Dienstleistungskonzernen wie Halliburton. Moores Thesen sind so erschütternd wie griffig: Der Krieg gegen den Terror? Nur eine Propagandalüge, um das Volk in Angst zu halten. Die Massenvernichtungswaffen im Irak und die angebliche Allianz zwischen Saddam Hussein und Osama Bin Laden? Ebenfalls eine Lüge, um den absurden Feldzug vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen.

Die Leidtragenden dieser Politik, schlussfolgert Moore, sind die US-Bürger, vor allem aber jene schwarzen, puertoricanischen oder armen weißen Soldaten, die im Irak nicht mehr für die Freiheit der USA kämpfen und sterben, sondern für die Wirtschafts- und Privatinteressen des Präsidenten, seiner Berater und der reichen Eliten des Landes.

So endet "Fahrenheit 9/11" recht pathetisch mit der bangen Frage, ob es vielleicht das größte Verbrechen George W. Bushs ist, mit seinen Lügen das Vertrauen dieser Truppen zerstört zu haben, die beim nächsten drohenden Krieg wohl nicht mehr allzu bereitwillig zur Verteidigung des Landes ausrücken dürften.

Die Fakten und Zusammenhänge, die Moore in seinem Film aufzeigt und aneinanderreiht, mögen allesamt der Wahrheit entsprechen, das bescheinigten selbst renommierte US-Zeitungen wie die "New York Times". Die Art und Weise jedoch, wie der Regisseur sein Material montiert und verknüpft, ist mehr als fragwürdig. Im Strudel der lakonischen Querverweise und cleveren Montagen aus Off-Kommentar und Bildern verliert der Zuschauer nach der Hälfte des Films den Überblick. Kaum hat man sich mit einem Sachverhalt auseinandergesetzt, hetzt Moore bereits zum nächsten Thema. Widersprüche, wacklige Kausalzusammenhänge wie etwa der Einfluss der Saudis auf den Kriegsbeginn im Irak, fallen da im anstrengenden Bombardement aus Informationen und Suggestionen kaum noch auf.

Moore mit Mutter eines gefallenen US-Soldaten: Emotionalisieren, was das Zeug hält
Falcom Media Group

Moore mit Mutter eines gefallenen US-Soldaten: Emotionalisieren, was das Zeug hält

Gut, ein aufklärerisches Werk hat wohl niemand vom Polit-Aktivisten Moore erwartet. Der Dokumentarfilmer, der sich selbst einen Satiriker nennt, hat sich noch nie die Mühe gemacht, seine Thesen objektiv von mehreren Seiten zu beleuchten. Er will nicht so sehr dokumentieren, als missionieren, und das möglichst mit vielen Lachern auf seiner Seite.

Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen bleibt Moore dabei immer öfter im Hintergrund und lässt stattdessen hochemotionale Bilder sprechen: Zu sehen ist unter anderem das fröhliche Familienleben einer irakischen Familie vor dem Angriff. Dann ein Schnitt: Bombenkrater, weinende Kinder, klagende Eltern, die ihre Hände zornig flehend in den Himmel strecken. Die herzzerreißend schluchzende Mutter eines im Irak gefallenen US-Soldaten muss ebenso herhalten wie jenes zumindest in Europa kursierende TV-Dokument, das den US-Präsidenten zeigt, nachdem ihm die Nachricht von den Anschlägen auf das World Trade Center überbracht wurde.

Es ist das Kernstück von "Fahrenheit 9/11". Moore zeigt es in voller Länge. Wer sieben Minuten lang in das offenkundig leere und ratlose Gesicht Bushs blickt, der wie paralysiert vor einer Klasse Schulkinder sitzt und mit den Lippen den Text eines Kinderbuchs nachformt, das ihm vorgelesen wird, der glaubt wirklich, dass Amerika sich einen Narren zum König gemacht hat.

Die Respektlosigkeit und Unverfrorenheit, Bilder wie diese zu zeigen, ist es, die den Erfolg von Michael Moore und seinem "Dokutainment" ausmacht. Ein Kassenknüller dürfte ihm auch in Deutschland sicher sein, immerhin ist die Schar der Moore-Jünger hier zu Lande dank jahrzehntelang schwelender Antiamerikanismus-Tendenzen besonders groß. Ein filmischer Leckerbissen ist "Fahrenheit 9/11" indes nicht: Auf einen rasanten Anfang folgt ein unstrukturierter Mittelteil und ein pathetisches Ende. Von innerem Zusammenhang fehlt jede Spur, Moore hat die Form ganz dem Populismus untergeordnet.

Ob er auf diese Weise seinem Ziel, Bush zu stürzen, näher kommt, ist fraglich. Erhebungen aus den USA zeigen, dass "Fahrenheit 9/11" vor allem in jenen Bundesstaaten gut läuft, in denen traditionell ohnehin eher die Demokraten gewählt werden. Eingefleischte Anhänger der Republikaner wird er mit seiner einseitig polemisierenden Agitpropaganda wohl nicht davon überzeugen können, im November John Kerry zu wählen.


Fahrenheit 9/11


USA 2004. Regie: Michael Moore. Buch: Michael Moore. Produktion: Dog Eat Dog Films, Miramax Films, Lions Gate Films. Verleih: Falcom. Länge: 112 Minuten. Start: 29. Juli 2004





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