Mickey Rourke: Der heilige Sünder

Von Rüdiger Sturm

Er musste erst ganz tief fallen, um zu begreifen, dass er der geborene Schauspieler ist: Mit seiner Rolle als Drogen-Mixer in "Spun" feiert Mickey Rourke ein sensationelles Comeback.

 Wieder ganz oben: Mickey Rourke in "Spun"
Tobis

Wieder ganz oben: Mickey Rourke in "Spun"

New York - Es gibt Menschen, die an der Macht des Katholizismus zweifeln. Mickey Rourke gehört ganz gewiss nicht dazu. Auf seinem Rücken ist ein Kreuz tätowiert. Tägliches Gebet ist ein Muss. Zweimal in der Woche geht er zur Andacht in die St. Vincent Kirche in West Hollywood. Und er hat einen guten Grund. Denn nur wenige amerikanische Stars gingen durch ein Fegefeuer wie er. Und noch weniger wurden erlöst.

Jetzt hat der 47-Jährige offenbar wieder eine Phase der Erlösung erreicht. Denn seit Anfang der Neunziger war Rourke noch nie so im Kino präsent wie heute. In "Spun" reißt er als Drogen-Mixer im Cowboykostüm das Publikum zu Beifallsstürmen hin; einen guten Monat später wird er als Gangster in "Once Upon a Time in Mexico" zu Recht und Ordnung bekehrt. Aber die Wiedergeburt des Mickey Rourke wäre bei weitem nicht so faszinierend, wäre sein Fall nicht so tief gewesen. Wobei es zunächst gar nicht danach aussah, dass er es in den Himmel von Hollywood schaffen würde.

Das erste Fegefeuer des Mickey Rourke dauerte bis zu seinem 19. Lebensjahr. In seiner Familie musste er sich nicht nur mit seinem gewalttätigen Stiefvater, sondern auch mit fünf Stiefbrüdern auseinandersetzen. Sein einziger Ausweg war das Boxen. Damit verschaffte er sich zwar Respekt, aber keine Lebensperspektive. Zumindest keine außerhalb des kriminellen Milieus. Also gab Rourke der Vorsehung eine Chance und zog nach New York, um sich als Schauspieler zu versuchen. Tatsächlich wurde er 1972 an Lee Strasbergs Actors Studio aufgenommen, das pro Jahr von Tausenden Bewerbern nur fünf akzeptiert. Nach seiner eigenen Aussage studierte er fünf Jahre lang "wie ein Mönch", anderen Quellen zufolge verließ er das Studio schon nach kurzer Zeit, offenbar weil er sein eigenes Temperament nicht steuern konnte.

Fest steht, dass er Ende der siebziger Jahre nach Los Angeles ging, wo er nach und nach kleinere Kinorollen bekam, etwa in Lawrence Kasdans "Die heißkalte Frau" oder Coppolas "Rumble Fish". Sein düsteres Charisma und sein unerschöpfliches Improvisationstalent verschafften ihm in der Branche eine wachsende Fangemeinde.

1985 durfte er sich endlich auf einer großen Plattform präsentieren: Als cholerischer Cop in Michael Ciminos "Jahr des Drachen." Ein Jahr später kam der Film, der Rourke zum erotischen Symbol einer ganzen Generation machen sollte: "9 1/2 Wochen". Danach war Rourke bereit, den Gott seiner Zunft herauszufordern, auch wenn dieser ihm als Teufel erschien: Als Faustfigur in "Angel Heart" legte sich Rourke mit Robert de Niro an. Das Duell ging unentschieden aus; Rourke hatte sich als Kultstar aller cineastisch Interessierten etabliert.

Dabei beruhte seine Hollywood-Karriere auf einem großen Missverständnis: "Für mich war die Schauspielerei eine Kunstform, die der Suche nach der Wahrheit diente. Aber in der Showbranche drehte sich alles um Mittelmäßigkeit", erklärte er. Den freundschaftlichen Rat von Sylvester Stallone, alles nur als Geschäft zu betrachten, schlug er aus. Lieber legte er sich mit dem System an, beschimpfte Produzenten, leistete sich Wutausbrüche am Set. Hinter der Erfolgsfassade steckte noch immer der aggressionsgeladene Junge aus dem Ghetto. Und der ließ sich immer weniger unterdrücken.

Der B-Film-Hölle knapp entkommen

Doch so sehr er das Spiel mit der Oberflächlichkeit verachtete, er mischte leidenschaftlich darin mit. Ein Gefolge aus sechs Leibwächtern, ein mit Gold überzogener Rolls Royce, Luxusvillen - Rourke war selbst Gefangener des Glitzerkäfigs geworden. Um seinen Luxuskerker zu behalten, nahm er selbst die absurdesten Rollenangebote an. 1991 erhielt er für den futuristischen Abenteuerfilm "Harley Davidson and the Marlboro Man" stolze 2,6 Millionen Dollar: "Ich war selbst enttäuscht von mir, dass ich bei so etwas mitmachte."

Doch der psychologische Absturz hatte schon 1987 begonnen: Bei den Dreharbeiten zum Bukowski-Drama "Barfly" entwickelte er solche Phobien, dass er kaum das Haus verlassen konnte. 1990 lernte er bei dem peinlichen Softsex-Film "Wilde Orchidee" das zehn Jahre jüngere Model Carré Otis kennen: Eine ähnlich verwundete Seele aus kaputtem Elternhaus. Aus der Affäre wurde 1992 eine Ehe. Doch in der fatalen Beziehung rissen sich beide nur noch tiefer herunter. Rourke entpuppte sich als notorischer Fremdgänger.1994 sollte er sich wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten; die Klage wurde nur fallen gelassen, da Otis keine Aussage machte. Seine Frau selbst schlitterte in eine Heroinsucht, aus der sie sich schließlich mit Rourkes Hilfe befreite.

 Rourke im Box-Ring: Kampf gegen sich selbst
REUTERS

Rourke im Box-Ring: Kampf gegen sich selbst

Seine eigenen Dämonen versuchte Rourke auf andere Weise zu vertreiben. Dafür kehrte er zu einem altbewährten Mittel zurück: Er boxte. Zwischen 1992 und 1997 trug er elf Kämpfe als Halbschwergewichtsboxer aus. Die harte Tour erwies sich in mehrfacher Hinsicht als lehrreich: "Ich entwickelte wieder Disziplin und ich begriff, dass die Schauspielerei gar nicht so schlecht war." Kein Wunder.

So plante er eine Rückkehr ins Showgeschäft, doch die Bedingungen waren denkbar schlecht. Sein eigenes Vermögen hatte sich durch Misswirtschaft und die Diebereien seines früheren Gefolges aufgelöst. Von den Entscheidern in Hollywood war niemand gierig darauf, mit dem bösen Buben von einst zusammenzuarbeiten. Hinzu kam, dass Rourkes Filme bis auf wenige Ausnahmen nie für große Erfolgszahlen gesorgt hatten. Eine Dauerexistenz in der B-Film-Hölle schien garantiert.

Doch nach Nebenrollen in minderklassigen Actionstreifen wie "Double Team" mit Jean-Claude van Damme erinnerten sich die Fans und Unterstützer von einst: Francis Ford Coppola besetzte ihn in "Der Regenmacher", Jack Nicholson gab ihm einen kleinen Auftritt in "Das Versprechen". Und Rourke enttäuschte keinen seiner Förderer. Als Steve Buscemi ihn als Transvestit für das Gefängnisdrama "Animal Factory" anheuerte, stylte sich der Macho-Darsteller eigenhändig und flog im Schrill-Outfit zu den Dreharbeiten. Fast bei jeder Gelegenheit begeisterte er seine Filmemacher so sehr, dass sie seine Rolle ausbauten, so etwa auch bei "Once Upon a Time in Mexico".

Die inneren Spannungen hält er jetzt mit Bodybuilding und Psychotherapie unter Kontrolle. Sogar mit Carré Otis ist er wieder eng befreundet. Und mit den viel geschmähten Produzenten versteht er sich endlich. Der Sündenstar ist unterwegs zur Heiligkeit. Wenn das so weitergeht, wird Mickey Rourke eines Tages den Papst spielen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite