Jugenddrama "Mid90s" Die Kids sind breit, aber alright

Schon vor seiner Comedykarriere wollte Jonah Hill lieber selbst Filme drehen. Sein Regiedebüt "Mid90s" ist eine sensibel erzählte Geschichte über eine Gruppe junger Skater im L.A. der Neunzigerjahre.

Jayhawker Holdings/ MFA

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Natürlich will man zuerst wissen, wie viel aus seiner eigenen Kindheit in "Mid90s" steckt. Jonah Hill nimmt die Frage gelassen, er hat sie schon oft beantworten müssen: "Mein Film ist nicht als Biopic oder Dokumentation gemeint. Einige Dinge sind mir selbst passiert, andere sind Erlebnisse von Freunden - und Vieles habe ich mir einfach ausgedacht, als ich das Drehbuch schrieb, zum Beispiel die Charaktere der Jungs", sagte er vergangene Woche beim Kurzinterview am Telefon.

Das Regiedebüt des 35-jährigen US-Schauspielers und Comedy-Stars ("Superbad", "The Wolf of Wall Street") wurde im Herbst 2018 beim Filmfestival in Toronto uraufgeführt und im Februar im Panorama der Berlinale als Publikums-Liebling gefeiert. Die "Jungs", von denen Hill spricht, sind die Hauptdarsteller seines Films, eine Gruppe Teenager unterschiedlicher Herkunft und Prägung, die im L.A. der Neunzigerjahre in einem Skateboarder-Laden zusammenfinden.

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"Mid90s": Die kleinen Skater-Strolche

Hauptfigur, und vielleicht so etwas wie Hills Alter Ego, ist Stevie (Sunny Suljic), der mit seiner Peanuts-Statur, Wuschelkopf und Lausbub-Grinsen einerseits noch sehr kindlich wirkt, andererseits schon eine Zerknautschheit im Gesicht trägt, die manchmal an den jungen Robert De Niro erinnert.

Das könnte daran liegen, dass er schon früh mit den Härten des Lebens konfrontiert wird: Die erste Szene des Films lässt ihn durch den Flur der Familienwohnung segeln und hart aufprallen, sein halbstarker älterer Bruder Ian (Lucas Hedges) drischt wütend auf ihn ein, im Spiegel betrachtet er nach dieser Tracht Prügel nicht ohne Stolz die Hämatome auf seiner schmalen Brust. Die alleinerziehende Mutter (Katherine Waterston), die selbst noch ein Teenie war, als sie Ian bekam, greift kaum in die toxische Brüderdynamik ein, sie ist mit wechselnden Liebhabern beschäftigt oder abwesend.


"Mid90s"
USA 2018
Regie: Jonah Hill
Drehbuch: Jonah Hill
Darsteller: Sunny Suljic, Lucas Hedges, Katherine Waterston, Olan Prenatt, Na-kel Smith, Gio Galicia
Produktion: A24, IAC Films, Waypoint Entertainment
Verleih: MFA
Länge: 85 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 7. März 2019


Stevie driftet also durch die sonnengesättigte Nachbarschaft - und findet Anschluss bei einigen älteren Jungs, die im Skater-Shop herumhängen oder in dessen Hinterhof ihre Skills erproben.

Initiiert durch den ebenfalls noch pimpfigen Ruben (Gio Galicia), der ihm sein altes Board verkauft, lernt Stevie die Hierarchien, Charaktere und Regeln dieser Bande von Misfits kennen: Der schwarze Ray, gespielt von Skater-Star Na-kel Smith, nimmt mit cooler Besonnenheit die Anführerrolle ein. Sein Kumpel und Counterpart ist "Fuckshit" (Olan Prenatt), dessen Mundwerk mindestens so locker sitzt wie die goldene Lockenmähne über seinem Latino-Teint. "Fourth Grade" (Ryder McLaughlin), ein pickliges, eher schüchternes Weißbrot, hält die Abenteuer der Gang auf Video fest.

Beim pubertären, politisch herrlich unkorrekten Herumwitzeln über die Frage, ob auch Schwarze Sonnenbrand bekommen können, ist Stevie völlig überfordert: "Was sind denn Schwarze?", fragt er nach langem Zögern leise in die Runde - und hat sich damit, als das Gelächter verebbt, seinen Spitznamen verdient: "Sunburn".

Diese Szene habe ihn beim Schreiben am längsten beschäftigt, sagt Drehbuch- und Regie-Debütant Hill, nicht nur, weil er sich genau überlegen musste, wie er die heute als beleidigend geltenden Rassismen und Schimpfwörter (u.a. das N-Wort), die im Teenager-Slang der Neunziger noch frei flottierten, adäquat abbildet, sondern weil sie den Kern seiner Geschichte berührt: "Wenn du jung bist, dreht sich alles um die soziale Währung, mit der du dich in einer Gruppe sichtbarer machen kannst, sie definiert deinen Status und Wert", sagt er. "Warum erhielt Stevie Zugang zu dieser Gruppe? Weil er lustig war!" Weiß, schwarz oder braun, diese Kategorien spielen hier keine Rolle.


Im Video: Der Trailer zu "Mid90s"


Der 1983 in L.A. geborene Hill wuchs in der gehobeneren Cheviot-Hills-Nachbarschaft südlich von Beverly Hills auf, arbeitete als Teenager aber selbst in einem Skateboard-Shop auf dem Westwood Boulevard. "Skateboarding holte mich aus einer Blase, in der ich steckte, was mein soziales und ethnisches Umfeld betraf. Es öffnete meine Welt."

Und so öffnet sich in Hills kleinem, aber intensiv erzähltem Film auch für Stevie ein neues Gemeinschaftsgefühl: Diese Kids mögen vielleicht nicht "alright" sein, aber dafür sind sie ständig breit: Es wird, trotz Minderjährigkeit, gekifft, geraucht und gesoffen - und auf einer Party wird der niedliche Knirps, der zunehmend zu Übermut und Draufgängertum tendiert, sogar von einem älteren Mädchen so gut wie entjungfert.

Das alles, mitsamt einem dramatischen Finale, schildert Hill eher in einer soften, jugendfreien Spielberghaftigkeit, statt wie einst Larry Clark in "Kids" die Drogen- und Sex-Exzesse von Kindern schonungslos auszuleuchten. Trotzdem hat "Mid90s" mehr zu bieten als nostalgisches Retro-Flair: Comedy-Berserker Hill, der sich zuletzt in der Netflix-Miniserie "Maniac" als verschlankter, zu Subtilität neigender Charaktermime zeigte, empfiehlt sich mit 35 Jahren als sensibler Indie-Filmemacher, der klug genug war, seinen Status als Holllywood-Star hier nicht in die Waagschale zu werfen.

Stattdessen setzte er auf sein junges Newcomer-Ensemble und einen unauffälligen, fast beiläufigen Ton für sein Coming-of-Age-Drama. "Es gab viele Hindernisse auf dem Weg", sagt Hill, "viele Leute sagten zu mir: Du bist doch ein erfolgreicher Komiker, bleib doch dabei! Aber das entsprach nicht meiner inneren Stimme. Irgendwann kam ich an den Punkt, keine Angst mehr davor zu haben, Dinge auszuprobieren, die ich machen wollte, unabhängig davon, was Andere von mir erwarten. Es hat mich viel Zeit gekostet, diese innere Stärke zu sammeln". Man kann sagen: Von den Mittneunzigern bis heute.



insgesamt 3 Beiträge
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diego666 07.03.2019
1. Wie kann man denn
einen Film über Skater in den 90ern ohne Skatepunk machen? Sünde Die hätten sich mal ein paar Skatevideos aus der Zeit reinziehen sollen, bevor sie sich an den Film machen.
Hausenblase 07.03.2019
2. Nr. 1
Wie kommen Sie darauf? Ich las, zum Soundtrack gehören u.a die Bad Brains, Smiths und Pixies. Das geht ja schon einmal in die richtige Richtung! ;-)
scoopx 08.03.2019
3. Railslide
Die Realität war noch viel doller. Man braucht gar nicht nach Kalifornien zu blicken. In Darmstadt gab es damals zwei Skateboardläden, "Bommy's" und "Railslide". Im Keller von "Railslide" gab es einen kleinen Skatepark u.a. mit einer flachen Bowl, da konnten die Jungs ihre Bretter testen. Es war immer ein Höllenlärm in dem kleinen Raum. 1992 zog der Skatepark dann um in eine schöne Halle im stillgelegten städtischen Schlachthof, dort gab es außerdem eine große Minirampe mit Spine. In der Halle wurden auch illegale Parties gefeiert. Leider wurde der Schlachthof 1995 abgerissen, aber - Phoenix aus der Asche - es entstand der berühmte Stadtmauer-Skatepark in Darmstadt, den es heute noch gibt. Gegenüber von "Bommy's" war ein Streetspot neben dem Staatstheater, da führt die Hügelstraße vorbei (jetzt berühmt geworden durch die Feinstaubbelastung). bei dem Verkehrslärm sollten die Skateboards eigentlich nichts ausmachen, aber die elenden Anwohner pflegten Split auf auf das Gelände zu streuen, damit die Boarder nicht mehr fahren konnten. Neben den Skateboardern waren in Darmstadt auch zahlreiche Stunt-Inlineskater, BMX-Streetfahrer, Snakeboarder (eine jetzt ausgestorbene Sportart) und andere Straßensportkünstler aktiv. Kein Handrail war mehr vor den Inlinern sicher! Parallel dazu gab es in den 1990ern den Snowboard-Boom, hier war ebenfalls der Railslide-Laden Pionier. Deshalb gibt es ihn auch noch. Mit Skateboards allein läßt sich heute kein Geschäft mehr machen. Der einzige, der mit Skateboarden zu Geld gekommen ist war Tony Hawk (selbst bei Rodney Mullen und Ryan Sheckler bin ich mir da nicht so sicher).
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