Migrations-Drama "Golden Door" Im Milchbad

Amerika als Land, in dem Milch und Honig fließen - eine Metapher, die Regisseur Emanuele Crialese in seinem Drama "Golden Door" wörtlich nimmt. Mit viel Poesie erzählt der Italiener vom Aufbruch einer sizilianischen Familie in ein ungewisses Glücksversprechen.

Von Birgit Glombitza


Milch. Wo man hinschaut Milch. Konturenlos, rein und weiß wie der Anfang von allem, wie die Leinwand eben. Ein Mann, eine Frau, zwei Söhne, eine Oma schwimmen durch dieses weiße Meer. Wird das Bild totaler, kommen immer mehr Menschen hinzu. Man sieht schaufelnde Arme, strampelnde Beine, auf- und abtauchende Köpfe. Menschen wie Fliegen, die die ungebremste Fresslust in die Milchkanne hat purzeln lassen. Und Nina Simone singt dazu "It’s a new dawn, it's an new day, it's a new life for me. And I'm feeling good."

Ein starkes Bild für Träume von Wohlstand und Überfluss. Für naive, gar uterale Vorstellungen von weicher Geborgenheit, unerschöpflicher Nahrung und allumfassendem Schutz. Emanuele Crialese liebt diese Wucht des Allegorischen, und er liebt es besonders, wenn sich das Archaische und das Moderne am höchsten Punkt bei der Lust am Symbolischen in die Arme fallen. Das war schon in seinem preisgekrönten "Lampedusa" so.

In seinem neuesten Film "Golden Door", der beim Filmfestival in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, führt er die Suche nach dem emblematischen Bild mit großer Konzentration fort. Hat er eines gefunden, wie das große Milchbad, platziert er es knapp dosiert am Anfang eines neuen Aktes. Und noch einmal mittendrin , als müsse der Besucher erneut eingeschoren werden auf diesen Ur-Traum vom irdischen Paradies, von einem neuen Leben in einer neuen Heimat in einer neuen Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Parabel vom großen Aufbruch

Denn "Golden Door" ist eine Parabel vom großen Aufbruch aus einem kleinen Leben. Von der Migration aus dem ärmsten Flecken Siziliens in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier, so verkünden es die Postkartenfotos derjenigen, die sich bereits im gelobten Land Amerikas eingerichtet haben, wachsen Kartoffeln, so groß wie Pferde, Möhren, so lang wie Fahrräder und Zauberbäume, die riesige Goldmünzen als Früchte tragen.

Neben diesen Halluzinationen über den Reichtum der neuen Welt, die die harte Eintönigkeit der armen Bauersfamilie Mancuso erschüttern, lässt der Film auch die die Geister der alten Welt sprechen. Die der Hexerei verdächtigen Frauen oben in den Bergen etwa, die ihre eigenen Behandlungsmethoden haben , um weibliche Hysterien zu therapieren. Frauen, die böse Schlangen in ihrem Unterleib vermuten, finden hier ebenso Hilfe wie Unfruchtbare. Und bevor ein Mann hier zu Größerem aufbricht, holt er sich mit einem Stein unter der blutig gescheuerten Zunge Rat bei einer Madonnen-Figur auf einem mühsam erklommenen Berggipfel.

So machen es auch Salvatore Mancuso (Vincenzo Amato) und sein Sohn Angelo (Francesco Casisa) und deuten die Zeichen der Heiligen Über-Mutter als Unterstützung für ihr Vorhaben, nach Amerika auszuwandern. Zusammen mit dem jüngeren, etwas zurückgebliebenen Sohn Pietro (Filippo Pusillo) und der sturen Oma Donna Fortunata (Aurora Quattrocchi) treten sie die beschwerliche Passage an. Die beiden, Pietro mit der Erde in seinen Taschen und den Schnecken unterm Hut und Fortunata mit all ihren Massnahmen gegen den bösen Blick, bilden eine Art mystische Rückbindung an die Heimat. Und beide werden die Verwandlung vom armen sizilianischen Bauersvolk zu amerikanischen Grossstädtern und Neubürgern bezeichnenderweise nicht mitmachen.

Auch der zweite Akt beginnt mit einem starken Bild voll formalistischer Strenge und dem Pathos hochfahrender Träume. Eine Menschenmenge von oben. Kopfbedeckungen und Frisuren aller Art. Plötzlich löst sich ein Dreieck aus Hüten und Haaren aus der Masse. Es dauert ein paar Sekunden bis man begreift, dass es der Schiffsbug mit seinen Passagieren ist, der sich vom Festland löst. Zwischen Heimat und Ferne schiebt sich das Meer als das große schwarze Ungewisse.

Nicht alles fügt sich

Crialese ist ein Meister der Abstraktion, wie er virtuos von der Geschichte zum Mythos schwenkt, vom Tausendsten zum Einzelnen kommt, vom großen Ganzen ins Kleine, zum singulären Traum vom Glück. In seinen gelungensten Passagen erzählt sein Film von dieser Reise als wunderlicher Metamorphose: Von alter Zeit zur Moderne, von blutigen Füßen zum Automobil, vom Wind in den Bergen zum Lärm der Städte, vom Patriarchat zur Begegnung mit selbstbewussten Frauen.

Nicht alles fügt sich. Vieles bleibt spröde und sperrig und fremd, wie die Figur der alleinreisenden Engländerin Lucy, die Charlotte Gainsbourg mit wunderbarer Widersprüchlichkeit ausstattet. Mit selbstbewusster Sprache und zartem Körperbau, mit erhobenem Haupt und überraschend leicht zu verunsicherndem Blick. Edel und fern erscheint sie dem Bauern Salvatore, und als sie ihn bittet, er möge sie heiraten , glaubt er an ein Märchen. Dabei wissen beide: Ohne Trauschein darf Lucy nicht in die Staaten einreisen.

So hofft Salvatore, dass aus Beziehungsökonomie Liebe wird, und Emanuele Crialese lässt ihn gewähren. Auch die Ungleichheit der Akte, ihre unterschiedliche Farbigkeit, ihre widerstreitenden Tempi oder die ungleichen Abstände, mit denen er seine Hauptfiguren betrachtet, nimmt der Regisseur als Brüche und Stolpersteine hin. Am Ende gibt es keine Romanze, kein Wunder, keinen Hokuspokus, der alles versöhnt. Nur die naive, milchweiße Vision vom Glück.



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