Legendärer Zeichner Hokusai Menschen beim Kämpfen und, klar doch, beim Sex

Er fing das Alltägliche und das Erotische ein wie kein Zweiter: Dem Leben des japanischen Zeichners Hokusai spürt nun ein Kinofilm nach - und eine Ausstellung zeigt seinen großen Einfluss auf die Popkultur.

Von Jörg Schöning


Ein Künstler, der seine Tochter zum Zeichnen in Bordelle schickt - und die dann die Dienste, die dort angeboten werden, auch gleich mal selbst in Anspruch nimmt? Irgendwie passen sie ganz gut zusammen, die Helden des Anime-Biopics "Miss Hokusai": der malende Grantler Katsushika Hokusai und seine Tochter und Assistentin O-Ei.

Mehr als 150 Jahre nach seinem Tod gehören die rund 30.000 Werke, die Hokusai schuf, zum nationalen Kulturerbe Japans. Für seine Tochter ist er im Film aber schlicht nur der "verrückte alte Mann". Mit dem Charme eines Rockmusikers, der es gewohnt ist, Hotelzimmer zu verwüsten, erklärt sie die Daseinsmaxime der Bohème-Familie: "Wir kochen nicht. Wir putzen nicht. Wenn es zu schmutzig wird, ziehen wir aus."

"Bilder der vergänglichen Welt", ukiyo-e, nennen die Japaner seit dem 17. Jahrhundert Grafiken und Gemälde, die die Alltagswirklichkeit in den großen Städten des Landes festhielten. Filmisch gesprochen also das leisteten, was der Kritiker Siegfried Kracauer die "Errettung der äußeren Wirklichkeit" nennt. Für das Kino trifft es sich gut, dass die Käufer dieser Bilder hauptsächlich die Erscheinungsformen einer schon damals existierenden Zerstreuungskultur "errettet" sehen wollten: Schauspieler und Kurtisanen, Geselligkeiten und Geisterzählungen, Menschen beim Kampfsport und, na ja klar doch, auch beim Sex.

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Katsushika Hokusai: Auf der Welle der Popkultur

Und so kann "Miss Hokusai" (Regie: Keiichi Hara, Drehbuch: Miho Maruo), ohne einem roten Lebensfaden strikt folgen zu müssen, all dies auf die Leinwand bringen. In Episoden, die sich dank jahreszeitlicher Phänomene, wie blühenden Kamelien oder sanft rieselndem Schnee, klar und sinnlich fassbar zu einer stringenten Chronologie des Jahres 1814 fügen, entfaltet sich das Panorama eines turbulenten Großstadtlebens - wenn Keiichi Hara nicht gerade in surreale Bildwelten abdriftet.

Von Van Gogh gesampelt

Doch auch dabei kann er aus dem reichen ŒŒOeuvre Hokusais schöpfen. Dessen Sidekick auf der Leinwand, der wilde Grimassen schneidende Lüstling Zenjiro, ist direkt Hokusais Skizzenbuch, dem "Hokusai Manga", entsprungen. Selbst Köpfe von Rachegeistern, die sich wie jener der schönen Kurtisane im Film auf rasant wachsenden Hälsen verselbständigen, kommen dort vor. Drachen, wie sie von Hokusai und O-Ei aufs Papier getuscht werden, sind im Portfolio des Künstlers ohnehin reichlich vertreten. Dass die Tochter an der Herstellung der Originale tatsächlich beteiligt war, nimmt die Hokusai-Forschung inzwischen als gesichert an.

Bezeichnend für den souveränen Aneignungswillen des Films ist dessen Umgang mit Hokusais berühmtestem Werk: "Die große Welle vor Kanagawa", ein "Seestück" in strahlendstem Preußisch Blau mit dem Berg Fuji im Bildhintergrund, verlegt Keiichi Hara kurzerhand auf den Edo-Fluss. Die kühne Koordinatenverschiebung ist Teil einer generellen Transformation, geht es "Miss Hokusai" doch darum, das Werk eines Künstlers, den die Welt vor allem für seine Holzschnitte verehrt, in die elektronischen Bilderwelten des 21. Jahrhunderts einzuspeisen. Gewissermaßen tritt er damit in die Farbkleckse von van Gogh, der den Japaner für den Westen und das 20. Jahrhundert adaptierte, der als Erster Hokusai "gesampelt" hat, als er in seinem Porträt "Père Tanguy", 1888, den Porträtierten vor eine Wand mit dessen Drucken setzte.

Warum diese Inbesitznahme damals wie heute so verblüffend reibungslos funktioniert und aus welchem reichen Reservoir sich Animes wie "Miss Hokusai" fortwährend bedienen können, ist in Hamburg gerade anschaulich nachzuvollziehen. Denn hier, im Museum für Kunst und Gewerbe, in der Ausstellung "Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680", die die Geschichte der populären Bildmedien in Japan bis in die Gegenwart fortschreibt, sind sie alle zu sehen: die eleganten Prostituierten aus dem Rotlichtviertel Yoshiwara und die Stars der Kabuki-Theater, die Geistergestalten aus den "Hokusai Manga" und, klar doch, auch Paare im Liebesrausch.

Pop mit jahrhundertealter Tradition

Auf 1680 wird die erste im Druck erschienene Bildergeschichte datiert - mit ihr beginnt in Japan die Popkultur. "Kioskware" nennt Nora von Achenbach, mit ihrem Kollegen Simon Klingler Kuratorin der Schau, die Groschenhefte und ehedem preiswerten Drucke. Abwertend ist das keineswegs gemeint. Eher schwingt da Anerkennung für die immense Popularität dieser frühen Massenmedien mit. Ausdrücklich an ein bürgerliches Publikum gerichtet, haben die Produkte eines modernen, arbeitsteiligen Verlagswesens am Beginn des Industriezeitalters, das auch die Werke Hokusais erst möglich machte, den Bewohnern der Millionenmetropole Edo, die heute Tokio heißt, Ausflüge in virtuelle Traumwelten offeriert.

Pop mit Tradition - in Japan ist das kein Widerspruch. Seine Vitalität ergibt sich eben gerade aus seiner fortwährenden Aneignung und Veränderung je nach den aktuellen Bedürfnissen. So werden im 19. Jahrhundert in den (später auch im Kino gerne aufgegriffenen) Heldengeschichten von den "47 Ronin" die legendären Samurais in schwarz-weißen Feuerwehrmänteln dargestellt - und damit dem Publikum in der stets feuergefährdeten Großstadt als die wahren, urbanen Helden auch noch der Gegenwart präsentiert. Die schwarz-weiße Schirmmütze, die der jugendliche Held des in den Siebzigerjahren erschienen Anti-Kriegs-Mangas "Barfuß durch Hiroshima" trägt, mag als späte Huldigung der historischen Feuerbekämpfer erscheinen.

Die Indienststellung Hokusais durch die Anime-Industrie ist insofern nur eine von vielen. Tagtäglich und massenhaft finden in der japanischen Populärkultur Adaptionen zeichnerischer Vorlagen statt - am spektakulärsten zurzeit in den Cosplays, bei denen sich Menschen jeden Alters mithilfe glamouröser Kostüme in wandelnde Abbilder ihrer virtuellen Idole verwandeln. Mit ziemlicher Sicherheit trifft man auf ihren Conventions demnächst auch das Fräulein Hokusai leibhaftig an - und auch das dann gleich massenhaft.


"Hokusai X Manga. Japanische Popkultur seit 1680", Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Bis 11. September 2016

Im Video: Der Trailer zu "Miss Hosukai"

2014-2015 Hinako Sugiura¿MS.HS/ Sarusuberi Film Partners
"Miss Hokusai"

    Originaltitel: Sarusuberi: Miss Hokusai

    Japan 2015

    Regie: Keiichi Hara

    Drehbuch: Miho Maruo

    Verleih: AV Visionen

    Länge: 90 Minuten

    FSK: ab 6 Jahren

    Start: 16. Juni 2016

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
phm_271828 14.06.2016
1. sooo alt auch wieder nicht
... es ist wahr, dass Katsushika Hokusai schon lange tot ist, genauer gesagt seit 1849 ...
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