Kultur

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"Mission: Impossible - Fallout"

Das Gegenteil von Verschleiß

Perfekt orchestrierte Action trifft Selbstironie: Der sechste "Mission: Impossible" ist der wohl beste Teil der Reihe. Furioser hat sich Tom Cruise noch nie ins Weltgeschehen gestürzt - unser Film der Woche.

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Mittwoch, 01.08.2018   11:05 Uhr

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Tatsächlich kann man "Mission: Impossible - Fallout", den nun sechsten und - sagen wir's gleich - vermutlich besten Teil der Reihe um den Spezialagenten und Countdown-König Ethan Hunt (Tom Cruise) nicht nur von vorne nach hinten sehen, man muss ihn auch von oben nach unten sehen.

Der Reihe nach gesehen, also von vorne nach hinten, sieht man ein phänomenales und bis in jede Motorrad-Knieschleife, in jede handgebremste 180°-Kurve und in jede enge (und besonders für Lkw-Hetzjagden enger werdende) Gasse hinein perfekt orchestriertes Stressgeschehen. Es beginnt in Belfast, setzt über nach Berlin und Paris, landet auf den hohen und den noch höheren Dächern Londons und endet im Himalaya-Gebirge, wo die obligaten roten Bombenziffern dann in Richtung Weltkollaps runterzählen.

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Drei Plutoniumbomben geraten in "Fallout" in den Besitz einer Terrororganisation mit dem unheilvollen Namen The Apostles. Die alte Weltordnung, gemeint sind die soziopolitischen Systeme, die aus den Weltreligionen erwachsen sind, soll ihrem Ansinnen nach mit nuklearer Kraft und entsprechend vollumfänglich abgeschafft und durch ein neues, nicht näher bestimmtes irdisches Prinzip ersetzt werden.

Erst Ballerei, dann Geheimdienstkuddelmuddel

Die Lage ist ernst, und sie wird selbstverständlich immer ernster, erst recht nachdem Hunt in Berlin seinen Auftrag vergeigte, weil sich ein bisschen zu viel Menschlichkeit in seine Hyperprofessionalität mischte: Statt die Plutoniumköpfe sicherzustellen, rettet er das Leben seines Partners Luther (Ving Rhames). Das eskaliert augenblicklich in eineR Unterführungsballerei - und führt dann zu einem geheimdienstlichen Kuddelmuddel: Die CIA stellt Hunt ihren Agenten August Walker (Henry Cavill) an die Seite; der britische MI6 schickt seine aus dem vorherigen "M:I"-Teil bereits bekannte und mit Hunt semi-erotisch verbandelte Topspionin Isla Faust (Rebecca Ferguson) ins Geschehen.


"Mission: Impossible - Fallout"
USA 2018
Regie und Buch:
Christopher McQuarrie
Darsteller: Tom Cruise, Henry Cavill, Ving Rhames, Rebecca Ferguson, Simon Pegg
Produktion: Bad Robot, Paramount Pictures, Skydance Media See
Verleih: Paramount
Länge: 147 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 2. August 2018


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Gesehen von vorne nach hinten, kann man sich "M:I-6" wie eine hundertspurige Action-Trasse vorstellen, auf der jeder jeden mal verfolgt oder überholt oder windbeschattet oder ausbremst oder abdrängt - und das auf ständig beschleunigende Weise. Es gibt kaum eine Loyalität in diesem Film, die nicht irgendwann aufs Spiel gesetzt wird, kaum einen Motorradmeter, der nicht von mindestens fünf, aus sämtlichen Himmelsrichtungen heranrauschenden Audi-Kombis gestört wird.

Zwei Dinge bringt Christopher McQuarries Regie (noch präziser als im Vorgängerfilm "Rogue Nation", der auch unter seiner Anleitung entstand) in einen großartigen Verbund: die Handhabe von allen möglichen Verkehrsmitteln und die Kunst der Täuschung. Das Gehirnliche und das 12-Zylindrige - beides hat dieselbe Überschlagskraft. Motorräder heizen verkehrt herum über den Place Charles-de-Gaulle, brennstoffverlierende und brennende Helikopter über schneebedeckte Zentralmassive. Währenddessen laufen die Austricksmanöver, werden Handys vertauscht, Pistolen manipuliert, lebensechte Latexmasken - wie gut zu wissen, dass es die noch gibt - über die Rübe gezogen.

Sturz aus dem Himmel

Das ist die eine Richtung des Sehens. Die andere geht - und hier liegt die besondere Qualität dieses Films, der auch seine 3D-Technik hervorragend einzusetzen weiß - von oben nach unten: durch alle möglichen Geschehensschichten hindurch, wie durch einen Stapel der Materien. In der tollsten Szene lässt sich Hunt wie einen Heiligen auf Paris darniederregnen. Aus dem Himmel segelt er - die meiste Zeit fallschirmfrei - auf die riesige leuchtende Stadt zu, durchs Erdengewitter, direkt auf die Spitze des Grand Palais, um von dort dann irgendwann in die katakombische Kanalisation abzutauchen, wo man bei Victor Hugo schon Heiliges tat.

Auf solche irren, quasi-biblischen Oben-Unten-Konfigurationen kommt McQuarrie laufend und mit einer beispiellosen Inszenierungswucht zurück. Einmal vergisst der für die Gadgets zuständige und mit Hunt drahtlos verbundene Benji (Simon Pegg), seinen GPS-Screen in den 3D-Modus umzustellen, was dazu führt, dass er seinem gerade dächer- und fassadenkraxelnden Chef reichlich halsbrecherische, weil falsche Richtungsangaben ins Ohr funkt.

Ein etwas schenkelklopfiger, aber auch ein wunderbar selbstironischer Moment. Denn für einen kurzen Augenblick gerät der gigantische Aktionsraum dieses Films völlig aus der Fassung, kriegt selbst das orientierungssinnigste Agentenpersonal der Welt das Oben nicht mehr mit dem Unten verrechnet. Aber wie gesagt: nur für einen Moment.

Im Video: Der Trailer zu "Mission: Impossible - Fallout"

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