Neuer "Mission: Impossible"-Film Ganz schön smooth, Mr. Cruise!

Tom Cruise kann Selbstironie! Glauben Sie nicht? Dann sehen Sie sich seine jüngste Action-Leistungsschau "Mission: Impossible - Rogue Nation" an: ein rasanter Thriller mit Spaßmomenten - und mit einer ebenbürtigen Heldin.

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Schon irre, was der Mann noch alles drauf hat: Tom Cruise ist mittlerweile 53 Jahre alt, absolviert in den Actionfilmen der ihm auf den Leib geschneiderten "Mission: Impossible"-Reihe aber nach wie vor jeden Stunt selbst. Das beinhaltet mal schweißtreibendes Hängen am Stahlseil über einer Computerkonsole, mal Freeclimbing am Grand Canyon oder am Burj Khalifa - und immer mal wieder halsbrecherische Verfolgungsjagden zu Fuß oder im Fahrzeug.

Auch der fünfte Teil der 1996 gestarteten Reihe bildet da keine Ausnahme: "Mission: Impossible - Rogue Nation" beginnt nach dem ewigen 007-Vorbild mit einer atemberaubenden Actionsequenz, in der sich Cruise an die Außenwand eines startenden Militärflugzeugs klammert und in zunehmender Höhe versucht, ins Innere zu gelangen.

Das Kunststück gelingt natürlich, aber die Tonalität des Spektakels ist eine andere als früher: Die krampfig-angeberische Leistungsschau des Alleskönner-Akteurs Cruise wandelt sich in der Szene in ein wohltuend selbstironisches Spiel - der am Flugzeugrumpf hängende Cruise erinnert tatsächlich an den linkisch am Uhrenzeiger baumelnden Harold Lloyd im Slapstick-Stummfilmklassiker "Ausgerechnet Wolkenkratzer" von 1923.

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"Mission: Impossible - Rogue Nation": Ein Grinsen im Action-Gewitter

Dass die "Mission: Impossible"-Filme den Zuschauer nicht nur wegen des schieren Tempos auf der Sitzkante halten, sondern darüber hinaus auch noch Spaß machen, ist dem ehemaligen Animationsregisseur Brad Bird zu verdanken, der die vorletzte Cruise-Mission mit schnippischen Dialogen und amüsanten Sidekicks aufrüstete. Neben dem gemütlichen Hütchenträger Ving Rhames gesellten sich zu Superagent Ethan Hunt nun der etwas hüftsteife Agent Brandt (Jeremy Renner) und der vertrottelte Techie Benii (Simon Pegg). Ein Erfolgsteam, auf das nun auch Filmemacher Christopher McQuarrie in seiner ersten "Mission Impossible" vertraute.

McQuarrie ist derzeit Tom Cruises Lieblingsregisseur. Die beiden drehten bereits den für Cruises Bandbreite etwas zu düster geratenen Thriller "Jack Reacher". Und zum gelungenen, aber gefloppten Science-Fiction-Spektakel "Edge of Tomorrow" steuerte McQuarrie das Drehbuch bei.

Was immer die Chemie zwischen Star und Regisseur ausmachen mag - auf jeden Fall sorgt sie dafür, dass Co-Produzent Cruise nicht mehr verbissen wirkt. Vielleicht ist es auch eine gewisse Alterslässigkeit, die ihn zu überraschender Selbstironie ermächtigt: In "Rogue Nation" gibt es eine köstliche Szene, in der Ethan Hunt (Cruise), soeben nach einem mörderischen Tauchgang per Defibrillator wiederbelebt, tollkühn über die Motorhaube eines Wagens springen will. Der elegant gemeinte Hechtsprung misslingt. Cruise strandet auf der Haube, muss sich mühsam wieder hochrappeln - und sieht bemitleidenswert derangiert aus. Es sind solche Showstopper-Momente, die diesen ansonsten grundsoliden Thriller sehenswert machen.

Entdeckung Ilsa Faust

Über die Handlung muss man nicht viele Worte verlieren. Denn obwohl es im Kern um die im Lichte des NSA-Abhörskandals politisch aktuelle Frage geht, was aus Geheimdiensten wird, wenn sie zu autark agieren, bleibt für die Reflexion inmitten der schnell getakteten Handlung nicht viel Zeit. Der denkwürdigste Auftritt inmitten der atemlosen Action stammt dann nicht von Cruise selbst, sondern von der brillant besetzten weiblichen Heldin des Films: Rebecca Ferguson, bisher außerhalb ihrer schwedischen Heimat weitgehend unbekannt, verkörpert die zwischen allen Diensten und Nationen agierende Agentin mit dem großartigen Namen Ilsa Faust.

Schnell wird klar, dass die brünette Femme fatale viel mehr als eine Cruise-Gespielin ist. Nur leise wird eine Romanze zwischen den beiden Gehetzten angedeutet - was man als faden Triumph der Ploteffizienz betrachten kann oder aber als Gleichgewicht der Geschlechter: Beide können sich den Luxus von Gefühlen nicht leisten, von Sex ganz zu schweigen.

Ferguson kommt zupass, dass McQuarrie kein visuelles Genie ist wie seine Vorgänger Brad Bird und John Woo. Denn die fehlende inszenatorische Wucht macht der Regisseur und Drehbuchautor wett, indem er seinen Schauspielern mehr Gelegenheit zur Entfaltung gibt. Der minimal erweiterte Spielraum und die wenigen, aber klugen Dialoge ersparen der Newcomerin das Schicksal früherer Cruise-Girls wie Thandie Newton oder Paula Patton, die vor allem schöne Randfiguren blieben. Mit spöttischer Verführungskraft und exzellenten Nahkampf-Skills erkämpft sich Ferguson einen Platz im Männerteam.

Ihre Actionszenen, darunter die obligatorische, aber deswegen nicht minder spektakuläre Motorradhatz, absolvierte für Ferguson aber ein Stunt-Double. Was den Körpereinsatz betrifft, bleibt Tom Cruise obenauf. Am Humor beginnt er immerhin zu arbeiten.

Mission: Impossible - Rogue Nation

    USA 2015

    Regie: Christopher McQuarrie

    Drehbuch: Christopher McQuarrie, Drew Pearce

    Darsteller: Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Ving Rhames, Rebecca Ferguson, Sean Harris, Alec Baldwin, Simon McBurney

    Produktion: Bad Robot, Skydance Productions, TC Productions

    Verleih: Paramount

    Länge: 131 Minuten

    FSK: Ab 12

    Start: 6. August 2015

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
ebbe1sand 05.08.2015
1. Cruise hin oder her...
Alle fünf MI-Filme sind perfekte Kinounterhaltung (auch wegen Tom Cruise)! Bitte nicht das übliche Scientology-Gequatsche o. ä.
unixv 05.08.2015
2. Ist wie mit den Ramones!
hat man eine Scheibe von ihnen gehört, hat man alle gehört!
juliansccvcecve 05.08.2015
3. Was?
Hast du nicht Magnolia gesehen? Oder Tropic Thunder? Das sind doch legendäre Rollen vom Cruise. Er glänzt doch schon zwei Jahrzehnten mit seiner Selbstironie. Ich würde sogar sagen: In Hollywood beherrscht es kaum einer so gut wie er. Was ist mit Knight and Day? Sogar in Jerry Maguire und in Vanilla Sky geht es doch darum, dass Cruise sich auf der Leinwand selbst zersört und blamiert.
diego666 05.08.2015
4.
Eigentlich müsste mir der Film gefallen, da die MI Filme einen eindeutigen Muster folgen. 1 fand ich super (netter Agententhriller), 2 total mies (komplett aufgeblähter, total sinnentleerter Actionfilm), 3 wieder super (wieder viel mehr Thriller als einfaches Actiongewitter plus einem tollen Philip Seymour Hoffman) 4 dagegen wieder mieser mit viel zu vielen unnötigen Logikfehlern. 5 muss demnach wieder gut sein und wenn der Regisseur der von 3 ist, sieht es ja umso mehr danach aus.
hatschon 05.08.2015
5. Und trotzdem
wer eine Verbrecherbande wie die Scientology unterstützt der muss auch den Gegenwind spüren! Ich sehe mir keine Filme mehr an wo der mitspielt.
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