Screwball-Comedy "Mistress America" Keine scheitert so schön wie sie

Über 30, ohne Beruf, aber mit jeder Menge Berufungen: Die Komödie "Mistress America" erzählt mit großer Zärtlichkeit von einer New Yorker Lebenskünstlerin, die in ihrer wunderbaren Widersprüchlichkeit so nur von Greta Gerwig gespielt werden kann.

Von Frédéric Jaeger

20th Century Fox

In Los Angeles, behauptet Brooke, würde sie als belesen gelten. Während die Autodidaktin, die nie ein College besucht hat, am Ende von "Mistress America" Bücher in Kisten stapelt und über einen Neuanfang an der Westküste nachdenkt, findet sie noch eine Gelegenheit, andere herabzusetzen.

Greta Gerwig, Co-Autorin und Stammschauspielerin von Regisseur Noah Baumbach ("Frances Ha", "Gefühlt Mitte Zwanzig"), spricht solche Sätze nebenbei und doch sehr bewusst, stolz und kokett und selbstentlarvend. Die Ego-Zweifel, die sie plagen, sind gleichzeitig Leid und Vergnügen, sie machen die Menschen erst zu Menschen, zu solchen, die sich gerne Gedanken um sich selbst machen. Sie sind klug, liebevoll und liebenswert und stehen immer kurz davor zusammenzubrechen. Bei all der Energie, die jemand wie Brooke für ihr Leben aufbringt, könnte man ihre Zerbrechlichkeit vergessen oder ignorieren, wenn sie sie nicht immer wieder selbst thematisierte.

Brooke ist Lebenskünstlerin - ohne Beruf, aber mit jeder Menge Berufungen. Ihre volle Strahlkraft erhält sie erst aus der Perspektive der jungen Frau, die zu ihr aufschaut. Die 18-jährige Tracy (Lola Kirke) ist gerade frisch am College in New York gelandet und sucht halb aus Langeweile, halb aus Einsamkeit Brooke auf. Diese ist die Tochter des künftigen Ehemanns von Tracys Mutter, also quasi ihre Schwester. Im Patchwork-geübten Amerika gilt das als was, auch wenn man sich noch nicht kennt. Die beiden Frauen machen sich auch gleich einen Spaß daraus, sich anderen als Schwestern vorzustellen. Tracy braucht nur eine Nacht, vermutlich sogar nur den einen Moment, um sich zu entschließen, Brooke zu bewundern. Gegen die Vernunft, aus Leidenschaft, aber auch mit einem privaten Nutzen, wie sich später herausstellt.

Für einen Moment gehört Brooke die Bühne

Brooke ist natürlich mindestens genauso einsam wie Tracy, um 12 Jahre gleichermaßen gereift wie in Eigenheiten und Eitelkeiten verschroben. Brooke will ein Restaurant aufmachen, in dem es so heimelig ist, dass keiner sich trauen würde, sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen. Doch jedes Jahr entfremde sie sich mehr von dem, was sie will, erzählt sie Tracy in einem Anflug von Altersweisheit und Selbstmitleid. Die beiden sitzen nebeneinander auf einer Couch, die Bühne gehört ganz der Älteren, die sich genauso gerne ausbreitet, wie Tracy ihr zuhört. Doch zuvor ziehen die beiden durch die New Yorker Nacht.

Es ist das erste Mal, dass Tracy die große Stadt in einer solch dynamischen Gemeinsamkeit erlebt. Backstage bei einem Konzert blicken die beiden zusammen auf die Bühne, der Leadsinger lächelt Brooke zu und winkt sie freudig herbei. Sie lässt sich nicht zweimal bitten. Die Begeisterung des Publikums über ihre spontane Tanzeinlage deckt sich mit dem Blick der hingerissenen Tracy, die vom Rand aus zuguckt.

Plötzlich Schwestern: Brooke (Greta Gerwig, l.) und Tracy (Lola Kirke)
20th Century Fox

Plötzlich Schwestern: Brooke (Greta Gerwig, l.) und Tracy (Lola Kirke)

Was ist das für eine Liebe, von der Baumbach erzählt? Zutiefst unerotisch ist die Welt, die er für seine Figuren erschafft. Beseelt aber sind die Situationen von einem lustvollen Charme und einer besonders eigensinnigen Lebendigkeit. Ständig wechseln die Darsteller hin und her zwischen aufgesetztem Spiel und einem Ausbrechen aus den Erwartungen. In seiner emotionalen Zugkraft ist "Mistress America" womöglich Baumbachs bester Film.

Einen besonders liebevollen Blick wirft er dabei auf die Frauen. Während bei den männlichen Protagonisten oft das Bittere der Enttäuschung überwiegt, behalten etwa Greta Gerwigs Figuren stets einen Hauch von beeindruckender, unberechenbarer, handfester Menschlichkeit. Das verbindet Baumbachs Inszenierung mit der von Wes Anderson, für den er auch als Drehbuchautor gearbeitet hat ("Die Tiefseetaucher", "Der fantastische Mr. Fox"). Die Verschrobenheit, die bei Anderson stets ästhetisch potenziert wird, ist bei Baumbach psychologisch in die Figuren gefaltet, die das Innere zwar veräußern wollen, daran aber auf schönste Weise scheitern.

Spaß am Aufschieben

All die Versuche von Brooke, sich zu erklären, führen nie zur Wahrheit - und dennoch helfen sie, sie durch ihre Ausdrucksform besser zu verstehen. Das hat mit schnödem Realismus, den man gemeinhin mit psychologischer Figurenerzählung verbindet, nichts zu tun. Weil sich die Geschichten genauso wie bei Anderson um eine höhere Ebene der Erkenntnis bemühen. Stets geht es um das Heraufbeschwören und Provozieren einer Wirklichkeit, die es nur im Zusammenhang von Intellekt, Emotion und Körperlichkeit gibt. Nicht das eine bedingt das andere, sondern alles ist eins.

Dass die Liebe so unkörperlich bleibt, ist indes kein Ausdruck eines Verzichts, sondern eines Spaßes am Aufschieben: Die Anziehungskraft, das Knistern, die Baumbach in der Inszenierung nur ganz dezent aufscheinen lässt, stellt sich gerade durch den fehlenden Vollzug umso dringlicher ein. Es ist ein Prinzip, das seine Verwandtschaft mit den Verwechslungssituationen von Screwball-Komödien nicht verbirgt: Die Bewegungen und Motive der Figuren liegen solange über Kreuz, bis sich alle verheddern.

Das geschieht ohne große Ansage oder Theorie, aber mit einem zarten Verlangen nach dem, was die Bilder nicht leisten können, das sich fortsetzen muss im Körper des Betrachters. Im Kino und danach, wenn es leise anklopft und wir es reinlassen. Das Sentimentale klug und elegant zuzulassen, das hat Baumbach für sein Kino gelernt. Den Gefühlen überlegen darf sich bei ihm ohnehin niemand lang wähnen.

Im Video: Der Trailer zu "Mistress America"

Mistress America

USA 2015

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig

Darsteller: Greta Gerwig, Lola Kirke, Matthew Shear, Heather Lind, Michael Chernus, Cindy Cheung

Verleih: Fox Deutschland

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Start: 10. Dezember 2015

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insgesamt 4 Beiträge
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windpillow 09.12.2015
1. Ego-Zweifel?
Bitte mit dem Begriff "Screwball-Comedy" nicht so unüberlegt und inflationär umgehen. Denn echte Screwball-Comedys wie z. B. früher "Binging up Baby"/Leoparden küßt man nicht (Cary Grant, Katharine Hepburn), gibt es heute nicht mehr.
ImperatorAugustus 09.12.2015
2. Screwball-Comedy?
Danach klingt die Beschreibung gar nicht... Aber erstmal anschauen, vielleicht erklärt sich die Einstufung ja aus dem Film selbst heraus...
AliceAyres 09.12.2015
3.
Die Parallelen zwischen Wes Anderson und Baumbach kann ich, abgesehen von der gelegentlichen Zusammenarbeit, nicht ganz nachvollziehen. Andersons Filme mag ich in ihrer Verspieltheit sehr, aber Baumbach ist mir oft zu anstrengend. Vielleicht mangelt es mir ja an Empathie, aber seine weiblichen Hauptfiguren empfinde ich eher als anstrengend denn als „klug, liebevoll und liebenswert“. Und das „Unberechenbare“ deute ich eher als neurotisch. Außerdem denke ich bei ihm auch weniger an klassische Screwball-Komödien als an Woody Allen (70er/80er). Zumindest was Baumbachs „Frances Ha“ oder „While we’re young“ angeht. Den neuen Film habe ich noch nicht gesehen.
gezrlo 09.12.2015
4. Gescheitert? Ja! Aber keineswegs schön.
Da fragt man sich, ob wir den gleichen Film gesehen haben. Ich hatte kürzlich das (Miss-)Vergnügen diesen Film zu sehen. Der Geschichte mag eine interessante Idee zugrunde gelegen haben, ABER mit den nervenden, unsympathischen, eindimensionalen, und dadurch unglaubhaften Hauptcharakteren kam erst gar kein Interesse an deren Geschick auf. Den Todesstoß gab diesem Film die konstruiert wirkende Geschichte mit teilweise schwer nachvollziehbaren Zuspitzungen und Wendungen. Nach etwa der Hälfte des Films war es interessanter den Flusen auf dem Sessel beim Wachsen zuzuschauen, als sich weiter dieses Fremdschämmaterial anzutun. Urteil: Der Film eignet sich hervorragend, um endlich mal das Buch von vergangenem Urlaub zu Ende zu lesen. Kleiner Tipp: Es hilft ungemein den Ton stumm- und das Bild abzuschalten. In diesem Sinne, Viel Spaß bei Mistress America!
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