Liebesfilm "Mit siebzehn" Treffen zwei Körper aufeinander

"Mit siebzehn" bringt zwei lebenshungrige junge Männer (und zwei der aufregendsten Filmemacher Frankreichs) zusammen: Mitreißender könnte man nicht vom Jungsein und vom Schwulsein erzählen.

Kool Film

Von Jan Künemund


Eine schnelle Autofahrt durch die Pyrenäenlandschaft liegt unter den Titeln, zack, geht es über Bäche, durch Wald, in einen Tunnel, zack, wird das Bild vom Licht überspült, zack, sind wir plötzlich in der verschneiten Wintervariante dieser Landschaft, und, zack, hängen wir am Körper des 17-jährigen Tom, der durch den Schnee stapft, als würde er ihn mit Körperwärme wegschmelzen können.

Drive ist ein Charakteristikum aller Filme von André Téchiné. Auch in "Mit siebzehn" ist er sofort da - und er lässt den Film ständig erzählerische Haken schlagen, aus dem Kraftfeld heraus, in dem sich zwei 17-jährige, männliche Körper hilflos aufeinander zu bewegen, mal sich schlagend, später sich anders näherkommend, sich jedenfalls nie ignorierend, das geht gar nicht, eher schmilzt der Gletscher, der cool über allem thront.

Erst einmal ist Winter und alles zum Schmelzen bereit, als Damien, 17, und Tom, 17, in der Schulturnhalle hocken und die letzten sind, die in die gegnerischen Basketballmannschaften gewählt werden. Zwei Außenseiter, der eine schwarz, der andere queer (jedenfalls mit stylischem Stirnband und auffälligem Ohrring mit grünem Stein), trotzig abwartend und den anderen Loser, mit dem man auch gar nicht in einer Mannschaft sein will, beäugend. Eine Schul-Ur-Angst-Szene, Coming-of-Age-Bilderbuch, doch bald weitet sich der Blick des Films, und Téchiné zeigt die unterschiedlichen Welten der Jungen, horizontal getrennt.

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"Mit siebzehn": Schläge werden zu Küssen

Unten im Tal wohnt Damien (Kacey Mottet Klein), privilegiert, Sohn einer Ärztin und eines Kriegshelden, im Zimmer hängt ein Bowie-Plakat, den Ohrring gibt es noch in einer blauen Variante, genauso auffällig. Tom (Corentin Fila) lebt auf dem Berg, ist bereits "out", als dunkelhäutiger Sohn einer Bergbauernfamilie nämlich sofort als Adoptivkind identifizierbar. Die Sozialkontakte aufs Nötigste reduzierend, stapft Tom jeden Tag 90 Minuten vom Hof zum Schulbus und vom Schulbus auf den Hof, zu seinem Territorium, wo er mit Kühen, Schafen und einem Bären allein ist und bei Mondlicht in den Bergsee springen kann, wenn ihn keiner sieht.

In der Schule rezitiert Damien ohne Erfahrung "Sensations" von Rimbaud, ein angeberischer Auftritt, für den ihm Tom erst einmal ein Bein stellt. Die beiden prügeln sich, ständig, mal fängt der eine an, mal der andere. Für den Rektor ist der Fall klar: Der adoptierte Schwarze entspricht dem klassischen Mobber-Profil, da muss dann Damiens Mutter (großartig: Sandrine Kiberlain) eingreifen, die Tom schön findet und dessen Mutter verarztet - sie setzt das Sorgenkind an ihren eigenen Küchentisch, Damien vor die Nase, dort soll er lernen und sich beruhigen, solange seine Mutter im Krankenhaus ist. Prügeln unter solch liebevollen Augen wird jetzt schwierig, man verabredet sich an einem geheimen Ort, der Regen kommt dazwischen, ein Joint wird geraucht, Tom springt plötzlich nackt in einen Bergsee, und um Damien ist es geschehen.


"Mit siebzehn"

Originaltitel: "Quand on a 17 ans"
Frankreich 2016
Regie: André Téchiné
Drehbuch: Céline Sciamma, André Téchiné
Darsteller: Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila
Produktion: Fidélité Films, Wild Bunch, France 2 Cinéma
Verleih: Kool
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 116 Minuten
Start: 16. März 2017


Wenn danach der Schnee schmilzt, die Körper von Damien und Tom plötzlich ganz anders aneinandergeraten, schlägt der Film die Téchiné-typischen Haken. Ein geplantes Sexdate erzählt plötzlich was von intelligenten Stalltüren, die sich je nach Uhrzeit und Milchpotenzial für die Kühe öffnen. Der Kriegsheldvater taucht auf und erzählt, dass er mit 17 schon Pilot werden wollte und dass er bald aus dem Film verschwindet, hat genau damit zu tun. Weitere Verletzungen passieren, an Toms und Damiens Körpern, und niemand versteht, dass das jetzt aus anderen Gründen geschieht: Armbruch, Zungenbiss, Schulverweis. Ein Nachbar, bei dem Damien seine Kraft trainiert, versucht, den beiden Jungen das "Ausweichen" beizubringen - genau das interessiert den Film aber nicht: die Pubertät als Kraftfeld, in dem Anziehung und Abstoßung auf (fast) das Gleiche hinauslaufen.

Mit 73 Jahren einen solchen Drive-Film über die Jugend hinzubekommen, kann man Téchiné nicht hoch genug anrechnen. Auch nicht, dass er sich dafür mit Céline Sciamma ("Girlhood", "Mein Leben als Zucchini") zusammengetan hat, die er zu Recht für die einzige Filmemacherin in Frankreich hält, "die einen wirklich neuen Blick auf Adoleszenz wirft", wie er im Interview erzählte. Im Wettbewerb der Berlinale 2016 konnten sich bemerkenswert viele Filmkritiker auf diesen Film einigen, das ist ungewöhnlich für einen Coming-of-Age- und noch ungewöhnlicher für einen Coming-out-Film.

Im Video: Der Trailer zu "Mit siebzehn"

Kool Film

"Mit siebzehn" ist natürlich mehr als das, er findet Bilder für Erregung und Begehren, die nichts mit Identität und Entwicklung zu tun haben. Die Energie zwischen diesen beiden Körpern ist abstrakt, sie setzt Bilder in Gang, transformiert atemlos Schläge in Küsse. Ein Gefühls-Action-Film. An anderer Stelle nimmt der Film sich aber auch Zeit: von der Trauer der Mutter zu erzählen, die ihren Mann an etwas so Abstraktes wie die Nation verliert, von der Hoffnung einer Familie auf die Geburt eines leiblichen Kindes, für die ständigen Perspektivwechsel vom Dorf auf den Berg und vom Berg auf das Dorf.

Dazwischen sind die Fluchtmöglichkeiten für die beiden 17-jährigen Körper begrenzt. Der eine geht zum heteronormativen Boxtraining ("du stöhnst dabei wie ein Mädchen", sagt der Trainer), der andere flüchtet auf den Berg, zu den Tieren, wo am Ende doch der Geliebte steht, an den Kühen riecht und ihn küsst. "In blauer Sommernacht werd ich durch Felder geh'n,/ Hälmchen zertreten auf den kühlen Pfaden", Rimbaud, jetzt mit Leben gefüllt.

Der Film schließt die Ausweichräume und lässt die Jugend abheben. Schöner kann man nicht von Schönheit erzählen, kraftvoller nicht von Kraft. Der Schnee kommt nicht mehr wieder, bis der Film seinen letzten Haken schlägt; er könnte ohnehin nicht liegen bleiben.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
baninchenrenner 16.03.2017
1. Mein Prädikat: pädagogisch wertlos!
Gruselig, gruselig, wenn ich das so lese. Mit anderen Worten und anderem Blickwinkel: Schwuler alter Regisseur visualisiert sich seine Sexphantasien realitätsfern in seinen virtuellen Filmchen zusammen, weil es ein Publikum dafür gibt, das ebenfalls auf solch künstliches und subtil sexistisches Kopfkino scharf ist. Alles hübsch verbrämt hinter einer zusammengerührten Erzählkulisse, in die ganz nach Belieben immer genau die Elemente gesetzt werden, die als passende Stichwortgeber Pseudospannung erzeugen und ausgiebig das eigene feuchte Wunschdenken befriedigen. Letztlich basieren grundsätzlich diese Sorte Film auf einem beklemmenden Realitätsfluchtkonzept: Man bastelt sich seine eigene filmische Welt, wie sie einem am besten gefällt. Weil es das eigene wirkliche Leben nicht hergeben würde und wohl auch nie hergegeben hat. Solche "cineastischen" Ergüsse gibt es doch nun schon zuhauf, alle nach dem immergleichen Strickmuster konstruiert, mit diesen albernen, unglaubwürdigen und künstlichen Dialogen, mit Szenen, die so nie und nimmer in der Realität stattfinden würden - ach ja und selbstverständlich mit zwei supersuperhübschen niedlichen, leckeren, knackigen, attraktiven, heißen, sahnigjungen Boys am Start. Honi soit qui mal y pense. Also der nächste dieser angeblichen "Coming-of-Age"-Filme, in die alle phantasieausgehungerten üblichen Verdächtigen rennen werden. Filme, die die Welt nicht braucht, aber hey: der nächste Kinoabend mit Freunden ist gerettet - mit anschließender genüsslicher Rotweinvernichtung. Das nennt sich Leben! Zumindest weiß ich als alternder Schwuler, dass ich mir solche Sorte verheuchelter Spannerfilme nicht antun werde!
sternfeldthommy 16.03.2017
2. ach ja?
was Sie ..baninchenrenner ..hier ganz alleine antreibt, ist nichts anderes als Homophobie ! Oder hätten sie das gleiche Urteil abgegeben, wenn es sich hier zufällig um zwei Heteros gehalten hätte ? Hm??? Natürlich nicht...daran erkennt man ihren Charakter. Das Gute ist jedoch...Leute ihres Schlages entscheiden schon lange nicht mehr, wo es in unserer Gesellschaft kulturell lang geht. Schönen Tag noch und ganz herzliches Beileid :-)
tchantchès 16.03.2017
3.
Zitat von baninchenrennerGruselig, gruselig, wenn ich das so lese. Mit anderen Worten und anderem Blickwinkel: Schwuler alter Regisseur visualisiert sich seine Sexphantasien realitätsfern in seinen virtuellen Filmchen zusammen, weil es ein Publikum dafür gibt, das ebenfalls auf solch künstliches und subtil sexistisches Kopfkino scharf ist. Alles hübsch verbrämt hinter einer zusammengerührten Erzählkulisse, in die ganz nach Belieben immer genau die Elemente gesetzt werden, die als passende Stichwortgeber Pseudospannung erzeugen und ausgiebig das eigene feuchte Wunschdenken befriedigen. Letztlich basieren grundsätzlich diese Sorte Film auf einem beklemmenden Realitätsfluchtkonzept: Man bastelt sich seine eigene filmische Welt, wie sie einem am besten gefällt. Weil es das eigene wirkliche Leben nicht hergeben würde und wohl auch nie hergegeben hat. Solche "cineastischen" Ergüsse gibt es doch nun schon zuhauf, alle nach dem immergleichen Strickmuster konstruiert, mit diesen albernen, unglaubwürdigen und künstlichen Dialogen, mit Szenen, die so nie und nimmer in der Realität stattfinden würden - ach ja und selbstverständlich mit zwei supersuperhübschen niedlichen, leckeren, knackigen, attraktiven, heißen, sahnigjungen Boys am Start. Honi soit qui mal y pense. Also der nächste dieser angeblichen "Coming-of-Age"-Filme, in die alle phantasieausgehungerten üblichen Verdächtigen rennen werden. Filme, die die Welt nicht braucht, aber hey: der nächste Kinoabend mit Freunden ist gerettet - mit anschließender genüsslicher Rotweinvernichtung. Das nennt sich Leben! Zumindest weiß ich als alternder Schwuler, dass ich mir solche Sorte verheuchelter Spannerfilme nicht antun werde!
So ist das, wenn man zu lange auf den blauen Seiten herumgehangen und den Absprung verpasst hat. Dann hat man für solche Filme (ich habe ihn schon im Original gesehen) halt nur noch Sarkasmus und Verbitterung übrig. Schade und traurig.
camilli79 16.03.2017
4. wegen Ausnahme wertvoll?
Solche Filme sind interessant. Es sollte auch klar gemacht werden , dass etliche Jungen spätestens mit 10 Jahren mit einem anderen Jungen zusammen masturbieren, was zur normalen Entwicklung gehört. Wenn sich dicke Freunde so etwas antun, kann man schon auf den Gedanken einer Liebesbeziehuing kommen. Alles im grünen Bereich, wenn man als später Teenager oder Twen die Mädchen als interessante Grösse auf eigenen Wunsch in sein Kalkül einbezieht. Viele junge Männer, die sich heute als homosexuell bezeichnen, hatten eine psychisch schwere Jugend mit Vater oder Mutter, oder aber mit abweisenden unsensiblen Mädchen. Erst danach haben sie sich dem eigenen Geschlecht zugewandt, denn eklusiv Homosexuelle gibt es weniger als 1% in der Bevölkerung.
homernarr 16.03.2017
5. Hach, wer's braucht
Als Hetero sehe ich keinen Grund mir das Anzusehen. Homosexualität als Thema interessiert mich nicht. Mich stört es nicht und ich schaue nicht weg im RL, aber ich renne auch nicht hinterher und gaffe.
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