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Dok-Film "Mittsommernachtstango": Hocken drei Männer in der Sauna

Von Martin Baierlein

Drei argentinische Musiker wollen einfach nicht glauben, dass der Tango einst in Finnland erfunden worden sei und begeben sich dort auf Spurensuche. Der amüsante Film "Mittsommernachtstango" begleitet sie dabei.

Wer hat den Tango erfunden? Die Finnen natürlich! Behauptet jedenfalls Aki Kaurismäki gleich zu Anfang von Viviane Blumenscheins Dokumentarfilm "Mitternachtstango". Und wenn der bekannteste Filmemacher Finnlands so eine These in die Welt setzt, dann wird sie auch gehört. Vor allem natürlich in Argentinien, dem anderen überzeugten Geburtslandes des Tangos, wo man eine derartige Ungeheuerlichkeit nicht einfach auf sich sitzen lassen kann.

Regisseurin Blumenschein findet in Buenos Aires schnell drei Musiker, die bereitwillig nach Finnland reisen, um dort ein paar Dinge gerade zu rücken und zu erforschen, wie diese seltsamen Finnen überhaupt auf so eine Idee kommen konnten. In einem klapprigen Kleinwagen wird das Trio durch das Land der Seen, Inseln und schweigsamen Menschen geschickt und verfährt sich natürlich erst mal im Wald. Doch Rettung naht in Form einer mobilen Ein-Mann-Sauna. Denn seltsam mögen sie scheinen, die Finnen, aber sie sind eben auch sehr nett.

Extremform der Stille

Schon 1850 sollen finnische Hirten die ersten Tango-Melodien geheult haben, um Einsamkeit und Wölfe zu vertreiben. Von der Westküste könnten dann Seefahrer die Musik über Uruguay bis nach Argentinien gebracht haben, wo er in Buenos Aires zur Blüte kam. Der Gitarristen Diego "Dipi" Kvitko fühlt sich in seinem Nationalstolz gekränkt, als er das hört, doch sein Band-Kollege Pablo Greco beginnt zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Allein im Großraum Buenos Aires drängen sich über 13 Millionen Menschen - laut Dipi "eine dreckige Stadt, in der es schöne Musik gibt". Passt der melancholische, traurig-schöne Tango da nicht besser in die stille Einsamkeit Finnlands, wo sich nur fünfeinhalb Millionen Menschen im ganzen Land verlieren? Ist Musik nicht eigentlich nur eine extreme Form der Stille, wie es ein finnischer Orchesterdirigent behauptet?

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Dokumentarfilm "Mittsommernachtstango": Wer hat's erfunden?
Nach und nach spüren Blumenschein und die drei Argentinier die lokalen Größen der finnischen Tango-Szene in ihren Wohnzimmern und Küchen auf, und alle sind sie herzliche Gastgeber. Und dabei so liebenswert und wunderlich, als hätte sie Kaurismäki persönlich erfunden. Besonders der Entertainer M. A. Numminen fällt auf, eine Art finnischer Helge Schneider im Hasenkostüm. Er ist überzeugt, dass die Finnen vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen haben, dass sie den Tango einfach erfinden mussten, um sich wenigstens beim Tanzen kennenlernen zu können.

Tiefenentspanntes Lehrstück

Die reine Wahrheitsfindung ist in diesem Film nicht das Wichtigste. Mehr geht es um die Lust an Legenden und am Fabulieren. Viviane Blumenschein ("Dance for All") interessiert sich für die Eigenarten der Kulturen und will zeigen, wie Musik die Menschen verbindet, und nicht, wie sie sie trennt. Was spätestens klar wird, wenn der argentinische Sänger Walter "Chino" Laborde mit einer finnischen Landwirtin und Gesangslehrerin im Duett miaut.

So ist "Mittsommernachtstango" ein tiefenentspanntes und sehr charmantes Lehrstück über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier großer Tangokulturen geworden. Im Rhythmus von Begegnungen, Landschaftsbildern und Musikeinlagen fehlt natürlich auch nicht Finnlands berühmtester Tango "Satumaa" in der Interpretation von Reijo Taipale. Seit seinem Durchbruch in den Sechzigern ist der 74-jährige Sänger mit diesem Song über 8.000 Mal aufgetreten, und er kann einfach nicht mehr aufhören.

Und wer hat's nun erfunden? Am Ende egal. Tango wird auch "Schule des Lebens" genannt. Und das gilt überall auf der Welt.


"Mittsommernachtstango". Start: 13.3. Regie: Viviane Blumenschein.

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