Model-Drama "Valerie" Armes Aufziehmädchen

Realitäts-Check für ein Traumgeschöpf: Birgit Möllers beeindruckender Debütfilm Film "Valerie" erzählt die Geschichte eines arbeitslos gewordenen Models, das es nicht schafft, sich aus dem gewohnten Luxus und dem Lügengestrüpp der eigenen Selbstinszenierung zu befreien.

Von Birgit Glombitza


In den Siebzigern gab es eine unglaublich steife und zugleich seltsam melancholische tschechische Märchenserie über eine Ausserirdische, die sich über das Leben auf der Erde wunderte. Um sie herum wimmelte es vor Neugierigen, Freunde waren kaum darunter. Sie trug ein silbernes Kostüm, das an Armen und Beinen an Rohrverkleidungen erinnerte, war weiß mit einem ungesunden Grünstich geschminkt und hatte eine Betonfrisur. Mit mechanischen Schritten marschierte sie in unsere Welt hinaus, begriff aber von ihr nicht allzuviel. Und ihre blecherne Stimme war so uncharmant, dass man sich fragte, warum ihr nicht schneller jemand dabei behilflich sein konnte den Weg nach Hause anzusteuern.

Die titelgebende Heldin "Valerie" aus Birgit Möllers eindrucksvollem Abschlussfilm der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin hätte aus dem gleichen Raumschiff stammen können. Abgesehen von ihrem Gang, der in seiner antrainierten Geradheit so selbstgefällig daherkommt, als habe Valerie diesen hübschen blauen Planeten gleich zur Handtasche dazu gekauft. Valerie ist nicht zickig oder menschenverachtend, sie ist bloß noch nicht angekommen am anderen Ende der Gangway. Sie will nicht wahrhaben, dass die Schwerkraft existenzieller Sorgen und broterwerblicher Verrichtungen sie eingeholt hat. Und dass sie mit 29 Jahren schon am Ende von etwas ist.

Jahrelang hat sie ein Leben geführt, von dem die Hochglanzmagazine im Chor delirieren. Als international arbeitendes Model, als dürres Aufziehmädchen, das mit einem Wimpernschlag mehr Geld verdiente als ihre Eltern in Polen im Monat. Damit ist jetzt Schluss, das Portemonnaie ist so leer wie das Auftragsbuch. Ihre Möbel hat sie ihrem Nachmieter in Paris überlassen, ihr Zimmer im Hyatt am Potsdamer Platz kann sie inzwischen auch nicht mehr bezahlen. Noch kommandiert sie das Personal vom Zimmermädchen bis zum Sicherheitsdienst herum, geht auf Partys und Empfänge, plaudert über Weihnachstsfeiern in Südafrika und das Shooting mit Soundso für dasunddas Label. Den Hostessenjob in Dubai, den ihre Agentin für das Leben nach dem Modelbiz akquiriert hat, lehnt sie ab. Das kann doch noch noch nicht alles gewesen sei, was das Leben für Traumgeschöpfe wie sie bereit hält. Aber es ist alles.

So zieht Valerie mit Schminktäschchen und Designer-Klamotten in ihren Jaguar in die Tiefgarage. Selbst für die Schranke fehlt ihr das Kleingeld. Abends deckt sie sich mit ihrem pelzbesetzten Mäntelchen zu, wenn der Parkwärter André (Devid Striesow) nichts gegen diese ungewöhnliche Form der Obdachlosigkeit hat. Weihnachten werden sie zusammen mit seinem Kollegen im Glasshäuschen verbringen. Und der Alkohol wird alles Staunen über die Edelpennerin in eine ungenaue Sehnsucht auflösen. Und nichts weiter. Denn vieles bleibt hier im Ungefähren, darf trotz der klaren Fallhöhe nicht zu schwer werden, aber auch nicht in Beliebigkeit zerstäuben. Die Hintergründe sind weich und unscharf. Oben im Hotel wirken die Gänge und das Licht ein wenig wärmer.als unten in der Tiefgarage. Mehr ist von der Umgebung kaum auszumachen.

Umso plastischer tritt die Heldin hervor. Agata Buzek, die Tochter des ehemaligen polnischen Premierministers Jerzy Buzek, die selbst jahrelang als Model gearbeitet hat, spielt diese Valerie wunderbar spröde und schlagfertig. Eine patzige Glücksritterin, die nicht aufhören mag, sich als fotografiertes Bild zu sehen. Dieses Geschöpf ist ganz Blick. Der Porzellanhals, die kleine Kuhle zwischen den Sehnen, die den stets hochgereckten Kopf am Rumpf halten und dann diese tiefliegenden, satellitenartig aufgeklappten Ohren. Immer wieder saugt sich die Kamera fest an diesem Gesicht, an dieser seltsam zergliederten Gestalt. Fein und fern. So werden kleine Mythen geschaffen von blonden Frauen mit schneeweisser Haut in unbezahlbaren Kleidern. So werden sie aber auch wieder in ihre trüben Einzelteile zerlegt. Selten hat man ein Debüt gesehen, das so vom Bild erdacht und gesponnen scheint wie hier.

Leicht hätte es eine umgedrehte Sterntaler-Geschichte werden können. Vom hungernden Mädchen in Edellumpen, das die Hände in den schneienden Berliner Himmel streckt, um endlich ein paar Taler und ein bischen Sternenglanz zu erwischen. Pudrig und zartbitter. Und mit schickem Hochglanzmartyrium, von Bulemie über Kokserei bis zu wüsten Orgien. Doch Birgit Möller ist klug genug, davon die Finger zu lassen. So erzählt sie unpathetisch und ungerührt von allen Selbstinzenierung und allem Tamtam der Branche die Geschichte ihrer Heldin als Märchen über die Einsamkeit in Großstädten.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.