Kinosensation "Mommy" Ich lebe für sie

In "Mommy" versuchen ein gewalttätiger Teenager und seine überforderte Mutter, sich als Kleinfamilie neu zu erfinden. Xavier Dolan liefert ein Kinoerlebnis voll umwerfender Pop-Momente - einer der Filme des Jahres.

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Drei, vier, fünf Sekunden dauert Steves Kuss auf den Mund seiner Mutter. Zu lang und zu intensiv, als dass er dem 15-Jährigen als unbedacht übermütiger Akt verziehen werden könnte. Und doch ist etwas an diesem Kuss, das die Mutter genießen kann und dem sie hinterhertrauert, als er schließlich vorbei ist.

Wie dieser Kuss ist auch Xavier Dolans fünfter Film "Mommy": Zu lang, zu intensiv, halb Übergriff, halb Zärtlichkeit - und genau deshalb ein Triumph, an dessen Ende man sich fragt, warum man sich im Kino eigentlich so häufig mit weniger zufriedengibt.

Nach dem Tod seines Vaters ist der mit ADHS diagnostizierte Steve (Antoine-Olivier Pilon) fast drei Jahre lang von Jugendheim zu Jugendheim verschoben worden. Als er in einer Cafeteria zündelt und einen anderen Jungen lebensgefährlich verletzt, ist das nächste Jugendheim keine Option mehr, nun steht psychiatrische Verwahrung an. Doch das will ihm seine Mutter Die (Anne Dorval) nicht zumuten. Obwohl sie kaum genug Geld für sich selbst aufbringen kann, nimmt sie den Jungen wieder bei sich auf.

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"Mommy" von Xavier Dolan: "Ich lebe für sie"
Was folgt, ist ein dreifacher Kampf ums Glück: Sie kämpft darum, dass ihr Leben trotz des Verlusts ihres geliebten Mannes auch romantisch weitergeht. Er kämpft darum, dass sein Leben befreit von den Zwängen staatlicher Erziehungsinstitutionen endlich anfängt. Und gemeinsam kämpfen sie darum, dass sie den geplatzten Traum von der glücklichen Kleinfamilie in etwas Neues überführen können.

Dass ihnen dabei ausgerechnet ihre stotternde, weil traumatisierte Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) zu Hilfe kommt, macht bereits klar, wie frei Dolan in seinem Denken und Erzählen ist. Nicht Mann und Liebe, sondern Frau und Freundschaft geben Die und Steve den Halt, den sie brauchen. Mit umwerfender Zärtlichkeit und Empathie zeigt Dolan, wie sich die drei gemeinsam in ein Leben jenseits des Verlustes vortasten. Und als würde da einem nicht schon das Herz genug aufgehen, lässt Dolan Steve im Moment des größten Glücks die Bildränder ergreifen und vom quadratischen 1:1-Format auf die ganze Leinwandbreite dehnen. Allein für diesen Moment purer Kinoeuphorie lohnt sich der Film.

Céline Dion trifft Oasis

Wer mit dem Oeuvre des frankokanadischen Regisseurs Dolan vertraut ist, das trotz seiner 25 Jahre schon fünf auf den wichtigsten Festivals der Welt gefeierte Filme umfasst, wird in diesen Beschreibungen Versatzstücke aus seinen bisherigen Arbeiten erkennen: Schon in seinem vorherigem Film, dem Psychothriller "Sag nicht, wer du bist!" (2013), hat Dolan mit dem Bildausschnitt experimentiert, Suzanne Clément war die Hauptdarstellerin seines Transgender-Dramas "Laurence Anyways" (2012), und Anne Dorval hat bereits in seinem Debütfilm "I Killed My Mother" (2009) die titelgebende Mutterfigur gespielt, an der sich ein pubertierender Sohn abarbeitet.

Dass sich diese Versatzstücke in "Mommy" zu einem neuen Ganzen zusammenfügen, dürfte vor allem an der Distanz liegen, die Dolan zu seinem Stoff gewonnen hat. Während er in seinem Erstlingsfilm noch selbst den Teenager spielte, der gegen seine Mutter aufbegehrt, hat er diesen Part in "Mommy" an den furiosen Antoine-Olivier Pilon abgetreten, der sich für die Kamera schier verausgabt. Gleichzeitig hat Dolan seinen Fokus auf die Mutter verschoben, der er mit neuem Verständnis für ihre Nöte und Bedürfnisse begegnet.

Um jeden Gelegenheitsjob muss die ungelernte Die kämpfen, damit es für Essen, Miete und Schulbücher für Steve reicht. Ihren Stolz verliert sie bei allen Widrigkeiten nie. Wenn ihr die Einkaufstüten mitten auf der Straße reißen, bleibt sie lieber mit dramatisch ausgebreiteten Armen einige Momente lang auf der Straße stehen, als sich sofort nach den Lebensmitteln zu bücken. Kein Wunder, dass Steve seiner Mutter beim Karaoke ein besonderes Lied widmet: Andrea Bocellis Hymne "Vivo per lei", übersetzt: Ich lebe für sie.

Wie der Großteil der Songs auf dem Soundtrack entstammt auch "Vivo per lei" einem fiktiven Mixtape mit Lieblingsliedern, das Steves Vater hinterlassen hat. Über den Film verteilt klingen die Lieder immer wieder auf und sorgen nicht nur für eine subtile Präsenz des Verstorbenen, sondern auch für verblüffende Hörerfahrungen: Dolan setzt vermeintlich abgeschmackte Stücke wie "On ne change pas" von Céline Dion und speziell "Wonderwall" von Oasis so gegen die Erwartung ein, dass einen Dions schmetternder Gesang und Oasis' sägende Gitarre völlig neu berühren.

Eine Fülle solch großartiger Pop-Momente hat man schon lang nicht mehr im Kino gesehen - wobei sie sich nicht reibungslos zu einem stetigen Erzählfluss zusammenfinden. "Mommy" dehnt sich mitunter zu stark, zwei, drei Szenen beharren auf bereits Erzähltem. Doch bei einem Film, bei dem man den letzten Song nicht verraten darf, weil er einen so majestätischen Schlusspunkt setzt, macht das nur wenig aus. "Mommy" ist das perfekt unperfekte Kinoereignis des Jahres.

Mommy

CA 2014

Buch und Regie: Xavier Dolan

Mit: Anne Dorval, Antoine-Olivier Pilon, Suzanne Clément, Patrick Huard

Produktion: Metafilms, Super Écran, Téléfilm Canada et al.

Verleih: Weltkino

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 13. November 2014

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insgesamt 6 Beiträge
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anon_berlin 15.11.2014
1. Naja
Ich bewundere die Experimentierfreude des Regisseurs. Ich kann beim 5. Film jedoch für mich sagen, dass ich endlich was neues sehen will von ihm. Immer die gleiche Geschichte im neuen Gewand ist mir zu wenig.-- Das Feuilleton liebt ihn, d.h. im Klartext , dass seine durch kanadisches Steuergeld finanzierten Filme 3-4 Aufführungen auf den "wichtigsten" Filmfestivals haben und danach für relativ wenig Geld in einige Länder verkauft werden.Dort erreichen seine Filme meistens nicht mehr als 20 000 Zuschauer. Die Wettbewerbsfilme in Cannes interessieren mittlerweile seit einigen Jahren nicht wirklich die Weltvertriebe bzw. das Publikum mehr. Hier feiert sich ein kleiner Zirkel mit Hilfe von Steuergeldern selber. In der Vergangenheit war Cannes das Highlight neben den Oscars. Filme, die dort gewannen waren z.B Taxi Driver, Apocalypse Now, Oldboy....aber wer kennt schon die Palmenträger der letzten 3 Jahre? Kinoliebhaber. Winter Sleep, Blue is the warmest Color, Liebe und Tree of Life waren allesamt megaflops an den Kinokassen, was an sich nicht so schlimm ist. Das ist auch Apocalype Now passiert. Jedoch hat Apoclypse Now Jahr für Jahr seine Produktionskosten eingespielt (Die Coppola zum grossen Teil selber gestellt hat). Aber die genannten verschwinden in der Versenkung bzw. landen in der Ecke bei Saturn, wo Spinnen untereinander Revierkämpfe austragen.
derdesillusionierte 16.11.2014
2. Dolan
hat mit J'ai tué ma mère einen der Filme über Coming of Age gemacht,die so stark sind, dass Sie noch lange in Erinnerung bleiben. Ich habe jedoch schon damals seinen Stil nich als unkonventionell oder gar bahnbrechend empfunden, sondern einfach als spielfreudig und etwas überästethisiert, sein Film Heartbeats war Dann meiner Meinung nach ein cineastisches Desaster, eine schon tausendmal gesehene Geschichte, Neu erzählt mit ein paar Spielereien abgerundet.Doch allein wegen dem Erlebnis, was mir J'ai tué ma mère durch seine berauschenden, knalligen Bilder, seine grandiosen Dialoge und seine ehrliche Erzählweise gegeben hat, werde ich mir Mommy angucken.
MiniMoogMe 16.11.2014
3. @anon_berlin
Es tut mir Leid, aber das ist sehr selektive Wahrnemung. Schauen Sie sich doch andere Gewinner der Palme d'Or um die Zeit des Taxi Driver und Apocalypse Now an - wie viele kennen Sie auf Anhieb, wie viele von ihnen waren erfolgreich an der Kinokasse? Padre Padrone, Der Holzschuhbaum, Der Mann aus Eisen, Yol... Letztendlich vergisst man gerne dass Filme wie Taxi Driver damals auch Avantgarde waren, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, da Filme wie diese den heute weit verbreiteten Regie- und Erzählstil geprägt haben. Und darum geht es ja. Ein Liebling der Filmemacher muss nicht unbedingt auch Publikumsliebling sein - es reicht schon, wenn er die künftigen Generationen von Filmemachern prägt und ihre Arbeit beeinflusst. Irgendwann bringt dieser Einfluss auch mal einen Kassenkracher hervor.
Hochbeet 16.11.2014
4. Kraft ohne Vater...
Ist doch bemerkenswert mit welcher Obsession Regisseure ihre eigene Kindheit ohne Vaterliebe künstlerisch nutzen (müssen). Und wie oft Filmkritiker unbewusste Motive verkennen.
anon_berlin 16.11.2014
5.
Zitat von MiniMoogMeEs tut mir Leid, aber das ist sehr selektive Wahrnemung. Schauen Sie sich doch andere Gewinner der Palme d'Or um die Zeit des Taxi Driver und Apocalypse Now an - wie viele kennen Sie auf Anhieb, wie viele von ihnen waren erfolgreich an der Kinokasse? Padre Padrone, Der Holzschuhbaum, Der Mann aus Eisen, Yol... Letztendlich vergisst man gerne dass Filme wie Taxi Driver damals auch Avantgarde waren, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, da Filme wie diese den heute weit verbreiteten Regie- und Erzählstil geprägt haben. Und darum geht es ja. Ein Liebling der Filmemacher muss nicht unbedingt auch Publikumsliebling sein - es reicht schon, wenn er die künftigen Generationen von Filmemachern prägt und ihre Arbeit beeinflusst. Irgendwann bringt dieser Einfluss auch mal einen Kassenkracher hervor.
Da gebe ich Ihnen recht. Sicherlich ist mein Gefühl subjektiv. - Ich würde gerne über den Einfluss auf die nächsten Generationen der Fimemacher sprechen. Ich weiss es auch nicht recht. Ich streube mich gerade dagegen alte Pfade als etwas neues innovatives anzunehmen. Wenn ich mir die Entwicklung der Bildpsrache von heute ansehe, weiss ich nicht wirklich ob Cannes da wirklich noch der Impulsgeber ist. Das europäische Kino steckt scheinbar in einer Krise. Es werden die immer gleichen Geschichten in abgewandelter Form erzählt. Die Fimsprache variiert nur noch. Ob nun durch die Kadrage, Jump Cuts oder ähnlichem. Ich möchte aber auch nicht pauschalisieren. Nymphomaniac war zwar sehr direkt. Die Sequenz mit der Polyharmonie war jedoch wirklich beeindruckend. Vielleicht hadere ich auch zu sehr und werde einfach alt. :)
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