"Momo" Moderne Jesuskind-Figur als Manga-Comic

Sie ist ein kleines Mädchen, das mit der seltenen Gabe zuhören zu können die Welt rettet. Fast dreißig Jahre, nachdem das Buch "Momo" erschien und zum Weltbestseller wurde, beginnt der Kampf gegen die "Grauen Herren", die die Zeit stehlen wollen, nun von neuem - als Zeichentrick auf der Kinoleinwand.

Von Marc Hairapetian


"Momo": Japanischem Manga-Comic entsprungen?
MFA

"Momo": Japanischem Manga-Comic entsprungen?

"Die Tatsache, dass Zeit messbar ist, also unterteilt werden kann in Tage, Stunden, Minuten, beweist eigentlich - mathematisch -, dass sie nicht unendlich ist, denn eine halbe Unendlichkeit ist ja selbst wieder unendlich und so jedes ihrer Teile," sagte der Schriftsteller Michael Ende (1929 bis 1995) einmal. "Wäre Zeit unendlich, so müsste es auch jede Sekunde sein. Ist sie aber endlich, so ist sie im Grunde nur Schein in einer zeitlosen Wirklichkeit." Sein bekanntestes Werk "Momo. Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte" (1973) beschäftigt sich in poetisch-philosophischer Weise mit den Phänomenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und avancierte bereits kurz nach Erscheinen zum Kultbuch mit Lebenshilfecharakter für kleine und große Leser. Weltweit wurden 6,5 Millionen Exemplare des Buches verkauft.

Während seine skurril-sympathischen Phantasiegestalten aus "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" und "Jim Knopf und die Wilde 13" kongenial von der Augsburger Puppenkiste auf dem Fernsehbildschirm zu (Marionetten-)Leben erweckt wurden, gelangen die Realfilm-Adaptionen der "Unendlichen Geschichte" (trotz kommerziellen Erfolgs) und "Momo" (trotz großen Staraufgebots) aus den achtziger Jahren nicht sonderlich. Insofern ist schon der Versuch, Endes Bestseller mittels Zeichentrickfilm eigene visuelle Akzente abzugewinnen, lobenswert.

Regisseur Enzo d'Alò, der sich im Bereich Animations-Kino mit "Der blaue Pfeil" (1996) und "Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte" (1998) international einen Namen machte, bemüht sich augenscheinlich um Werktreue: Das vagabundierende Mädchen Momo findet in der Ruine eines kleinen Amphitheaters Unterschlupf. Das Waisenkind mit dem schwarzen Lockenschopf und den melancholischen Kulleraugen besitzt eine seltene Fähigkeit: Sie kann zuhören. Dadurch vermag sie, die Phantasie ihrer Besucher zu wecken. Eines Tages stören "Graue Herren" als Vertreter einer ominösen "Zeitsparkasse" die Idylle am Rand der Stadt. Momos Mitmenschen verfallen dem Ehrgeiz, Sekunden, Minuten, Stunden, ja, Tage, Wochen, Monate und Jahre einzusparen, um vermeintlich zu Geld und Einfluss zu gelangen. Einzig Momo widersteht den Verführungskünsten der Zeitdiebe. Verfolgt von den "Grauen Herren" wird sie von der Schildkröte Kassiopeia zu Meister Hora, dem Verwalter der Lebenszeit, geführt.

Um die teuflischen Pläne der "Grauen Herren" zu durchkreuzen, wendet Hora einen Trick an: Er legt sich schlafen - und bringt so die Welt zum Stillstand. Nun hat Momo eine Stunde Zeit, um die Menschheit zu retten. Sie muss den Zeitspeicher der "Grauen Herren" finden und zerstören, denn ist die gestohlene Zeit erst einmal verflogen, können auch die Fieslinge nicht mehr existieren.

"Graue Herren" beim Verpaffen der Zeit
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"Graue Herren" beim Verpaffen der Zeit

Enzo d'Alò, der zusammen mit Umberto Marino das Drehbuch verfasste, hat an Endes Werk zwar nur geringfügige Veränderungen vorgenommen, diese allerdings schmälern den guten Gesamteindruck: Aus Momos engstem Freund, dem Erwachsenen Gigi Fremdenführer, ist ein kleiner Junge geworden, der sich in (zunächst unerwiderter) Liebe zum Straßenkind verzehrt. Im Roman hat Meister Hora nur in der Schildkröte Kassiopeia eine treue Gefährtin, im Film symbolisieren im Stundenhaus Hahn und Eule zusätzlich Tag und Nacht. Unvermeidlich, dass die beiden allzu albernen Figuren im Dauerstreit miteinander liegen. Und Momo selbst, von der eigentlich niemand weiß, woher sie gekommen ist, scheint einem japanischen Manga-Comic entsprungen zu sein, zumindest ist sie so gezeichnet.

Ansonsten bleibt die deutsch-italienische Koproduktion dem Geist des Originals treu: Der Einbruch des Phantastischen in eine übertechnisierte Welt wird mit kühnen, manchmal expressionistisch anmutenden Strichen und großer Detailgenauigkeit nachgezeichnet. Auf dem Weg über eine Erneuerung des romantischen Mythos vom reinen, nahezu gottähnlichen Kind, dass die kleine Schwester des "Star Childs" in Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" sein könnte, wird dem Zuschauer eine Art religiös-metaphysische Botschaft vermittelt. Das römische Amphitheater ist als Anspielung auf vorchristliche Erlösungsmythen deutbar, Momo als weltliche Jesuskind-Figur und der wie ein einfacher Gärtner gekleidete Meister Hora als Gottvater mit eingeschränkter Machtvollkommenheit.

Bei der musikalischen Untermalung bestreiten d'Alò und Produzent Michael Schaack ("Käpt'n Blaubär") neue Pfade: Gianna Nanninis rockiger Soundtrack enthält die richtige Mischung aus lyrischen und bedrohlichen Elementen.

Anhängern des Märchenromans sei darüber hinaus das immer noch erhältliche dreiteilige Hörspiel von Anke Beckert aus dem Jahr 1975 (Vertrieb: Karussel) empfohlen: Es ermöglicht ein Wiederhören mit Schauspielern wie Wolfgang Kieling, Harald Leipnitz und Günter Strack sowie Irina Wanka als Momo.

"Momo" (Momo). Italien 2001. Regie: Enzo d'Alò; Drehbuch: Enzo d'Alò, Umberto Marino; Produktion: CGGT Cinematografica/Taurus Film; Verleih: MFA; Start: 3. Januar 2002



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