Teddy Award für Monika Treut "Würden Sie bitte aufhören, unser Publikum zu beschimpfen?"

Sie war nicht nur treibende Kraft im queeren und feministischen Kino, sondern auch für eine freie deutsche Filmszene. Am Freitag erhält Monika Treut auf der Berlinale den Special Teddy Award.

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Gleich Monika Treuts erster Film wird 1985 zur Berlinale eingeladen, in die Nebenreihe Internationale Forum des Jungen Films. Im Mittelpunkt von "Verführung - Die grausame Frau" nach Motiven von Sacher-Masoch steht eine Domina, die selbstbewusst ihre erotischen Fantasien umsetzt.

Elfi Mikeschs Kameraperspektive unterwirft sich diesem weiblichen Lustentwurf, das Publikum sieht sich plötzlich in der Position der Masochisten. Die Frauen im Kinosaal schweigen, die Männer schimpfen. "Es gab einen bösen, aggressiven Protest gegen die Situation", erinnert sich Treut. "Das ging von 'Dieser Film ist Werbeästhetik' bis hin zu 'Das hat mit Sacher-Masoch nichts zu tun'."

Letzteren Vorwurf kann die junge Filmemacherin nicht auf sich sitzen lassen, sie hat gerade ihre Doktorarbeit über das Frauenbild bei Sacher-Masoch und De Sade geschrieben. Sie schießt solange zurück, bis der Forumsleiter Ulrich Gregor sie am Ärmel zupft und ihr zuflüstert: "Würden Sie bitte damit aufhören, unser Publikum zu beschimpfen?"

Monika Treut wird 2017 während der Berlinale mit dem Special Teddy Award ausgezeichnet
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Monika Treut wird 2017 während der Berlinale mit dem Special Teddy Award ausgezeichnet

Das war Monika Treuts Einstieg in die Kinogeschichte und der Beginn ihrer schwierigen Beziehung zur deutschen Filmszene. In Mönchengladbach, wo sie in den Sechzigerjahren aufwuchs und mit ihrem Vater jeden Samstag ins Kino ging, hätte sie sich nicht vorstellen können, jemals selbst Filme zu machen.

In Marburg schließlich beschließt sie, gegen das Kino-"Analphabetentum" der Kunst- und Literaturstudierenden mit Filmklubs anzugehen, besorgt Godard-Filme aus der maoistischen Phase. Dann macht sie selbst kleine Filme, "Gegenöffentlichkeit herstellen" nannte man das damals: alternative "Tagesschauen" drehen und in Kneipen zeigen.

Die junge Monika Treut will aber auch "lustvolle Filme sehen", von Frauen. Sie geht nach Hamburg, lässt sich für ein Frauenmedienzentrum abwerben, das es heute noch gibt (Bildwechsel), und lädt Ulrike Ottinger und Elfi Mikesch ein, die beide schon mit Filmen auf der Berlinale waren. Und: Sie geht zum ersten Mal nach New York, im Sommer 1983, mitten rein in die Kämpfe zwischen Frauenbewegung und "Lesbian Sex Mafia". Elfi Mikesch kommt zu Besuch, sie verlieben sich und schreiben zusammen das Drehbuch für "Die grausame Frau".

"Verführung: Die grausame Frau" war Monika Treuts Spielfilmdebüt
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"Verführung: Die grausame Frau" war Monika Treuts Spielfilmdebüt

Eineinhalb Jahre später stehen sie bei der Premiere des Films im Delphi vor den schimpfenden Männern: Zwei Frauen, die die Regie über ihre Lust übernommen haben. Ausgerechnet die "FAZ" lobt den Film und internationale Festivals zwischen Edinburgh und New York feiern ihn. Treut und Mikesch machen einen zweiten Versuch, "Die Jungfrauenmaschine", diesmal befreit vom akademischen Unterbau, spielerischer: Eine junge Journalistin sucht nach der romantischen Liebe, fliegt nach San Francisco, staunt über Dildosammlungen und Drag Kings, bezahlt schließlich 500 Dollar für eine Liebesnacht.

Der Film wird bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt, zum besten Termin. Helmut Schödel von der "Zeit" wünscht dem Film "Tod und Hass" und findet: "Filme wie der von Monika Treut vernichten das Kino." Die Kinobetreiber erschrecken sich über die Kritiken, der deutsche Verleiher springt ab. Monika Treut sieht diese Ablehnung heute gelassen: "Der deutsche Film kam damals nicht gut an im Ausland, und man überlegte sich, was ja zyklisch ist, wie man ihm helfen könne. Und es war klar, was ihm nicht hilft: 16 mm, Schwarzweiß und Lesben!"

Im Ausland kommt der Film aber glänzend an: In Toronto eröffnet "Die Jungfrauenmaschine" neben Cronenbergs "Die Unzertrennlichen" das Festival. Unter den US-Verleihern kann sich Treut einen aussuchen. In Deutschland dagegen ruft sie selbst in den Kinos an und muss sich anhören: "Oh, ist das nicht dieser schreckliche Film aus Hof?" Sie hat genug und geht wieder nach New York, diesmal für vier Jahre.

New York, 1989-92, bevor Giuliani Bürgermeister wurde. Es gibt noch Undergroundkneipen, wo man am Eingang nach Waffen durchsucht wird, Latinbars "mit irrsinnigen Drag Shows", Klubs für asiatische Lesben, Stripshows für Frauen, Annie Sprinkles Tittenballett. Treut saugt das alles auf und baut es ein, egal, ob in Spiel- oder Dokumentarfilme. Das Geld dafür kommt immer noch von der Hamburger Filmförderung.

Die große lesbische Liebesgeschichte, die vor allem die Szene in Deutschland von ihr erwartet, dreht sie nicht. Lesbischsein an sich war für sie nie ein Problem, das musste sie nicht in Filmen darstellen. Weil weibliche Romantik im Mainstreamschema doch auch den "männlichen Blick" bedient hätte? "Dazu hat Camille Paglia gesagt: 'Honey, es ist kein männlicher Blick, wenn ICH ihn verwende!' Wir konnten auch Frauen im Film mit Lust besetzen, uns nicht dabei objektiviert fühlen, das Machtverhältnis umdrehen. Aber normale Geschichten zu erzählen, hat mich nicht interessiert, auch nicht in Pornos: Hier ist die Geschäftsfrau, aufgebrezelt, machtbewusst, dann kommt die Fahrradkurierin, so richtig butch, und es macht zack. Man hat mich gefragt, so was zu drehen, für Frauen, aber das habe ich immer abgelehnt."

Von New York zurück nach Deutschland

Stattdessen kommt spätestens mit "Gendernauts" ein neues Thema in Treuts Filme: Genderfuturismus, Trans*Utopien, Menschen, die Geschlecht für eine überwindbare Kategorie halten. Woher kam das Interesse? "Ich habe mich nie zu 100 Prozent in meiner weiblichen Identität wohl gefühlt, war als Kind ein Tomboy, wollte nicht zur Frau werden müssen. Kurz habe ich auch überlegt, mich zu verändern, aber das war mir zu langwierig und zu selbstbezogen." Grabenkämpfe zwischen radikalen Feministinnen und Trans*frauen, wie sie gerade wieder in Berlin und den USA hochkommen, findet Treut schrecklich: "So geht das nicht weiter, vor allem heute, wo wir es mit diesem T-Mann zu tun haben, wo Rechte infrage gestellt werden. Da geht es darum, zu wissen, wo der Feind steht, die identitären Grenzen zu überwinden und zusammenzuarbeiten."

Was Treut während ihrer Zeit in New York weiter mit Deutschland verbindet, ist das Netzwerk der queeren FilmemacherInnen. Ulrike Ottinger ist das Vorbild: "Weil sie sich unerschrocken durch diese männliche Landschaft bewegt, sich von nichts hat abbringen lassen, bis heute: Ulrike macht was und geht da durch, egal, was passiert."

Von Rosa von Praunheim leiht sich Elfi Mikesch die Kamera, Werner Schroeter hilft bei Kontakten und schlägt Schauspielerinnen vor. Peter Kern und Udo Kier spielen in den Filmen mit. Eine informelle Szene, vielleicht die filmgeschichtlich wichtigste in Deutschland zwischen Neuem Deutschen Film und Berliner Schule. Es war aber noch nicht die Zeit für Publicity-wirksame Zusammenschlüsse à la Dogma 95. "Heute würden wir wahrscheinlich zusammen eine Produktionsfirma gründen", so Treut.

1992 zieht es Treut nach Deutschland zurück, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als das New Queer Cinema in den USA gerade spannend wird. "Die Mauer war gefallen, Deutschland veränderte sich, wurde wieder interessant. Eine amerikanische Freundin rief mich an, ich solle ABC einschalten, da sah ich die Ossis auf der Mauer sitzen. Ein Jahr später kamen sie schon rüber nach New York, haben bei mir übernachtet, waren vernetzt und machten Kontakte, wollten mit Macht rein in den Westen, das hat mich sehr beeindruckt."

"Gendernauts - Eine Reise durch die Geschlechter" von Monika Treut
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"Gendernauts - Eine Reise durch die Geschlechter" von Monika Treut

Aber auch Treut bleibt nicht in Deutschland hängen: Sie dreht Filme über unangepasste Frauen in Taiwan und Brasilien, unterrichtet immer wieder in den USA, hilft, gibt Ratschläge, tauscht sich aus, ist in der "Pro Quote Regie"-Bewegung aktiv. Ihre ehemalige Studentin Laura Nix gilt heute als Riesentalent.

Das informelle queere Filmnetzwerk gibt es noch. Und jetzt wird Monika Treut mit dem Special Teddy Award geehrt, einem Preis der schwul-lesbischen Programmreihe der Berlinale. Eine späte Würdigung durch die Schwulen und Lesben und die deutsche Filmszene für eine Künstlerin, die queere Filme machte, bevor es den Begriff gab.

"Ich finde das wunderbar, denn es war immer noch so ein bisschen Kritik da. Nach dem ersten Film, den ich in Brasilien gemacht hatte, hörte ich: 'Den nächsten macht sie bestimmt in Afrika.' Man hat das nicht verstanden: Was will sie denn da? Und jetzt ist klar, dass das irgendwie zusammenpasst. Selbst wenn ich in Taiwan einen Film über drei Frauen drehe, wo die Geschichte dieses international nicht akzeptierten Landes miterzählt wird, hat das ja damit zu tun, dass wir kritisch auf die Welt schauen müssen und auch sehen, wie die Situation von Frauen durch politische und historische Verhältnisse beeinflusst werden." Aber hat ihr diese Art von Kritik je etwas ausgemacht? "Eigentlich nicht, weil ich so ein dickköpfiges, individuelles Wesen bin. Widerstand hat ja eine Bedeutung: Man hat wieder ein Tabuthema gefunden."

Das war gleich beim ersten Film so, als die deutsche Filmförderung, die noch dem Innenministerium unterstand, Nachfragen stellte: "Wie wollen Sie denn die Szene 'Lass mich deine Toilette sein' filmisch umsetzen?" Wäre Treut darauf eingegangen - "Die grausame Frau" wäre vielleicht nie entstanden. Aber sie merkte, dass damals eine neue Darstellung von Sexualität verhindert werden sollte, durch ein Ministerium, das sich gleichzeitig um Polizei, innere Sicherheit und die Filmkultur kümmerte.

Heute werden die Absagen ökonomisch begründet, weiß Treut. Da kriegt sie einen Brief, in dem steht, sie brauche gar nicht erst einen Antrag auf Förderung einzureichen, sie mache ja ohnehin nur Festivalfilme. Für die wird sie heute ausgezeichnet, auf ihrer 41. Berlinale.



insgesamt 3 Beiträge
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mitchreader 17.02.2017
1. Glückwunsch!
Es hat mich sehr gefreut von dieser Auszeichnung an Frau Treut gehört zu haben und ich freue mich auch sehr, dass ich ihren Film "My Father is coming" sehen konnte. Der Herr im Foto ist übrigens Alfred Edel, den ich seit ich ihn in Alexander Kluges Filmen sah, immer bewundert habe. Ein sehr ehrlicher Film mit einer großen Portion Humor! Weiter so Frau Treut! Danke!
bmvjr 18.02.2017
2. Herausragend
Alles, was nicht in die Kategorie Fast Food Filme passt ist einen zweiten Blick wert. Filme, die dann auch noch zum Nachdenken anregen, vielleicht sogar einen dritten. Und da gehoeren Auszeichnungen hin, nicht an die vorgekauten Blockbuster, die man auch durch einen visuellen Strohhalm aufnehmen und genauso schnell wieder ausscheiden kann.
geando 18.02.2017
3. Liebe Zensur
Ich hatte im Forum zu diesem Artikel einen Kommentar hinterlassen, der von einer anderen ForistIn ebenfalls kommentiert wurde. Diese Kommentare waren weder unsachlich, noch haben sie die Nettiquette verletzt. Nun sind diese Kommentare aber nach etwa 24 Stunden einfach verschwunden, verblieben sind nur noch zwei harmlos positive Kommentare. Was soll das, diese Form der Zensur? Hat das irgendwem nicht in den Kram gepasst? Ich schätze allerdings, das diese Feststellung hier ebenfalls nicht veröffentlicht wird...
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