Schul-Drama "Monsieur Lazhar": Respekt für diesen Lehrer!

Von David Kleingers

Ein älterer Asylbewerber und traumatisierte Grundschüler haben sich nichts zu sagen - oder? Im franko-kanadischen Drama "Monsieur Lazhar" wird aus Fremdheit bald Vertrauen. Ein anrührender Film - gerade wegen seiner unsentimentalen Erzählweise.

"La peau de chagrin" von Honoré de Balzac ist fraglos ein großer Roman. Nur das interessiert die elf- bis zwölfjährigen Schüler einer kanadischen Grundschule herzlich wenig, als sie eine Passage des anspruchsvollen Textes als Diktat serviert bekommen. Überhaupt, was ist ein Chagrinleder? Und, wie einer der protestierenden Schüler anmerkt, was soll dieses prähistorische Französisch?

Aber Bachir Lazhar (Mohamed Fellag) lässt sich durch derlei Einwürfe nicht beirren, auch wenn sein erster Tag als Ersatzlehrer in Montréal damit einen holprigen Anfang nimmt. Einfach ist ohnehin nichts in Philippe Falardeaus wunderbarem Film "Monsieur Lazhar", denn sowohl der literaturbeflissene Pädagoge als auch seine Klasse bringen weitaus größere Probleme als die Rechtschreibung mit in den Unterricht: Die vorherige Lehrerin der Kinder hat Selbstmord begangen; sie erhängte sich im Klassenzimmer, und die Leiche wurde zu Stundenbeginn von ihrem Schüler Simon (Émilien Néron) entdeckt.

Lazhar liest die Todesanzeige und stellt sich kurzerhand bei der Direktorin vor, denn schließlich brauche die Schule doch nun dringend eine Vertretung. Und überrumpelt von dieser unorthodoxen Initiativbewerbung stellt sie den Immigranten aus Algerien tatsächlich ein.

Das Klassenzimmer als Schutzraum vor der Außenwelt

So steht der in jeder Hinsicht fremde Mitfünfziger mit dem klassischen Bildungshintergrund plötzlich vor traumatisierten Kindern, die im fortschrittlichen Schulsystem zwar eine eigene psychologische Betreuung bekommen, jedoch von den wohlmeinenden Erwachsenen keine Antworten auf ihre drängenden Fragen. Dass nun ausgerechnet der höflich-steife Lazhar bei dieser Trauerarbeit helfen könnte, scheint zunächst höchst fraglich. Das Balzac-Diktat markiert schließlich nicht die einzige Verständigungshürde: Der heimelige Halbkreis der Schulpulte wird von Lazhar zugunsten einer strengen Frontalausrichtung aufgelöst, und weder der Zweck farbenfroher Wanddekorationen noch der Sinn der hochsensiblen Erziehungsstandards, die unter anderem jeglichen Körperkontakt zwischen Lehrern und Schülern sanktionieren, erschließen sich ihm zu Beginn.

Aber weder die neuen Kollegen noch die Kinder ahnen, dass Monsieur Lazhar sehr wohl um die lähmende Natur des Verlusts weiß. Abseits des Schulalltags muss er bei der Einwanderungsbehörde für seine Anerkennung als politischer Flüchtling vorsprechen. Eine bedrückende Anhörung rekapituliert den gewaltsamen Tod von Lazhars Frau und Kindern in Algerien; sie macht in grausamer Nüchternheit verständlich, warum sich dieser Mann in ein unsichtbares Korsett aus Diskretion und Disziplin einschnürt, um seinen uferlosen Schmerz einzudämmen.

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"Monsieur Lazhar": Schuldrama jenseits aller Paukerklischees
Darum erkennt Bachir Lazhar so klar die Not seiner Schüler, die sich durch den Freitod der beliebten Lehrerin beschämt, betrogen, ja beraubt sehen. Besonders der renitente Simon und Alice (Sophie Nélisse), die den neuen Lehrer mit ihrer ernsten Selbstreflexion verblüfft, tragen schwer an der Last widersprüchlicher Gefühle. In Lazhar finden sie jemanden, der sie als mündige Individuen sieht, denen man die Bürde der Auseinandersetzung mit dem Tod nicht einfach abnehmen darf.

Ohne falsche Sentimentalität zeigt Falardeau, wie die gezeichneten Kinder und der seelisch versehrte Lazhar einander zu stützen lernen. Dabei deklassiert sein Film en passant alle bekannten rührseligen Paukerdramen, denn statt in großen Gesten und Worten eine erbauliche Botschaft zu verkünden, lässt "Monsieur Lazhar" den Figuren und den Zuschauern in seinen genau beobachteten Szenen Raum, ihre eigene Sicht auf das Wesentliche zu entwickeln.

Im Schutz des Klassenzimmers

In dem vor allem in Frankreich populären Dramatiker, Theaterschauspieler und Romanautoren Fellag, der selbst in den neunziger Jahren Algerien wegen der dortigen Unruhen verlassen musste, hat Falardeau hiefür einen nachgerade perfekten Hauptdarsteller gefunden: Fellag spielt Bachir Lazhar mit beredter Zurückhaltung, Empathie und einem leisen Witz, der tröstlich und schützend zugleich ist. Wenn er jedoch Einspruch erhebt, dann unmissverständlich: Als eine weitgereiste und rührig Ethno-begeisterte Kollegin meint, das Exil sei doch auch im Grunde eine aufregende Reise, erinnert er sie prägnant an den Unterschied zwischen einem Abenteuerurlaub und dem Schicksal der Heimatlosen ohne gültige Papiere.

Vielleicht noch beeindruckender ist die Besetzung der Schüler, die allesamt frei von den landläufigen Manierismen minderjähriger Darsteller agieren. Dass er ein genuines Verständnis für die oft sträflich verniedlichte Lebenswirklichkeit von Kindern besitzt, hat Philippe Falardeau bereits 2008 mit seinem großartigen Jugendporträt "C'est pas moi, je le jure!" bewiesen. Während die Geschichte eines rebellischen Heranwachsenden im ländlichen Québec auch durch das detailverliebte Sixties-Produktionsdesign bestach, zeitigt die Inszenierung in "Monsieur Lazhar" eine quasi-dokumentarische Sicht auf den Schulbetrieb und das Klassenzimmer als einzigartigen, vor den Repressionen der Außenwelt geschützten Raum.

Was Lazhar und seine Schüler darin im Austausch miteinander erfahren, ist gerade ob des Verzichts auf orchestrierte Gefühlsbekundungen ergreifend. Wenn dann sämtliche Klischees bravourös umschifft sind, fließen am Ende doch unvermittelt und aufrichtig die Tränen. Ohne Frage, als lebensbejahende Lektion über wechselseitigen Respekt und die unantastbare Würde des Einzelnen ist "Monsieur Lazhar" eine Klasse für sich.

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1. Super Film!
Solschenizyn 14.04.2012
Zitat von sysopEin älterer Asylant und traumatisierte Grundschüler haben sich nichts zu sagen - oder? Im franko-kanadischen Drama "Monsieur Lazhar" wird aus Fremdheit bald Vertrauen. Ein anrührender Film - gerade wegen seiner unsentimentalen Erzählweise. Schul-Drama "Monsieur Lazhar": Respekt für diesen Lehrer! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,827097,00.html)
Diese positive Kritik hat mich sehr gefreut. Wirklich ein toller Film, für mich einer der besten der letzten Jahre. Die Geschichte ist lustig, traurig und nie langweilig. Ganz großartig auch die erst 11-jährige Sophie Nélisse, die sogar einen Preis für ihre tolle Leistung bekommen hat: Monsieur Lazhar – ab morgen im Kino « ziegenhodensuppe (http://ziegenhodensuppe.wordpress.com/2012/04/11/monsieur-lazhar-ab-morgen-im-kino/)
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Monsieur Lazhar

CDN 2011

Buch und Regie: Philippe Falardeau

Darsteller: Fellag, Sophie Nélisse, Émilien Néron, Danielle Proulx

Produktion: Micro Scope

Verleih: Arsenal

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 12. April 2012