"Monster" Ungeheuer schön

Patty Jenkins' Debütfilm "Monster" erzählt angenehm unsentimental die Geschichte der Serienkillerin Aileen Wuornos. Überschattet wird die bittere Story jedoch durch die Hauptdarstellerin Charlize Theron. Für ihre Verkleidung als hässliches Entlein der US-Gesellschaft gewann sie einen Oscar.

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Charlize Theron als Aileen Wournos: Ungelenke blonde Frau
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Charlize Theron als Aileen Wournos: Ungelenke blonde Frau

"Du bist so schön. Darf ich dein Gesicht berühren?", fragt die schüchterne Selby ihre neue Freundin Aileen. Die Szene ist verstörend und faszinierend zugleich. Denn Aileen, eine heruntergekommene Prostituierte mit fleckiger Gesichtshaut, Übergewicht und einem verbitterten Mund, ist alles andere als schön. Doch Selby, gespielt von der filigranen Christina Ricci, sieht in der massigen und ungelenken blonden Frau, in die sie sich verliebt hat, mehr als wir. Liebe macht blind.

Die Regisseurin Patty Jenkins, die auch das Drehbuch zu "Monster" selbst schrieb, nimmt in ihrem Debütfilm die Hand ihres Publikums und führt sie an das abstoßende Gesicht einer Serienmörderin heran. Unter den Narben der entstellten Frau sollen wir die verborgene Schönheit fühlen.

Woher diese vom Leben zugefügten Narben stammen, darüber lässt uns Jenkins allerdings weit gehend im Dunkeln. Es war der Dokumentarfilmer Nick Broomfield, der in seinen beiden Filmen über Aileen Wuornos (u.a. "Aileen: Life and Death of a Serial Killer", 2003) die haarsträubende Kindheit der späteren Mörderin beschrieb. Gerüchten zufolge war ihr Großvater ihr wahrer Erzeuger, so dass sie von ihrem Vater - womöglich aus Rache - schon als Kind misshandelt wurde. Er brachte sich im Gefängnis um, als Aileen 13 Jahren alt war. Etwa zur selben Zeit, laut Broomfield unterhielt sie auch noch ein inzestuöses Verhältnis zu einem ihrer Brüder, lief sie von Zuhause fort und lebte wie ein Tier in den Wäldern, bevor sie begann, sich zu prostituieren.

Szene aus "Monster" (mit Christina Ricci, Charlize Theron): "Darf ich dein Gesicht berühren?"
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Szene aus "Monster" (mit Christina Ricci, Charlize Theron): "Darf ich dein Gesicht berühren?"

Der Rest der Geschichte machte Schlagzeilen: Die obdachlose Hure Aileen Wuornos ermordete Ende der achtziger Jahre sieben ihrer Freier mit einer großkalibrigen Schusswaffe. Als sie zum Tode verurteilt wurde, sprang sie wutentbrannt im Gerichtsaal auf und schrie die Richter an, was ihnen einfiele, eine Frau, die vergewaltigt wurde, in den Tod zu schicken. Amerika war brüskiert und schockiert über eine der wenigen Serienkillerinnen in der Geschichte des Verbrechens.

"Monster" hatten sie Aileen Wournos damals in den Boulevardblättern getauft, ein Name, den Jenkins auch über ihren Film schreibt. Darin jedoch kommt das Monster nur in einer der selten eingestreuten Jugenderinnerungen Aileens vor, es ist der Spitzname eines Riesenrads, das sich riesenhaft über ihren kleinen Heimatort in Michigan erhebt - so glitzernd, groß und glamourös, wie Aileen sich selbst gerne gesehen hätte.

Doch all das interessiert Patty Jenkins nur am Rande. Die Regisseurin will nicht wissen, warum Wuornos zur Mörderin wurde, sie deutet das Trauma der Kindheit nur an, sie fragt auch nicht nach der Verantwortung der amerikanischen Gesellschaft, die verarmte Familien wie Aileens, so genannten "white trash", verwahrlosen lässt, ohne einzuschreiten.

Am Anfang des Films sehen wir Aileen unter einer Autobahnbrücke sitzen. Es regnet. Sie ist schmutzig, ein menschlicher Lappen, mit dem man einmal zu oft den Fußboden gewischt hat. In der Hand hält sie einen Revolver, sie will ihrem jämmerlichen Leben ein Ende bereiten. Durch einen Zufall tritt dann die junge Selby in ihr Leben, ein verhuschtes Mittelstandsmädchen, das sich wegen ihrer lesbischen Neigung ausgegrenzt und missverstanden fühlt. Allein durch ihre Wärme und Zuneigung schafft sie es, dass Aileen, beileibe frei von homosexueller Neigung, sich in sie verliebt. Es ist das letzte Aufbäumen der Gefühle, die allerletzte Chance, und Aileen ergreift sie mit wilder Entschlossenheit.

Aileen Wuornos (C. Theron) vor Gericht: Das letzte Aufbäumen der Gefühle
3L Filmverleih / AP

Aileen Wuornos (C. Theron) vor Gericht: Das letzte Aufbäumen der Gefühle

Die grobschlächtige Hure nimmt ihre neue Gefährtin machohaft unter die Fittiche, verspricht ihr, für sie zu sorgen, entwirft Träume von Freiheit, Liebe und Neuanfang. Aileens Plan vom Leben ohne Prostitution ist jedoch schnell dahin. Ohne Schulabschluss ist ein ehrlicher Job schwer zu finden. Bald muss sie wieder anschaffen gehen, um Selby und sich durchzubringen.

Was folgt, wird von Jenkins als brutale Klimax inszeniert. Aileen wird von einem Freier vergewaltigt und fast zu Tode geprügelt. Mit letzter Kraft zieht sie ihre Waffe und entleert fast das gesamte Magazin auf den Angreifer, richtet ihn hin. Sechs weitere Männer werden ihm folgen.

Es ist keine Katharsis, die hier gezeigt wird. Aileen ist keine stahlharte Rächerin wie Linda Hamilton in "Terminator" oder Sigourney Weaver in "Alien". Nach dem ersten Mord, der auch als Notwehr durchgehen könnte, bricht sie in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung zusammen. Kaltblütig habe sie ihre Opfer umgebracht, sagte die echte Aileen einst. Bei Jenkins ist davon nichts zu sehen. Ihr letztes Opfer ist ein Familienvater, der herzerweichend um sein Leben fleht. Sie drückt trotzdem ab, doch der Schmerz, die Überwindung, der Horror vor sich selbst, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Nach der Tat klaut Aileen Auto und Geld der Getöteten und kehrt zu Selby zurück, spielt ihr mühevoll eine heile Welt vor.

Die Blase zerplatzt, als sich Selby von der umklammernden Liebe Aileens erdrückt fühlt und von den Morden erfährt. Die Killerin wird verhaftet, ihre Gefährtin verrät sie, um sich selbst vor der Zerstörung zu schützen.

Oscar-Gewinnerin Theron: Unnötige Verkleidung
AP

Oscar-Gewinnerin Theron: Unnötige Verkleidung

"Monster" erzählt diese Geschichte didaktisch und ohne viele Kunstgriffe. Zuweilen wähnt man sich gar in einem fürs Fernsehen produzierten B-Movie, das Primär-Emotionen befriedigen soll. Doch damit täte man der Regisseurin Unrecht, die keinerlei Voyeurismus zulässt. Selbst die dramaturgisch wichtige Liebesszene zwischen Selby und Aileen zeigt sie ohne unnötige Freizügigkeit. Die Geschlechtergrenze verwischt hier nur aus der Logik heraus, dass die von Männern geschundene Aileen nur bei einer - noch dazu kindlich wirkenden - Frau Geborgenheit finden kann. Die lesbische Liebe ist kein Skandal, wie er gewöhnlich im TV inszeniert wird, sondern ein Symptom für den Hunger nach Liebe.

Geschuldet ist die Überzeugungskraft der Charaktere auch den Darstellerinnen, vor allem Charlize Theron. Viel ist über den Mut des bildschönen Ex-Models geschrieben worden, sich für die Rolle 15 Kilo anzufressen und eine hässliche Fratze schminken zu lassen. Im Film stören diese Attribute des "method acting" allerdings eher, als dass sie zur Ausformung der Figur Aileen Wuornos beitragen. Viel zu viel Zeit verbringt man in der ersten Hälfte des Films damit, unter der Maske nach den vertrauten Zügen Therons zu suchen. Das lenkt ab, vor allem von der schauspielerischen Leistung der Südafrikanerin, die ihrer Aileen mit einigen burschikosen Gesten, ungelenkem Gang und fahrigen Blicken Leben einhaucht. Das hätte auch ohne gelb gefärbtes, strähniges Haar und Übergewicht funktioniert. Nur den Oscar hätte es dafür eben nicht gegeben.

So wird "Monster" am Ende leider doch zum Panoptikum, das die angeschminkte Hässlichkeit Therons ausstellt und zur Sensation macht. Dahinter verblasst die lakonisch und unsentimental erzählte Geschichte einer chancenlosen Frau, deren Gefühle außer Kontrolle geraten. Man muss ihr Gesicht nicht berühren, um zu entdecken, dass sich eine der schönsten Frauen Hollywoods unter dem Make-up verbirgt. Man weiß es schon.

Charlize Theron ist für ihre Verkleidung als hässliches Entlein mit einem Oscar belohnt worden. Aileen Wuornos wurde im Oktober 2002 mit einer Giftspritze hingerichtet.


Monster


USA 2003. Regie/Buch: Patty Jenkins. Darsteller: Charlize Theron, Christina Ricci, Bruce Dern, Pruitt Taylor Vince, Scott Wilson. Produktion: MDP Worldwide, DEJ Productions, Denver and Delilah Productions, Media 8 Entertainment u.a.. Verleih: e-m-s New Media. Länge: 109 Minuten. Start: 15. April 2004



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