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Monsterfilm "The Host": Das große Fressen

Von Uh-Young Kim

Ein Monster, das Touristenmassen verschlingt. Ein Film, der sich alle möglichen Themen einverleibt - von Terrorkampf bis Fremdenhass. Viel Spaß mit "The Host", einem bestialisch guten B-Movie aus Südkorea.

Am Ufer des Han-Flusses drängelt sich eine Schar von Schaulustigen, um nach dem Ding Ausschau zu halten, das gerade ins Wasser gesprungen ist. Neugierig versuchen sie es mit Bierdosen und Snacks zu ködern. Was anbeißt, ist jedoch keine seltene Fischart, sondern ein glitschiges Ungetüm, das erstmal ein paar der Gaffer verspeist. In einem rasenden Amoklauf berserkert das amorphe Viech über das Freizeitidyll, bis es wieder in die Tiefe abtaucht. "Jurassic Park" war gestern, "The Host" heißt Sie herzlich willkommen in Seoul.
Anders als Hollywoods Kathastrophenapologeten spannt Regisseur Joon-Ho Bong seine Zuschauer nicht lange auf die Folter. Keine Viertelstunde vergeht, bis das titelgebende Monster bei Tageslicht in all seiner Abscheulichkeit zu bestaunen ist. Die mutierte Killeramphibie ist dem Menschen in allen Elementen überlegen: wie "Der weiße Hai" schnellt sie durchs Wasser, trampelt gleich einem blutrünstigen Tyrannosaurus über Wohnwägen hinweg und hangelt sich mit seinem Schwanz anmutig an Brückenstreben durch die Lüfte.

Nicht nur, aber vor allem wegen des CGI-Kunststücks, durch das die Kreatur zum Leben erweckt wurde, ist der Horrorfilm der erfolgreichste Kassenschlager aus den blühenden Kinolandschaften Südkoreas geworden. Verantwortlich für den schaurigen Weichkörper des Riesenlurchs zeichnen Weta Digital ("Herr der Ringe", "King Kong") und The Orphanage ("Harry Potter"). Seit "The Host" letztes Jahr in Cannes gezeigt wurde, geht er auf Filmfestivals weg wie geschnitten Sushi. Allein die Effekte jedoch haben "The Host" nicht den Ruf des Meisterwerks beschert.

Unbekümmert überschreitet Regisseur Bong die Formel des Monster-Genres aus Entsetzen, Kampf und Vernichtung mit melodramatischem Pathos, Slapstick-Szenen und sozialkritischen Seitenhieben. Die Rahmenhandlung bildet die Rettungsaktion der mutterlosen Familie Park, deren jüngstes Mitglied - das Mädchen Hyun-Seo – vom Monster zum späteren Verzehr in eine Grube verschleppt wurde. Ihre tragische Komik beziehen die Antihelden aus der Nutzlosigkeit des Vaters Gang-Du sowie den Unzulänglichkeiten eines kastrierten Patriarchs, des prekarisierten Onkels und der Tante, die als Bogenschützin unter Ladehemmungen leidet. Treffend wurde der Kampf der disfunktionalen Sippschaft gegen die Bestie schon als "Little Miss Sunshine trifft auf Godzilla" bezeichnet.

Das Andere mal anders

Die nukleare Riesenechse aus Japan kehrt im koreanischen "Host" als Folge fieser Umweltverschmutzung wider: Hier befiehlt ein amerikanischer Wissenschaftler auf einem U.S.-Militärstützpunkt, giftige Chemikalien in den Han zu kippen. Anfang 2000 entzündete ein ähnlicher Vorfall antiamerikanische Proteste in Korea. Zudem ist das Ökosystem des Flusses bereits vor Jahrzehnten dem Wirtschaftsboom der Halbinsel zum Opfer gefallen. Im Film erscheint der Han als Kloake unter der Schmutzglocke von Seoul. Sechs Jahre nach dem Ökoverbrechen geht die Riesenkaulquappe mit dem unstillbaren Appetit an Land.

Von King Kong über Godzilla bis Alien ist das Monster unter anderem ein filmisches Zeichen für das Unmenschliche, das Andere und Fremde gewesen, das von der Norm abweicht. Sei es als Platzhalter für das Naturwüchsige in einer technologisierten Welt, als traumatischer Agent der atomaren Gefahr im Kalten Krieg oder als mit weiblichen Attributen versehene Bedrohung der männlichen Ordnung.

Dass "The Host" mit der Herrschaftsideologie des Monsterfilms bricht, wird mit der Einmischung des Komplexes aus Militär, Staatsbürokratie und Medien deutlich. Ein mysteriöser Virus soll vom Monster ausgehen. Im hilflosen Aktionismus zur Wiederherstellung der Kontrolle werden die Parks zuerst nicht ernst genommen und später als vermeintlich Infizierte verfolgt.

Während der Staats- und Medienapparat so seine eigenen Monströsitäten entblößt, nähern sich die Parks der Kreatur immer mehr an. Zunächst in der symbolischen Ordnung als Versuchsobjekte und Gejagte, aber auch auf der molekularen Ebene durch die virale Ansteckung, die sie immun gegen die medizinischen Eingriffe und Biowaffen des Militärs macht.

Monsterfilm als Themenverschlinger

Derweil füllt der "Host" seine Speisekammer. Immer aussichtsloser wird die Situation der kleinen Hyun-Seo, die sich ein nervenaufreibendes Katz- und Mausspiel mit dem Monster liefert. Auch hier verzichtet der Film auf gängige Klischees, für einen Blockbuster hinterlässt er sogar ungewöhnlich viele Leerstellen. So spuckt der Mutant seine noch unverdauten Opfer wie in einem Geburtsakt aus, um sie zu bunkern. Manchmal beobachtet es das Mädchen. Hinter dem gequälten Blick könnte gar die prometheische Frage schlummern, was es heißt, ein Mensch zu sein.

In das genredehnende Horrordrama werden zudem regionale Themen wie der Umbruch des klassischen Familienmodells, Studentenproteste oder der paternalistische Einfluss der U.S.A. eingespeist. Als geopolitische Allegorie hinterfragt der Film die offiziellen Gründe der Hetzjagd. In dessen Verlauf werden unverhältnismäßige Maßnahmen ergriffen sowie Angst und Paranoia in der Bevölkerung geschürt, während das Monster selbst immer mehr zum Phantom wird. Auf bizarre Weise kreuzt sich hier die Massenhysterie beim Vogelgrippe-Virus SARS mit den Scheingefechten im Krieg gegen den Terrorismus. Das Andere ist nicht mehr lokalisierbar, der Feind kommt direkt aus dem Inneren.

Glücklicherweise verstrickt sich "The Host" nicht allzu sehr in der politischen Großwetterlage. Vielmehr lässt er aktuelle Verschiebungen geschickt ins filmische Handwerk einfließen. So bricht die Gewalt in den Actionszenen unmittelbar, extrem nah und überraschend aus. Der Terror heftet sich in tracking shots an die Fersen des Zuschauers, die Massenpanik ist beunruhigend subjektiv und chaotisch eingefangen. Dem gegenüber stehen kunstvoll choreographierte Szenen, wie die Turnübungen des Monsters in den Stahlkonstruktionen und das apokalyptische Ballett zum Finale.

Bong weiß eben, dass zu viel Moral den Spaß verderben kann. Und ein Happy End überlässt er lieber dem unvermeidlichen Hollywood-Remake.

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