"Moonlight"-Regisseur Barry Jenkins "Hollywood ist viel weiter, als man glaubt"

Ein Film über schwule, schwarze Lebenswirklichkeit gewinnt den Oscar: "Moonlight"-Regisseur Barry Jenkins über seine eigene Kindheit im Problemviertel Liberty City und Hollywoods Weg zu mehr Diversität.

Ein Interview von


Zur Person
  • AP
    Barry Jenkins, 1979 in Miami, Florida geboren, wuchs im sozial schwachen Stadtteil Liberty City auf, das auch Schauplatz von "Moonlight" ist. Sein Regie-Debüt "Medicine For Melancholy" bekam 2008 viel Kritikerlob, allerdings dauerte es acht Jahre, bis Jenkins erneut einen Spielfilm drehen konnte. Zwischendurch arbeitete er unter anderem als Autor für die HBO-Serie "The Leftovers". Für den semi-autobiografischen "Moonlight", basierend auf einem Theaterstück von Tarell Alvin McCraney, der ebenfalls aus Liberty City stammt, gewann Jenkins 2017 den Golden Globe für das beste Drama sowie Oscars für das beste adaptierte Drehbuch und den besten Film. Barry Jenkins lebt in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Jenkins, Sie waren bisher eher ein Außenseiter in der Filmbranche. Wie fühlt es sich an, jetzt mit einem Film wie "Moonlight" von Hollywood anerkannt und gefeiert zu werden?

Jenkins: Ich habe damit schlicht nicht gerechnet. Dieser Film ist... besonders ist das falsche Wort, sagen wir: anders. Wir haben ihn ganz ohne Hoffnungen und Erwartungen an irgendwelche Preise gemacht, ganz zu schweigen vom Oscar. Wir waren wie isoliert, ganz auf uns konzentriert. Es ging nicht so sehr um das Ergebnis, sondern um den Prozess, diesen Film zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn der Erfolg von "Moonlight" ein Zeichen dafür, dass sich Hollywood verändert?

Jenkins: Das ist lustig, wir werden nie als Hollywoodfilm betrachtet, dabei steht auf dem Poster für alle sichtbar "Plan B", Brad Pitts Produktionsfirma. Und auch A24, unser anderer Produzent, ist ein neue Hollywoodfirma. In der Gesellschaft betrachten wir Hollywood gerne als monolithisch: Da gibt es Superhelden und diese großen Prestige-Filme mit weißen Stars. Und dann gibt es aber eben auch einen Film wie "Moonlight", der, zumindest in dieser Award Season, sich ganz komfortabel einfügt. Für mich ist das ein Indikator, dass Hollywood schon viel weiter ist, als es allgemein angenommen wird.

Hier beugt sich Barry Jenkins über das Mikro und buchstabiert auf Englisch: "W-i-d-e-r - not whiter"

SPIEGEL ONLINE: Ein Film wie "Moonlight" kommt zur rechten Zeit nach der für die Academy unangenehmen "Oscars so white"-Debatte. Können Sie unterscheiden zwischen echter Anerkennung für Ihren Film und sogenanntem Tokenism, also einer symbolträchtigen Alibi-Wertschätzung?

Jenkins: Damit habe ich gar keine Probleme, denn ich habe mir sehr bewusst klargemacht, was ich über meinen Film denke und fühle, bevor irgendjemand anderes ihn gesehen hat. Auf dieses Gefühl kann ich nun jederzeit zurückgreifen, denn es gibt ja auch eine andere Version der Geschichte - und in der hat es keine Preise für "Moonlight" gegeben. Mein Stolz auf den Film soll aber derselbe sein, egal, was wir gewinnen und wie der Film aufgenommen wird. Ich versuche mich da so gut es geht zu schützen.

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"Moonlight": Liberty City Blues

SPIEGEL ONLINE: Aber der Symbolgehalt Ihres Films für die Diskussion um mehr Diversität in Hollywood und bei den Oscars ist Ihnen bewusst?

Jenkins: Ich habe mit vielen Freunden darüber gesprochen, die mich ständig daran erinnern, dass ich vor allem einen guten Film gemacht habe. Aber darüber hinaus: Ich bin auf Twitter, Facebook, Instagram - und ich bekomme täglich Nachrichten von jungen Menschen aus aller Welt, Brasilien, Mexiko, Tokio, London, Paris, Berlin, überall in den USA. Diese Kids waren im Kino - und als sie herauskamen, texteten sie mir: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mich selbst in einem Film wiedererkennen würde." Das ist echt, das ist real! Keine öffentliche Debatte verändert sich dadurch, dass mir ein Fremder eine Nachricht auf mein Telefon schickt. Das macht es sehr einfach für mich, zu erinnern, worum es wirklich geht. Und dann wiederum ist mir sehr klar: Je mehr Preise wir gewinnen, je mehr Aufmerksamkeit es für "Moonlight" gibt, desto mehr werden ihn sich vielleicht ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht auffällig, dass in diesem Jahr so viele "schwarze" Filme und Darsteller nominiert wurden? Was wäre denn passiert, wenn keiner von Ihnen einen Preis bekommen hätte?

Jenkins: Ganz unabhängig von den Filmen: Die Leute wären angepisst! Aber wichtig ist, festzuhalten, dass es jahrzehntelang so war, dass Filme, die ein gewisses Gesicht, eine bestimmte Stimme hatten, automatisch als minderwertig deklariert wurden - im Vergleich zu den anderen Filmen. Deshalb habe ich kein Problem damit, wenn man solche Dinge ausbalanciert. Keiner der jetzt nominierten Filme wurde in den vergangenen elf Monaten gemacht, die meisten brauchten vier, fünf Jahre, "Fences" war 20 Jahre lang in Arbeit. Sie alle datieren auf einen Punkt vor "Oscars so white" zurück. Sie wurden nicht gedreht, um die Gelegenheit einer öffentlichen Debatte beim Schopf zu ergreifen. Das ist ein sehr komplexes Thema, bei dem es schnell unfair wird, für alle beteiligten Filme.

SPIEGEL ONLINE: Weil das Kunstwerk für sich bewertet werden muss - nicht als politischer Gegenstand oder Quotengarant?

Jenkins: Genau! Kunst zu betrachten oder zu bewerten, ist keine Mathematik, sondern ein sehr subjektiver Vorgang. Ich glaube fest daran, dass der Abstand zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter geringer wird, je eher man sich selbst darin erkennt. Und weil das so ist, wird sich ein weißer Zuschauer einem Film mit weißen Darstellern grundsätzlich näher fühlen. Andersherum genauso: Schwarze fühlen weniger Distanz zu Schwarzen, Asiaten zu Asiaten, und so weiter. Aber: Je öfter wir Kunst wahrnehmen, in denen andere vorkommen, desto mehr verkürzt sich dieser Abstand. Im Moment führen wir eine Diskussion, die sich im Kopf jedes Academy-Mitglieds vor dem Voting abspielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Jenkins: Was für ein schrecklicher Druck für die Oscar-Voter! Ich hätte keine Ahnung, wie man damit umgehen soll. Es ist ja schwer genug, ohne diese zusätzliche Ebene zwischen zwei, fünf oder gar 20 Kunstwerken zu entscheiden. Ich kann nur hoffen, dass es in drei, vier oder fünf Jahren leichter sein wird. Wenn es dann nicht sogar überflüssig ist, solche Überlegungen anzustellen wie wir hier gerade.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film wirft einen einzigartigen, sehr gefühlvollen Blick auf die Lebenswirklichkeit afroamerikanischer Menschen. Wie würden Sie diese "Black experience" nicht-amerikanischen Zuschauern erklären?

Jenkins: Wenn man alles zusammennimmt, die Erzählung, das Visuelle, die Musik, ist es eine Feier des Schwarzseins. Ich zeige sowohl die Schönheit, zum Beispiel die Haut der Darsteller, wie sie im Mondlicht ganz reichhaltig glänzt. Aber es gibt auch einige sehr harte, düstere Dinge, unter anderem, wenn es um die von Naomie Harris gespielte Mutterfigur geht. Ich wollte diese Wahrheiten nicht verschweigen, beides gehört dazu. In meiner eigenen schwarzen Kindheit gab es solche dunklen Seiten, aber auch diese extreme Schönheit. "Moonlight" ist mein Kommentar zu einer sehr komplexen, aber auch sehr schönen Erfahrung von Blackness, die ich als Heranwachsender in dieser marginalisierten, depressiven schwarzen Gemeinde in Amerika gemacht habe. Es ist ein sehr zärtliches Stück afroamerikanischer Kunst. Niemand würde auf die Idee kommen, "Moonlight" einen wütenden Film zu nennen, trotz der Gewalt, die er enthält.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Football gespielt, später gingen Sie aufs College: Das ist eine sehr unterschiedliche Erfahrung als die, die wohl die meisten Bewohner von Liberty City, dem Schauplatz ihres Films, machen. Sie sind dort aufgewachsen; was gab Ihnen den Antrieb, dem Kreislauf aus Armut, Drogen und Perspektivlosigkeit zu entkommen?

Jenkins: Ich würde es nicht unbedingt Antrieb nennen, eher ein Schlafwandeln! Es kam einiges zusammen: Zum einen war ich ein guter Schüler. Warum auch immer, ich komme nicht aus einem Haushalt, in dem viel Bildung vorhanden war oder in dem Bücher gelesen wurden. Zu jener Zeit gewährte die Regierung von Florida jedem Schüler, der ein bestimmtes Notenlevel erreichte, freien Zugang zu einer staatlichen Universität. Ich wurde an der Florida State genommen - übrigens genau wie vier oder fünf andere von meiner Schule. Später stellte ich fest, dass es auf dem Campus auch eine Filmschule gab. Was ich sagen will: Dinge haben sich ergeben - das Einzige, was ich getan habe, ist nicht vor Gelegenheiten, die sich boten, zurückzuschrecken: College? Na klar, ich kann aufs College gehen! Filmhochschule? Warum nicht, probiere ich aus!

SPIEGEL ONLINE: Diese Haltung hat sie vom Liberty Square bis nach Hollywood geführt.

Jenkins: Und wieder zurück. Wenn Tarell McCraney nicht sein Stück "In Moonlight Black Boys Look Blue" geschrieben hätte, auf dem mein Film basiert, hätte es bestimmt noch zehn Jahre gedauert, bis mich irgendetwas zurück nach Miami gebracht hätte. Es ging die ganze Zeit nur weg, weg, weg - und dann führt mich dieses Ding plötzlich nach Hause? Irre.

Im Video: Der Trailer zu "Moonlight"

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Seite 1
Brathering 08.03.2017
1. Nicht nur weiter als man glaubt ...
sondern auch weiter als Deutschland. Schaut man hier in die Kinoprogramme, so wird der Film entweder nicht gezeigt oder in der englischen Originalversion. Es ist schlimm, wie hier mit wirklich guten Oscar-prämierten Filmen umgegangen wird.
ofelas 08.03.2017
2. weit weg
ich habe in Hollywood noch keine positiv besetzten Rolle mit "muslimen" gesehen, in den letzten Jahrzehnten sind die klischees noch negativer geworden wobei muslim und araber in Hollywood gleichgesetzt wird
widower+2 08.03.2017
3. Unwort des Jahrzehnts
"wuchs im sozial schwachen Stadtteil Liberty City auf". Könnte man nicht endlich mal die Verwendung des grenzenlos dümmlichen Begriffs "sozial schwach" unterlassen, der dem eigentlichen Wortsinn nach etwas ganz Anderes bezeichnet als beabsichtigt? In Bezug auf einen Stadtteil könnte man zum Beispiel von "wirtschaftlich schwach" oder einfach von "arm" sprechen. Wirklich sozial schwach sind Leute, die andere Menschen diskriminieren und/oder mobben sowie Figuren wie zum Beispiel Trump.
fallobst24 08.03.2017
4. Hmm
Hollywood ist in erster Linie Unterhaltungsindustrie und kein Sozialbündnis, das die Gesellschaft in die oder jene Richtung weisen will oder soll. Am Ende entscheiden die Leute mit den Füßen und der Brieftasche und die Studios passen sich am Ende immer wieder an. Nicht mehr und nicht weniger. Moonlight selbst habe noch werde ich, wie wahrscheinlich die aller meisten Menschen, mir in absehbarer Zeit ansehen (habe noch zig andere Filme auf meiner to-do-Liste). Von medialer Seite wurde der Film arg gepusht, wobei ich nicht weiß, ob der Film tatsächlich so toll ist oder auf Grund von political correctness (jung, schwarz, schwul, arm, Drogen, Zeitsprünge, #oscarssowhite) so toll sein soll.
horstpantel 08.03.2017
5.
zu fallobst24: vielleicht sollte man den film erst einmal ansehen und dann einen kommentar abgeben.
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