Filmfestival in Cannes Die kleine Lana del Rey und das Kamel

Das 65. Filmfestival von Cannes startete mit der liebevoll inszenierten und gewohnt schrägen Teenager-Romanze "Moonrise Kingdom" des Amerikaners Wes Anderson. Fast hätte ihm Sacha Baron Cohen als "Diktator" mit einem echten Kamel auf der Croisette die Show gestohlen. Aber nur fast.

Aus Cannes berichtet

FOCUS FEATURES INTERNATIONAL/ Festival Cannes

Im Grunde ist es schade, dass "Moonrise Kingdom" gleich zu Beginn des Festivals zu sehen war. Der diesjährige Cannes-Eröffnungsfilm spielt nämlich Mitte der sechziger Jahre auf einer ganz und gar unwirklichen Insel vor der US-Ostküste, handelt von einer unmöglichen Romanze zwischen Zwölfjährigen und beinhaltet all die kleinen Schrullen und akribisch inszenierten Schrägheiten des als Spielkind des US-Independent-Kinos geliebten Regisseurs Wes Anderson. So viel Eskapismus in einer zutiefst artifiziellen Welt tut meistens erst nach ein paar Tagen Cannes-Wahnsinn gut, wenn im Kino die Schwere der Themen und draußen der Lärm, die Hitze und das nie endende Treiben des Festival-Betriebs drückt.

Aber gut, man kann Andersons Einsatz als Conférencier dieser Jubiläumsausgabe auch als Feelgood-Vorschuss betrachten: Schnell noch mal mit einem leichten Film auftanken, ein bisschen lachen und viel schmunzeln, bevor es dann in den nächsten Tagen ans Eingemachte geht.

Aber dazu später. "Moonrise Kingdom" ist der siebte Spielfilm des 42-Jährigen aus Texas, der mit Tragikomödien wie "Rushmore" und "The Royal Tenenbaums" schlagartig so berühmt wurde, dass Martin Scorsese sich einst gar dazu hinreißen ließ, den jüngeren Kollegen als seinen legitimen Nachfolger auszurufen. Ein paar Filme später, darunter der rührende Animationsfilm "The Fantastic Mr. Fox", mag sich da beim Altmeister vielleicht ein bisschen Nüchternheit breitmachen, denn ein Wes-Anderson-Film ist eben, und das zeigt sich erneut bei "Moonrise Kingdom", in erster Linie ein Wes-Anderson-Film: exotisches Setting, viel verschrobenes Personal, das genauso gut einen besseren Woody-Allen-Film bevölkern könnte, und als Thema die große Sehnsucht, die unbedingte Romantik, das Schwelgen in einer schmerzlich vermissten kindlichen Unschuld. Alles gut, alles entzückend genug. Aber Anderson ändert nun schon ganz schön lange nichts an dieser vor allem bei kunstsinnigen Großstädtern bewährten Rezeptur.

Das macht "Moonrise Kindgom" zu einem schnell vergänglichen Vergnügen, quasi zum Popcorn-Kino der Intelligenzija. Erzählt wird die Geschichte eines äußerst ungleichen Pärchens, das 1965 auf der Insel Penzance zusammentrifft - und das größte Chaos auslöst, das dieses von der Welt vergessene Eiland-Idyll je erlebt hat. In den Hauptrollen zwei Darsteller, die noch gar keine Schauspieler waren, als Anderson sie castete, vor allem, weil beide zu jener Zeit erst zwölf Jahre alt waren: Der eulenbebrillte und noch recht babyspeckige Pfadfinder-Nerd Sam (Jared Gilman) und die brütend-depressive, aber verführerisch frühreife Suzy (Kara Hayward), die mit ihren blauen Lidschatten und ihrem sexy Sixties-Kleidchen aussieht wie eine Teenager-Ausgabe von Lana Del Rey. Das Model und der Freak also, aber Anderson kriegt es irgendwie hin, dass man den beiden ihre zarte Romanze abnimmt. Was sie eint: Die Sehnsucht, dem groben Unverständnis der Welt um sie herum, ignoranten Erwachsenen wie piesackenden Kindern, zu entkommen, und zwar in eine entlegene Bucht der Insel, einst heilige Begegnungsstätte der Ureinwohner, einem Paradies im Mondenschein, "Moonrise Kingdom".

Anderson erzählt hier natürlich auch von der Nouvelle Vague, von den denkenden Männern mit den schwarzgerandeten Brillen, die das Genre-Kino ihrer Kindheit, Western und Gangsterfilme, neu definierten - und den schönen Frauen, die sie dabei inspirierten. Nicht umsonst dudelt auf Suzys portablem Plattenspieler ständig der gleiche französische Yé-Yé-Beat. Gleichzeitig schwelgt er natürlich auch in der immer wieder guten Geschichte vom Beginn der gesellschaftlichen Revolution, vom großen Bruch mit moralischen Normen und Zwängen, der heute unter der Jahreszahl 1968 zusammengefasst wird.

Mehr Amerikaner zum 65. Geburtstag

Eine perfektere Verwebung amerikanischer mit französischer Kinokultur kann sich Cannes für einen Eröffnungsfilm gar nicht wünschen, zumal schon im Plakatmotiv die vor 50 Jahren verstorbene Marilyn Monroe gefeiert wird - und das US-Kino so stark im Wettbewerb vertreten ist wie seit Jahren nicht mehr. Neben Andersons "Moonrise Kingdom" werden neue Filme von Lee Daniels ("Precious"), Jeff Nichols ("Take Shelter") und Andrew Dominik ("The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford") zu sehen sein. Aus Kanada kommen David Cronenberg mit der Verfilmung des Don-De-Lillo-Romans "Cosmopolis" und John Hillcoat mit dem Noir-Krimi "Lawless". Und der Brasilianer Walter Salles schließlich bringt seine Verfilmung des Kerouac-und Beatpoesie-Klassikers "On The Road" an die Côte d'azur. Zum 65. Geburtstag verbeugt sich das wichtigste Fest der Cineasten also noch einmal tief vor den Mythen und Genre-Legenden Amerikas, die Frankreichs Autoren-Kino nachhaltig beeinflusst hat.

Passend dazu, weil Cannes auch immer den Glamour Hollywoods braucht, umstellte Wes Anderson seine Kinderstars mit allerlei Prominenz: Bruce Willis als verzagter Insel-Sheriff, Edward Norton als zackiger Pfadfinder-Fähnleinführer mit Herz, der obligatorische Anderson-Standard Bill Murray als griesgrämiger Anwalt, Frances McDormand als seine nicht minder scharfzüngige Gattin - und Tilda Swinton als eisige, konsequent "Social Services" genannte Staats-Gouvernante, die der Flucht der beiden Kids im Waisenhaus ein Ende bereiten will.

Bei aller Beliebigkeit und hermetischen Geschlossenheit des Anderson-Kosmos, ist es dann natürlich doch toll, diesen großen Talenten des amerikanischen Kinos beim Loslassen und ganz ernsthaftem Herumalbern zuzusehen. Und das ist letztlich die große Leistung Wes Andersons: seinen Stars einen Spielplatz zu bieten, auf dem sie dankbar herumtollen. Bill Murray zum Beispiel: "Ich bekomme eigentlich gar nicht mehr anders Arbeit als durch Wes. Ich warte einfach neben dem Telefon", sagte er in gewohnter Lakonie auf der Pressekonferenz am Mittwoch: "Filme wie diese nennen wir Kunstfilme. Es sind Filme, bei denen du lange, lange für sehr wenig Geld arbeitest... alles, was wir kriegen, ist eine Reise nach Cannes."

Cohen und das Kamel

Die unternahm auch der britische Komiker Sacha Baron Cohen, der sich in seinem neuen Film "The Dictator" erstmals einer komplett fiktiven Handlung hingibt, die sich um einen arabischen Tyrannen in Nöten dreht. Die etwas dumpf geratene Satire ist in Cannes nicht zu sehen, startet aber dieser Tage ganz regulär in Frankreich, was Cohen am Mittwochmittag zum Anlass nahm, in voller Diktatoren-Uniform aus einem der Luxushotels an der Croisette herauszustolzieren, flankiert von leichtbekleideten Konkubinen. Star des Auftritts war jedoch ein Kamel, das Cohen im Blitzlichtgewitter an den Edel-Boutiquen der berühmten Strandpromenade vorbeiführte. Pech nur: Die meisten internationalen Journalisten saßen zu diesem Zeitpunkt in der Pressevorführung von "Moonrise Kingdom" und konnten Cohens Publicity-Stunt nicht beiwohnen. Ein komplett unnötiges und aufgeblasenes PR-Event, das aber natürlich genauso zum großen Zirkus Cannes gehört wie das kunstvolle Autorenkino aus aller Welt.

A propos: Damit es den ins sonnige Südfrankreich gereisten Kritikern nicht gleich zu launig wurde, gab es am Abend noch die Pressevorführung des Wettbewerbsfilms "Baad el Mawkeaa" ("After the Battle") des ägyptischen Regisseurs Yousry Nasrallah. Mit dem Melodram über die Nachwirkungen der Revolution auf dem Tahrir-Platz knüpft das Festival geradezu nahtlos an seine letztjährige Beschäftigung mit Filmemachern aus dem arabischen Raum an. Nasrallahs Geschichte über eine medienaffine, modern eingestellte NGO-Mitarbeiterin aus Kairo und einen einfachen Touristenführer, der in einem Dorf nahe der Pyramiden lebt und einer der berüchtigten Reiter war, die im Auftrag Mubaraks die Demonstranten in der Hauptstadt attackierten, ist kein großes Kino-Kunstwerk. Der dialoglastige und pseudo-dokumentarische Film spiegelt aber wahrscheinlich die Zerrissenheit der Menschen in Ägypten auf eindrucksvolle Weise wider.

Da sieht ein Sacha Baron Cohen mit seinem angeklebtem Bart und schalen Zoten dann ganz schön alt aus. Kamel hin oder her.

Mit Material von Reuters

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