Starregisseur Peter Jackson "Superheldenfilme? Nichts als Eskapismus"

Die Tolkien-Filme machten Peter Jackson zum Blockbuster-Garanten. Sein neues Projekt "Mortal Engines" gilt aber als Risiko. Hier erklärt er, was Netflix damit zu tun hat - und warum wir Fantasyfilme gerade jetzt brauchen.

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    Peter Jackson, 1961 in Wellington, Neuseeland geboren, ist einer der erfolgreichsten Regisseure der Filmgeschichte. Seine Tolkien-Trilogien "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit" gewannen zahlreiche Preise und gelten dank revolutionärer Trick- und CGI-Technik als Meilensteine des Spektakelkinos. Bei der Verfilmung des britischen Fantasy-Romans "Mortal Engines" (Start am 13. Dezember) fungierte er als Drehbuchautor und Produzent. Kritikerlob erntete Jackson aktuell für seine BBC-Dokumentation "They Shall Not Grow Old" über den Ersten Weltkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Jackson, ist das von Ihnen geschriebene und produzierte Fantasyabenteuer "Mortal Engines" ein Pro-Brexit-Film? "Wir hätten niemals nach Europa kommen sollen!", schimpft der Bürgermeister eines rollenden Imperiums namens London im Film….

Jackson: Als Neuseeländer weiß ich eigentlich viel zu wenig über den Brexit, um beurteilen zu können, was gut oder schlecht ist. Und der Roman von Philip Reeves, den wir verfilmt haben, wurde ja auch schon vor fast 20 Jahren geschrieben, also lange, bevor der Brexit ein Thema war. Wir haben ein paar Zeilen in den Film eingebaut, weil wir eine schöne Möglichkeit sahen, uns so lustig zu machen. Es ist nur ein kleiner Gag.

SPIEGEL ONLINE: So wie die Szene, in der Eltern, die nach London umgesiedelt werden, per Lautsprecheransage von ihren Kindern getrennt werden? Noch so ein Seitenhieb, diesmal gegen die Politik von Donald Trump.

Jackson: Ja, das haben wir erst in letzter Minute, vor gut einem Monat, im Soundmix noch gemacht, um auf die Zustände an der Grenze zwischen den USA und Mexiko einzugehen. Es ist wirklich furchtbar, was da passiert.

SPIEGEL ONLINE: So viel politische Spitze ist neu in Ihrem Werk. Vor einigen Jahren sagten Sie noch, dass es Ihnen im Blockbuster und Fantasykino darum eigentlich nicht geht.

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"Mortal Engines": Rollende Städte, die alles verschlingen

Jackson: Das stimmt, und man muss immer vorsichtig sein, inwieweit man das Werk eines Autors, dessen Buch man verfilmt oder zum Drehbuch umarbeitet, verfälscht. Bei den langen Produktionszeiten und der Geschwindigkeit, in der sich gesellschaftliche Dinge ändern kann es außerdem sein, dass man am Ende mit seinem politischen Statement reichlich alt aussieht.

SPIEGEL ONLINE: "Mortal Engines" spielt in einer weit entfernten postapokalyptischen Zukunft. Was kann man dort über die Gegenwart lernen?

Jackson: Egal, ob es Philip Reeves intendiert hatte oder nicht, sah ich vor allem ein Motiv: In 3000 Jahren, erzählt diese Geschichte, streifen mobile Städte über die Kontinente und verschlingen alles, was ihnen an Ressourcen - und anderen, kleineren Städten - über den Weg läuft. Sie konsumieren rücksichtslos, um ihre Maschinen am Laufen zu halten. Sie hinterlassen Zerstörung und von tiefen Furchen durchzogene Brachen. Dem gegenüber steht eine Bewegung namens "Anti-Traction-League", die glaubt, es sei besser, sich doch wieder niederzulassen, um dem Planeten Gelegenheit zu geben, sich selbst zu heilen. Vor ganz ähnlichen Entscheidungen stehen wir aktuell auch angesichts des globalen Klimawandels, könnte man sagen. Aber wir überbetonen es im Film nicht. Ich halte es da mit Alfred Hitchcock, der sagte einmal: "Some people's films are slices of life, mine are pieces of cake."

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Leute nicht mit zu viel Realität überfordern?

Jackson: Es war schon immer so, dass das Publikum gerade in angespannten Zeiten den Eskapismus im Kino suchte, weil es zumindest für ein paar Stunden dem ganzen Ärger und Druck entkommen wollte. Das war so zur Zeit der Großen Depression in den USA, im Kalten Krieg genauso wie während des Vietnamkriegs. Denken Sie an die Revuefilme von Busby Berkeley oder Musicals.

SPIEGEL ONLINE: Also kann man an Masse und Erfolg von eskapistischen Blockbustern ablesen, wie schlimm es gerade steht?

Jackson: Ja, tatsächlich. Auch heute, ob man das nun gut findet oder nicht. Ich meine, diese ganzen erfolgreichen Superheldenfilme sind doch nichts als Eskapismus. Die Leute fühlen sich machtlos und gestresst und freuen sich, wenn auf der Leinwand ein Wesen mit übermenschlichen Kräften die Welt rettet.

SPIEGEL ONLINE: Der Siegeszug der Superhelden begann vor rund zehn Jahren, ungefähr zur selben Zeit, als Sie sich die Filmrechte für "Mortal Engines" sicherten. Dann kam Ihnen die "Hobbit"-Trilogie dazwischen. Wäre es damals einfacher gewesen, ein Projekt wie dieses zu realisieren?

Jackson: Naja, Sie müssen bedenken, dass "Mortal Engines" nicht so bekannt ist wie "Herr der Ringe" oder "Der Hobbit". Und wenn ich darüber nachgedacht hätte, aus den vier Romanen gleich eine Trilogie oder mehr zu machen, wäre das schwierig gewesen. So etwas geht nur mit Tolkien. Wir hatten zum Glück die Chance, diesen einen Film zu drehen und würden auch gern die anderen Teile machen. Aber das hängt jetzt komplett vom Kassenerfolg ab.

SPIEGEL ONLINE: Viel Box-Office-Glück wird ihrem Epos von Experten trotz der Marke Peter Jackson nicht zugetraut.

Jackson: Hollywood hat sich sehr verändert. Einerseits sehnt es sich nach originären Stoffen, andererseits kann die Branche damit nicht mehr umgehen. Ein Film wie "Mortal Engines" passt einfach nicht ins gängige Marketingmuster. Er hat keine großen Stars und er ist keine Fortsetzung oder Teil einer größeren Franchise-Reihe. Die ganze Maschinerie ist nicht mehr auf einzelne oder originäre Stoffe abgestimmt. Als wir aufwuchsen, waren die meisten Filme Originale, nur vereinzelt gab es Serien wie "James Bond" oder "Star Wars". Heute ist es umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

"Mortal Engines" - Kinotrailer ansehen:

Jackson: Vielleicht ist es eine Reaktion auf die tiefgreifende Erschütterung durch Streamingdienste wie Netflix, die viel vom Low-Budget- und Autorenkino absorbiert haben. Insofern sieht sich Hollywood vielleicht nur noch in der Rolle des Blockbuster-Lieferanten. Veränderung und Wandel ist nicht per se schlecht, aber die Filmindustrie hat sich noch nicht entschieden, was sie künftig sein will. Diese Prozesse der Umwälzung sind noch lange nicht abgeschlossen, ich halte es auch für möglich, dass einige Filmstudios in den kommenden Jahren von Firmen wie Apple oder Amazon geschluckt werden und sich die Branche noch weiter auf einige wenige Konzerne konzentriert. Es sind sehr unsichere Zeiten, und das bereitet mir durchaus Sorge.

SPIEGEL ONLINE: Also hätten Sie "Mortal Engines" vielleicht doch lieber schon 2008 gedreht, mit dem "Herr der Ringe"-Erfolg im Rücken?

Jackson: Ich glaube nicht, dass es viel geändert hätte. Wir sind ja kein Teil von Hollywood, sondern planen und erstellen unsere Projekte recht unabhängig in Neuseeland, daher wären wir damals wie heute nicht auf die Idee gekommen, unseren Film anzupassen. Im Gegenteil, es ist mir nach wie vor sehr wichtig, originelle Stoffe ins Kino zu bringen. Die Ironie dabei ist ja aber: Wenn so etwas dann Erfolg hat, wird es eben auch schnell zu einem neuen Franchise, das sich wiederum leichter vermarkten lässt. Diese Möglichkeit war letztlich auch jetzt ein Grund dafür, dass wir überhaupt Hollywoodgeld bekommen haben.

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MrZock 14.12.2018
1. Neue Version der Todesstern-Story
Ein technisches Konstrukt mit unglaublicher Zerstörungskraft greift an und wird im letzten Moment neutralisiert. Das sahen wir schon in Star Wars IV, VI und VII, wie auch in zahlreichen weiteren Filmen, "TV"-Serien, Büchern und Comics. Aber: sysmpatische Figuren, beste Steam-Punk Atmosphäre und vor allem die grandiosen Bilder machen Lust auf mehr.
Msc 14.12.2018
2.
Natürlich sind Superheldenfilme, Fantasyfilme und eigentlich fast alle Filme Eskapismus. Genau deshalb ist es bei Fans ja gerade so verhasst politische Botschaften in Filme einzubringen. Die Leute wollen doch keinen Actionfilm sehen, wo der Film im Vorbeigehen ausdrücklich sagt, wie toll Feminismus ist oder dass Diversität für sich genommen schon super ist. Die gehen doch gerade ins Kino um vor der Polarisierung der Gesellschaft zu flüchten. Das gleiche bei Videospielen. Diese Refugien werden aber immer weiter abgebaut und ohne Rückzugsmöglichkeit kommt es irgendwann zu einer Entladung. Das will keiner. Hoffentlich. PS: Wonder Woman war ein super Film und genau so kann man starke weibliche Charaktere etablieren.
Celegorm 14.12.2018
3.
Zitat von MscNatürlich sind Superheldenfilme, Fantasyfilme und eigentlich fast alle Filme Eskapismus. Genau deshalb ist es bei Fans ja gerade so verhasst politische Botschaften in Filme einzubringen. Die Leute wollen doch keinen Actionfilm sehen, wo der Film im Vorbeigehen ausdrücklich sagt, wie toll Feminismus ist oder dass Diversität für sich genommen schon super ist. Die gehen doch gerade ins Kino um vor der Polarisierung der Gesellschaft zu flüchten. Das gleiche bei Videospielen. Diese Refugien werden aber immer weiter abgebaut und ohne Rückzugsmöglichkeit kommt es irgendwann zu einer Entladung. Das will keiner. Hoffentlich. PS: Wonder Woman war ein super Film und genau so kann man starke weibliche Charaktere etablieren.
Wieso wird das Vorhandensein einer politischen bzw. gesellschaftlichen Thematik immer mit platten, entkoppelten Botschaften gleichgesetzt? Als gäbe es entweder nur Filme, die zwar unterhaltsam aber völlig aussagefrei und dumpf sind, oder solche, die künstlerisch oder politisch aber dafür nervig und langweilig sind. Dabei sind die besten Filme doch gerade jene, die eine relevante Geschichte in spannender Weise erzählen. Einen (guten) politischen Film zu machen bedeutet darum eben gerade nicht, hier und da einfach irgendeine unpassende Parole den Zuschauern aufzunötigen, sondern eine gesellschaftliche Frage in interessanter und unterhaltsamer Weise in einer fiktiven Geschichte abzuhandeln. Was sogar in Superhelden-Filmen gut und auf überraschend gutem Niveau funktionieren kann, man nehme z.B. die Captain America-Filme. Insofern sind auch viele heutige Filme noch "politisch" und zwar nicht nur Indie-Produktionen, sondern auch Blockbuster. Ebenso scheint es mir verfehlt, einfach alles nur als reinen Eskapismus oder gar dumpfes Krach-Bumm-Effekttheater abzutun, nur weil irgendwo ein "Superheld", Alien oder Fantasiewesen auftaucht. Das bildet schliesslich nur den Rahmen, in welchem die Geschichte spielt. Wie man letztere gestaltet, ob kritisch, lustig, berührend oder doof, ist völlig unabhängig davon. Dafür reicht ja auch ein Blick auf einen wie Shakespeare, der sich Könige, Römer und Co. auch nur als Kulisse genommen hat, um grosse, zeitlose Fragen und menschliche Konflikte abzuhandeln. Weshalb man solche Geschichten auch in beliebige andere Szenerien platzieren kann und diese trotzdem funktionieren.
vulcan 14.12.2018
4.
Zitat von CelegormWieso wird das Vorhandensein einer politischen bzw. gesellschaftlichen Thematik immer mit platten, entkoppelten Botschaften gleichgesetzt? Als gäbe es entweder nur Filme, die zwar unterhaltsam aber völlig aussagefrei und dumpf sind, oder solche, die künstlerisch oder politisch aber dafür nervig und langweilig sind. Dabei sind die besten Filme doch gerade jene, die eine relevante Geschichte in spannender Weise erzählen. Einen (guten) politischen Film zu machen bedeutet darum eben gerade nicht, hier und da einfach irgendeine unpassende Parole den Zuschauern aufzunötigen, sondern eine gesellschaftliche Frage in interessanter und unterhaltsamer Weise in einer fiktiven Geschichte abzuhandeln. Was sogar in Superhelden-Filmen gut und auf überraschend gutem Niveau funktionieren kann, man nehme z.B. die Captain America-Filme. Insofern sind auch viele heutige Filme noch "politisch" und zwar nicht nur Indie-Produktionen, sondern auch Blockbuster. Ebenso scheint es mir verfehlt, einfach alles nur als reinen Eskapismus oder gar dumpfes Krach-Bumm-Effekttheater abzutun, nur weil irgendwo ein "Superheld", Alien oder Fantasiewesen auftaucht. Das bildet schliesslich nur den Rahmen, in welchem die Geschichte spielt. Wie man letztere gestaltet, ob kritisch, lustig, berührend oder doof, ist völlig unabhängig davon. Dafür reicht ja auch ein Blick auf einen wie Shakespeare, der sich Könige, Römer und Co. auch nur als Kulisse genommen hat, um grosse, zeitlose Fragen und menschliche Konflikte abzuhandeln. Weshalb man solche Geschichten auch in beliebige andere Szenerien platzieren kann und diese trotzdem funktionieren.
Leider ist es aber wahr, dass gerade Superheldenfilme zuallermeist eben doch dumpfes Krach-Bumm sind oder allerhöchstens noch die eine oder andere mehr als platte 'Botschaft' transportieren - das kann schon bei der Besetzung beginnen oder beim Einfügen von Charakteren, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Diese Unsitte beschränkt sich natürlich nicht auf besagte Filme; es ist allerdings schon sehr gewagt, heutige 'Super Hero block buster' als politische Filme zu bezeichnen - ich habe jedenfalls noch keinen gesehen, der auch nur im Entferntesten die Kriterien dafür erfüllt hätte. Allerdings habe ich auch schon länger keinen mehr gesehen (schon gar nicht im Kino), da mich diese Art Filme schon eine ganze Weile extrem langweilt. Der letzte Gute war irgendeiner von den Batman-Filmen. Kommt natürlich auch immer drauf an, was man als gelungenen poitischen Inhalt ansieht. Unsere Superhelden bewegen sich da eher auf dem Level für 12jährige.
Celegorm 14.12.2018
5.
Zitat von vulcanLeider ist es aber wahr, dass gerade Superheldenfilme zuallermeist eben doch dumpfes Krach-Bumm sind oder allerhöchstens noch die eine oder andere mehr als platte 'Botschaft' transportieren - das kann schon bei der Besetzung beginnen oder beim Einfügen von Charakteren, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Diese Unsitte beschränkt sich natürlich nicht auf besagte Filme; es ist allerdings schon sehr gewagt, heutige 'Super Hero block buster' als politische Filme zu bezeichnen - ich habe jedenfalls noch keinen gesehen, der auch nur im Entferntesten die Kriterien dafür erfüllt hätte. Allerdings habe ich auch schon länger keinen mehr gesehen (schon gar nicht im Kino), da mich diese Art Filme schon eine ganze Weile extrem langweilt. Der letzte Gute war irgendeiner von den Batman-Filmen. Kommt natürlich auch immer drauf an, was man als gelungenen poitischen Inhalt ansieht. Unsere Superhelden bewegen sich da eher auf dem Level für 12jährige.
Wie gesagt, letztlich gibt es da die ganze Bandbreite: vom missratenen, strunzdoofen Action-Geprügel zu gelungener aber seichter Unterhaltung, vom pseudoernsten Geschwafel zu durchaus guten, ernsthaften Geschichten. Wie gesagt, "Superhelden" sind letztlich bloss eine Kulisse, aus der sich von Action über Komödie bis Drama alles machen lässt. Und das kann gut oder schlecht enden. Ich habe mir jedenfalls falls alles in dem Bereich gesehen und es manchmal bereut, manchmal aber definitiv auch nicht. Letztlich ging das in den letzten Jahren von einfach schlecht ("Suicide Squad") oder überladen-langweilig ("Batman vs. Superman") bis zu ziemlich gelungener witziger Unterhaltung ("Guardians of the Galaxy", "Deadpool") oder ernsthaften, recht guten Geschichten ("Winter Soldier", "Civil War", "Logan"). Muss man natürlich auch nicht verklären, auf das Niveau wirklich erstklassiger, intelligenter Filme kommt sowas nicht heran, aber für gross angerührtes Blockbuster-Kino ist einiges davon durchaus sehenswert und z.T. halt sogar ziemlich gut gemacht. Einfach zu sagen, das wäre alles zwingend Bockmist nur weil es auf einer Comicvorlage basiert, ist jedenfalls genau so verfehlt, wie zu sagen, Kriegsfilme, SciFi, Krimis oder Historienfilme wären per se alle schlecht oder gut.
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