"Mother!" mit Jennifer Lawrence Gequäle von ganz oben

Schöpfergeschichte als Horrorfilm: Darren Aronofsky sorgt mit dem Macho-Trip "Mother!" für Buhrufe beim Filmfest in Venedig. Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence könnte er indes eine weitere Oscar-Nominierung bescheren.

La Biennale di Venezia/ Paramount

Aus Venedig berichtet


Selbst die Fangemeinde von Darren Aronofsky ist gespalten: Die einen lieben den Regisseur für seine gandenlosen Verlierer-Dramen "Requiem For A Dream" und "The Wrestler", die anderen schätzen ihn für sein Faible für magischen Realismus und Body-Horror, wie er es in "The Fountain" und "Black Swan" auslebte. Einig sind sich hingegen alle, dass sein bis dato letzter Film, das Bibel-Epos "Noah", vor allem eins war: ganz schön krude.

Mit einiger Spannung wurde deshalb der "Noah"-Nachfolger "Mother!" in Venedig erwartet. Fängt sich Aronofsky wieder? Und in welche Richtung verschlägt es ihn mit seinem neuen, erstmalig explizit als Horrorfilm ausgewiesenem Werk? Nun ja. Am Ende der Weltpremiere am Dienstagmorgen gab es zum ersten Mal, nach sieben Tagen Festival, laute Buhrufe und Beschimpfungen zum Abspann. Das muss man erst mal schaffen.

"Mother!" gehört zum phantasmagorischen Teil des Aronofsky-Schaffens. Erzählt wird eine streng allegorische Geschichte über ein namenloses Pärchen - er gefeierter Dichter, sie Innenarchitektin mit Hang zur Pedanterie - , das sich sein zuvor niedergebranntes Familienanwesen wieder herrichtet. Oder besser gesagt: Sie, gespielt von Jennifer Lawrence, schraubt, zimmert und malt, während er, Javier Bardem, sich über seine Schreibblockade beklagt.

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"Mother!" mit Jennifer Lawrence: In der Ehehölle

Man spürt ihre Sehnsüchte, wenn sie im durchsichtigen weißen Kleid, eine Erscheinung von Sinn- und Weiblichkeit, durch die großen, alten Mauern und Räume der Villa streift, Liebe, Friedfertigkeit und Fürsorge im Blick. Aber ihr Mann ist abwesend, wortkarg, scheint sich zu entziehen.

Orte und Namen werden nicht genannt, das alte Gemäuer, einziger Schauplatz, scheint in seinen Eingeweiden zu atmen und zu pulsieren, es rumpelt und pumpelt, bald fühlt auch die Frau sich körperlich unwohl. Eine Horrorfilm-Stimmung kommt auf, ein beunruhigendes, beengendes "Rosemary's Baby"-Gefühl: Jeden Augenblick können hier schreckliche Dinge geschehen.

Aber es kommen nur Gäste: Ein älterer, offenbar kränklicher Mann (Ed Harris) taucht auf, qualmt die frisch renovierte Villa zu, spuckt Blut - und nistet sich unter ihrem Protest häuslich ein. "Wo soll er denn hin?", meint Bardems Charakter nur. Bald darauf folgt die saufende, sehr übergriffige Gattin des Mannes (Michelle Pfeiffer) und bereitet noch mehr Unordnung. Die Hausherrin ist empört, sie will allein mit ihrem Mann sein, doch der scheint die ungebetenen Gäste zu genießen.

Spätestens als auch noch die Söhne des Ehepaars auftauchen, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen, ist klar - hier geht es nicht nur um den Horror einer fehlgeleiteten Beziehungsdynamik, hier geht es um ein Drama mit biblischen Proportionen. Chaos, Lärm, Apokalypse! Eingefangen in einem unübersichtlicher werdenden Strudel ewig rastloser Aufnahmen von Aronofskys Stamm-Kameramann Matthew Libatique.

Nichts außer Zerstörung

Es sind starke, provozierende Bilder, die der Regisseur für seinen hochgreifend artifiziellen Thriller findet, der sich nicht viel um Plausibilitäten und Kontinuitäten kümmert. Stattdessen entlädt Aronofsky sein Bewusstsein für Umweltzerstörung und seine Beschäftigung hier, in seinem bisher persönlichsten und kontroversesten Film.

Doch auch sich selbst, als männliches, kreatives Subjekt, reflektiert er: Was tut man den Menschen an, die man liebt, wenn man schöpft? Der Künstler, der hier gezeigt wird, mag ein Genie sein. Aber er ist, durch die Augen seiner Frau gesehen, auch ein misogynes Arschloch, dessen Gefolge es ihm nur gleichtut: Es hinterlässt nichts außer Zerstörung.

Jennifer Lawrence, die seit dem dem Dreh von "Mother!" mit Aronofsky liiert ist, ist brillant und auf unprätentiöse Art berührend in ihrem - auch physisch - anspruchsvollen Martyrium. Es sollte ihr eine weitere Oscar-Nominierung bescheren, auch wenn dieser schwierige und überbeladene, aber sehr intensive und verstörende Film vermutlich wenig Liebe bei Preisjurys finden wird. Schon nächste Woche, am 14. September, kommt er in die deutschen Kinos.

Szene aus "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
La Biennale di Venezia/ Twentieth Century Fox

Szene aus "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Wie man sich als Frau gegen selbstherrliche Machos zur Wehr setzt, zeigt Frances McDormand in einem der allseits bejubelten Highlights des diesjährigen Wettbewerbs: Der irische Dramatiker Martin McDonagh ("Brügge sehen... und sterben?") inszeniert sie in seinem US-Film "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" als verhärmt-verbitterte Mutter eines vergewaltigten und dann verbrannten Teenager-Mädchens.

Als die Ermittlungen nach dem Täter in dem kleinen Ort Ebbing nach Monaten zum Erliegen kommen, mietet sie kurzerhand drei riesige Werbetafeln am Ortseingang, dem Ort der Gräueltat, um den örtlichen Sheriff (Woody Harrelson, Foto) mit provokanten Slogans zur Aktion zu bewegen. Der populäre Chief allerdings stirbt gerade an Krebs. Der aufrechte Feldzug von Mildred Hayes (McDormand) wird zum Politikum. Der Kampf für Gerechtigkeit und gegen eine ignorante, verschworene Männergemeinde macht sie zur Außenseiterin und drängt sie in die Rolle einer Extremistin.

McDonaghs Blick auf die zivilisatorischen Bruchstellen im ländlichen Amerika ist zugleich wohlwollend und gnadenlos, die Dialoge präzise und lakonisch gewitzt. McDormand und Harrelson werden von tollem Personal flankiert, darunter Peter Dinklage und Nachwuchs-Star Lucas Hedges ("Manchester by the Sea"). Sam Rockwell verblüfft als trotteliger, rassistischer Hillbilly-Deputy, der eine zweifelhafte Läuterung erfährt. Pathosfrei und packend werden hier die komplexen Themen der beginnenden Trump-Ära zu einem Ensemble-Drama verdichtet, das berührt und beschäftigt.

Szenenbild aus "Ex Libris - The New York Public Library"
La Biennale di Venezia/ Zipporah films

Szenenbild aus "Ex Libris - The New York Public Library"

Ohne Pathos, aber auch ohne Narrativ, Kommentar oder auch nur Namenseinblendungen kommt "Ex Libris - The New York Public Library" aus, das neue Werk des 87-jährigen Dokumentaristen Frederick Wiseman ("Jackson Heights", "National Gallery"). Knapp dreieinhalb Stunden lässt er sich Zeit, um die gesellschaftliche Relevanz der öffentlichen New Yorker Bibliotheken, die Vernetzung und die spezifischen Ausrichtungen ihrer verschiedenen Zweigstellen sowie ihre Bemühungen um Volksbildung und gesellschaftliche Teilhabe zu schildern.

Man wohnt Sitzungen des Leitungsgremiums bei, Veranstaltungen mit Musikern ebenso wie mit Wissenschaftlern und Dozenten, es gibt musische, politische und kulturelle Initiativen, stets gelenkt vom Ideal, denjenigen Zugänge zu Wissen zu schaffen, die sich keine teure Ausbildung oder auch nur einen Internetanschluss leisten können.

Vor allem die Belange der afroamerikanischen Gemeinde New Yorks betont Wiseman, der auch im hohen Alter noch ein Gespür für den aktuellen politischen Zeitgeist beweist. Sein spektakulär nüchterner Showcase für dieses mehr denn je essenzielle urbane Bollwerk der Aufklärung und sozialen Integration ist in diesem Venedig-Wettbewerb das wohltuend rationale Gegenstück zu Aronofskys "Mother!"-Hysterie.


Die Filmfestspiele von Venedig laufen vom 30. August bis 9. September. SPIEGEL ONLINE berichtet regelmäßig von den Filmfestspielen.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
noalk 05.09.2017
1. Mother!'s Gender Age Gap
Sie 27, er 48. Liess sich mal wieder keine ältere Frau für die weibliche Hauptrolle finden? Oder war Lawrence schon vor dem Casting mit Aronofski ... ach, der ist auch nur ein paar Tage älter als Bardem ... Der im Artikel erzählte Plot erinnert mich übrigens spontan an Kubricks/Kings "Shining". Bin gespannt.
twistie-at 05.09.2017
2.
Zitat von noalkSie 27, er 48. Liess sich mal wieder keine ältere Frau für die weibliche Hauptrolle finden? Oder war Lawrence schon vor dem Casting mit Aronofski ... ach, der ist auch nur ein paar Tage älter als Bardem ... Der im Artikel erzählte Plot erinnert mich übrigens spontan an Kubricks/Kings "Shining". Bin gespannt.
ich vermute, es passt hier ganz gut, dass der Künstler diese Anziehungskraft hat, die die ja oft auch jüngere Menschen haben, was es ihnen leicht macht, sie auszunutzen, was sie gar nicht so sehen. Der Grat zwischen "Künstler" und "Borderline" ist imho klein.
micheleyquem 05.09.2017
3. Aronofski ....
Man muss sich nur die Liste seiner "Kreationen" durchlesen um zu wissen, dass der Mann NOCH NIE einen wirklich sehenswerten Film gemacht hat. ALLE sind ausnahmslos Schrott.
DJ Doena 06.09.2017
4.
Ich weiß nicht, was alle an der Lawrence finden. Selbst hier in der Bildergallerie hat sie wieder nur diesen einzigen Blick drauf, den sie schauspielerisch zu haben scheint: Den "ich leide" Blick.
Llares 06.09.2017
5. Geschmack
Zitat von micheleyquemMan muss sich nur die Liste seiner "Kreationen" durchlesen um zu wissen, dass der Mann NOCH NIE einen wirklich sehenswerten Film gemacht hat. ALLE sind ausnahmslos Schrott.
Über Geschmack kann man zum Glück streiten. Ich fand "The Wrestler" und "Black Swan" hervorragend. Genauso wie meine Frau. Muss man allerdings auch verstehen... Aber wenn das ihre Meinung, so sei sie ihnen gegönnt. Seine anderen Filme habe ich noch nicht gesehen und kann sie deswegen nicht beurteilen.
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