"Mother"-Regisseur Joon-ho Bong "Mütter und Söhne schlafen in einem Bett"

Mit dem Monsterfilm "The Host" landete er einen Hit, jetzt wendet sich Joon-ho Bong den düsteren Seiten der Mutterschaft zu. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt der koreanische Regisseur, was ihn zu dem Psychothriller "Mother" inspirierte - und warum er darüber mit seiner Mama nicht reden mag.

MFA / FilmDistribution

SPIEGEL ONLINE: In "Mother" schildern Sie, wie eine Mutter mit allen Mitteln versucht, die Unschuld ihres des Mordes angeklagten, geistig zurückgebliebenen Sohnes zu beweisen. Auffällig ist die fast inzestuöse Beziehung von Mutter und Sohn. Da drängt sich die Frage nach der Beziehung des Regisseurs zu seiner Mutter auf.

Bong: In der Tat sind koreanische Mütter bekannt für die enge, oft obsessive Beziehung zu ihren Söhnen. Meine Mutter ist da ähnlich, sie war sehr ängstlich und hat ihre Kinder - ich habe zwei Schwestern und einen Bruder - sehr umsorgt. Kleine Anteile von ihr sind in die Figur eingeflossen. Aber ich habe diese Obsession in "Mother" sehr zugespitzt, so extrem wie im Film geht es in der Realität meist nicht zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die Mutter-Sohn-Beziehungen in Korea beschreiben?

Bong: In vielerlei Hinsicht ist die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn ähnlich der zu einem Liebhaber, allerdings ohne die sexuelle Dimension. Eine sehr zarte, intime, einander zugewandte und verpflichtete Beziehung. Es ist nicht unüblich, dass, wie in "Mother", Mütter und Söhne in einem Bett schlafen. Selbst wenn die Söhne erwachsen sind, tauschen sie mit ihren Müttern zärtliche Berührungen aus, deutlich intensiver als in westlichen Kulturen. Hat der Sohn eine Freundin oder Ehefrau, entsteht oft eine Art angespanntes Dreiecksverhältnis. In Korea gibt es viele Muttersöhnchen, fast so viele wie in Italien. "Mother" erzählt nicht zuletzt auch vom Ringen um Macht und Kontrolle in dieser Beziehung - wer hat Macht über wen, wer kontrolliert wen?

SPIEGEL ONLINE: Die Mutter in Ihrem Film ist eine zwiespältige Figur, die den Sohn nicht aus ihrer Obhut entlassen will und für ihn über Leichen geht.

Bong: Ja. Eine Inspiration für mich war Hitchcocks "Psycho". Ich habe mir vorgestellt, wie die Mutter-Sohn-Beziehung aussehen könnte, wenn die Mutter noch am Leben wäre. Ich wollte sie als dunkle, destruktive Person zeigen - gleichzeitig sollten die Zuschauer sich mit ihr identifizieren können.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Mutter den Film gesehen? Kann sie sich identifizieren?

Bong: Sie hat ihn mit mir zusammen gesehen. Ob sie den Film mag und ob sie sich mit der Hauptfigur identifizieren kann, weiß ich allerdings nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie hat nichts dazu gesagt?

Bong: Seitdem ist ein Jahr vergangen, aber wir reden nie darüber, wenn wir uns treffen. Ich vermute, der Film hat sie erschreckt. Sie wusste vorher nicht, was auf sie zu kam. Ich weiß nicht, ob meine Mutter in so einer Situation ähnlich handeln würde. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich als Vater es könnte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Filmen ist immer ein sozialkritisches, politisches Element erkennbar, auch in "Mother". Die Polizei ist inkompetent, überall lauern Abgründe, Gewalt, Gier, Prostitution und Alkoholismus.

Bong: Ich bin wohl sehr empfänglich für diese Themen. Obwohl ich mich auf die Rolle der Mutter und die Beziehung zu ihrem Sohn konzentriert habe, sind gesellschaftliche Widersprüche eingeflossen. Mich interessiert die Veränderung der modernen südkoreanischen Gesellschaft und wie die Menschen damit umgehen. Wir haben uns in kurzer Zeit sehr stark weiterentwickelt, sind gut organisiert, besitzen in weiten Teilen eine funktionierende Demokratie und modernste Technologie. Aber es sind große Widersprüche und Irrationalität spürbar - der Spagat zwischen Tradition und Moderne, Konfuzianismus und Hochtechnologie, Demokratie und dem noch sehr präsenten Schatten der Militärdiktatur. Das Auseinanderfallen der Großfamilie, traditionell eine wichtige gesellschaftliche Stütze in Korea, der Anstieg der Scheidungsraten und der rapide Rückgang der Geburten, sind eine Kehrseite des Fortschritts. Eine spannende Situation, aber auch oft unheimlich.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Ihrem Monsterfilm "The Host" spielte die Familie eine zentrale Rolle.

Bong: Bei "The Host" ging es mir um die Solidarität der Schwachen, Minderbemittelten der koreanischen Gesellschaft, die vom Staat keine Hilfe erfahren. In "Mother" hat sich die Familie fast vollständig aufgelöst, nur noch Mutter und Sohn sind übrig, eine minimale Konstellation. Auch eine Wurzel für die alptraumartige Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit arbeiten Sie an der Verfilmung des französischen Comics "Le Transperceneige". Wie sind Sie auf das Projekt gestoßen?

Bong: Ich habe das Buch in meinem Stamm-Comic-Laden in Korea gefunden und war sofort fasziniert. Ich habe in meiner Kindheit selbst Comics gezeichnet, bin bis heute ein großer Comic-Fan - koreanische, japanische, aber auch europäische und amerikanische. Ich liebe die Arbeiten von Alan Moore, die "Watchmen"- und "From Hell"-Verfilmungen halte ich für ziemlich gelungen. "From Hell" war übrigens ebenfalls eine wichtige Inspiration für "Mother".

Das Interview führte Jörg Böckem

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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albert schulz 07.08.2010
1. eigentlich ein alter Hut, und auch absolutes Tabuthema
In China und nicht nur dort werden weibliche Föten und sogar Babys umgebracht, die Söhne sind das absolut Tollste für Frauen, und sie werden rechtschaffen verwöhnt, nicht nur in Italien. Den Macho hat die Frau erschaffen. Sehr deutlich läßt sich dieses Verhalten bei alleinerziehenden Müttern von Söhnen beobachten. Der Sohn ist alles, also Vater, Bruder, Kamerad, Ratgeber, Gatte, und eben nicht nur Gegenüber, sondern wird mit Unmengen Emotionalität behandelt und auch gefordert und eingeengt. Er muß sich eben mit Liebe eindecken lassen, bis zum Ersaufen. Natürlich gibt es das intensive Mutterverhalten auch in Familien, aber es wird durch Vater und Geschwister häufig abgemindert. Es ist durchaus bekannt, daß Frauen mehr oder weniger zärtlich zu ihren Söhnen sind, nicht nur alleinerziehende. Es ist das Tabuthema schlechthin und wird auch nie juristisch erörtert, auch in der Literatur finden sich nur wenige Hinweise auf die Auswüchse dieser Affenliebe.
albert schulz 08.08.2010
2. quod erat demonstrandum
Scheint wirklich schön tabu zu sein. Und gewaltig unbeliebt.
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