Greiser Mr. Holmes Sherlock ist nicht mehr Sherlock

Was passiert, wenn sich ein messerscharfer Verstand trübt? In "Mr. Holmes" gibt Ian McKellen einen Sherlock Holmes, der sich in seiner Vergangenheit verliert. Es ist eine der berührendsten Interpretationen der Detektivfigur.

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Alt ist Sherlock Holmes geworden. Seinen Ruhestand verbringt der weltberühmte Detektiv an der Küste von Sussex. 30 Jahre sind seit seinem letzten Fall vergangen, aber irgendwas ist damals schiefgegangen. Der ansonsten verlässlich eintretende Triumph der kühlen Logik über das Verbrechen und seine Leidenschaften ist ausgeblieben.

Bloß kann Sherlock Holmes (Ian McKellen) sich nicht mehr entsinnen. Der Körper will nicht mehr so recht, und schlimmer noch: Sein legendäres Erinnerungsvermögen ist unzuverlässig geworden. Worte und Namen verschwinden, das Wissen um die Vergangenheit ist blockiert.

Es gibt wohl kaum eine literarische Figur, die so häufig fortgeschrieben, umgedeutet und parodiert wurde wie Arthur Conan Doyles genialer Logiker. Mehr als 120-mal ist der Detektiv seit Beginn der Filmgeschichte auf den Leinwänden zu sehen gewesen, ein Ende ist nicht abzusehen: Die famose BBC-Serie "Sherlock" interpretiert die Figur als selbstbewussten Soziopathen und geht 2017 in die vierte Staffel (mit einem Neujahrs-Special am 1. Januar 2016 vorweg), und ein zweites Sequel des Guy-Ritchie-Franchises mit Robert Downey Jr. wird sich wohl nicht mehr verhindern lassen.

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"Mr. Holmes": Was hat dich bloß ruiniert?
In dieser Reihe erscheint "Mr. Holmes", Bill Condons Verfilmung von Mitch Cullins Roman "A Slight Trick of the Mind", auf den ersten Blick wie das nächste ironisches Spiel mit dem Mythos. In einer frühen Szene sitzt Sherlock Holmes im Kino und beobachtet missmutig, wie ein Detektiv mit der ikonischen Deerstalker-Mütze auf dem Kopf bedeutsam in die Kamera guckt. Der Sherlock im Film-im-Film wird von Nicholas Rowe gespielt, dem Hauptdarsteller aus Barry Levinsons "Young Sherlock Holmes" von 1985.

Auf diesem Gleise hätte Condon seine Figuren sicher weiter Richtung Abspann schreiten lassen können. Dann hätte der Zuschauer, der detektivisch die Verweise erkennt, sich mit "Mr. Holmes" am eigenen popkulturellen Wissen erfreuen können.

Sherlock als alter Mann

Zum Glück tritt die Metaebene alsbald in den Hintergrund. Stattdessen formuliert der Film eine der berührendsten Interpretationen der Figur. Bereits Condons und McKellens erste Zusammenarbeit "Gods and Monsters", ein Biopic über den "Frankenstein"-Regisseur James Whale, erzählte von einem Menschen, den die eigene Vergangenheit quält.

Ian McKellen ("Herr der Ringe") spielt den Detektiv als zunehmend fragilen alten Mann, an dem die selbstverschuldeten Lebensversäumnisse nagen - die Fehler, die auch die messerscharfe Deduktion nicht hat verhindern können. Hier ist es die väterliche Freundschaft zu einem Kind (großartig: Milo Parker), dem Sohn seiner Haushälterin, die hilft, das Eingekapselte freizusetzen.

"Vollkommene Denk- und Beobachtungsmaschine"

Der Film kann sich auf seine Schauspieler verlassen: McKellen braucht nur eine Augenbraue zu heben, um Präsenz zu erzeugen; Laura Linney spielt die alleinerziehende Haushälterin, die an der Schroffheit ihres Arbeitgebers verzweifelt - man könnte die beiden auch in einen weißen Raum stellen und ihnen beim Streiten zusehen.

Im Versuch, seinen letzten Fall wider die fortschreitende Altersdemenz für die Nachwelt festzuhalten, zeigen sich die Grenzen eines rein rationalen, über die Mitmenschen triumphierenden Blickes auf die Menschheit. Schon bei Arthur Conan Doyle ist der Held die "vollkommenste Denk- und Beobachtungsmaschine, die die Welt je gesehen hat". Er verwahrt sich gegen alles, was nicht benannt, begründet und deduziert werden kann: "Alle Gefühle waren seinem kalten, genauen, aber wundervoll ausgewogenen Geist zuwider."

Hier setzt "Mr. Holmes" an und stellt den Mythos konsequent vom Kopf auf die Füße: Wir sehen, welche Verluste es bedeuten kann, wenn man sich der Welt gegenüber ununterbrochen wissend und souverän gebärdet. Man kann die zuerst noch uneingestandene Trauer über das Versäumte in den Gesichtszügen Ian McKellens sehen, und das Seelenleben des unglücklichen Greises findet seine Entsprechung in den wunderschön gefilmten kargen Küstenlandschaften.

Gelungene Filme können Dinge und Menschen in einer Art und Weise zeigen, die die souveräne Position des Beobachters unterläuft - indem sie die Zuschauer involvieren und zum Teil des Dramas werden lassen, das sich auf der Leinwand vollzieht. "Sie sehen", wirft der Meisterdetektiv bei Doyle seinem Freund Dr. Watson vor, "aber Sie beobachten nicht." Kein Wunder, dass Bill Condons Sherlock die bewegten und bewegenden Bilder nicht schätzt: Im Kino lernt man zu sehen und hört idealerweise irgendwann auf zu beobachten.

Im Video: Der Trailer zu "Mr. Holmes"

Mr. Holmes

Großbritannien, USA 2015

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Jeffrey Hatcher

Darsteller: Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Nicholas Rowe, Roger Allam

Produktion: See-Saw Films, BBC Films

Verleih: Alamode Film

Länge: 104 Minuten

FSK: keine Einschränkung

Start: 24.Dezember 2015

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
windpillow 23.12.2015
1. Beobachtungsmaschine
Zitat: Er (Holmes) verwahrt sich gegen alles, was nicht benannt, begründet und deduziert werden kann: "Alle Gefühle waren seinem kalten, genauen, aber wundervoll ausgewogenen Geist zuwider." >Nicht ganz verständlich, wenn man weiß daß Conan Doyle -der Schreiber von Sherlock Holmes- dem Spiritismus völlig erlegen war. Er besuchte Séancen mit Tischenrücken, Stimmen aus dem Jenseits usw. und glabte fest an all diese Dinge.
ed_tom_bell 23.12.2015
2. Mensch Holmes
Klingt vielversprechend und lässt ein wenig an Billy Wilders "The private Life of Sherlock Holmes" denken - für mich die bislang gelungenste Interpretation des durch zahllose Verfilmungen arg geschundenen Holmes-Mythos. Auch da wurde der Übermensch Holmes schon ein bisschen vom Sockel geholt, indem der in seiner Ratio gefangene Meisterdetektiv an den Reizen einer Frau scheiterte. Dennoch zollte Wilder dem virtuellen Vater der modernen Kriminalistik durchaus Respekt. Robert Downey Jr. gefällt mir als Holmes eigentlich auch überraschend gut. Er ist halt ein exzellenter und extrem charismatischer Schauspieler. Nur sind mir die beiden Holmes-Filme von Ritchie viel zu sehr auf Action und Schauwerte getrimmt: zu laut, zu glatt, zu hektisch. Dem Geist des Originals wird er damit sicher nicht gerecht. Auch wenn er bemüht ist uns in den Making-ofs etwas anderes weiszumachen. Auch Cumberbatch ist ein hervorragender Holmes. Aber was ich bisher von der Reihe gesehen habe war mir persönlich zu glatt und vordergründig.
KaroXXL 23.12.2015
3. Genialer Schauspieler
Schon als Gandalf eine Traumbesetzung, machte die HdR Filme erst richtig gut! Als Sherlock Holmes erinnert er doch optisch etwas an Captain Picard bei seinen Holo-Spielchen ;)
lonicerus 23.12.2015
4. Großartiger Film
Als langjähriger Holmes-Fan kann man sich über die zahlreichen Adaptionen nur sehr selten freuen. Dieser Film ist aber sicherlich eines der besten Pastiches überhaupt. Disclaimer: Ich habe bereits vor Wochen das Original gesehen, die deutsche Fassung noch nicht.
ketzerei 23.12.2015
5. Bereits im Roman
unterlag Holmes einer Frau. Irene Adler. Ein Skandal in Bohemia. Ich freue mich auf den Film!!!
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