Action-Drama "Mr. Long" Die Tötungsmaschine im Food-Truck

Nudelsuppe ist dicker als Blut: Das Action-Drama "Mr. Long" vom japanischen Kultregisseur Sabu erzählt von den Schwierigkeiten eines routinierten Mörders, ein normales Leben zu führen.

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Die Domestizierung des Auftragskillers ist eine prekäre Angelegenheit im Kino. Oft braucht es nur einen winzigen Schubs, um die Schläfer des organisierten Verbrechens aus ihren Träumen von Bürgerlichkeit zu reißen. John Wick verlor vor einigen Jahren mit seinem Hund auch alle Illusionen über einen harmonischen Neuanfang. Diesen beschwerte Chad Stahelskis Film gleichwohl seinem Hauptdarsteller Keanu Reeve: "John Wick" war ein Überraschungshit, das "Kapitel 2" seiner mörderischen Abenteuer wurde 2017 mit einer Fortsetzung aufgeschlagen.

Ein solches Fortleben ist freilich nicht allen Kollegen vergönnt. Manche, wie Jean Renos Profi León, erfahren die schicksalhafte Ausweglosigkeit ihrer Profession viel drastischer. Ausgerechnet das Menschliche im Killer tötet ihn letztendlich, in der neu entdeckten Herzenswärme muss er verglühen.

Herr Long, der Welt in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale erstmals vorgestellt, ist diesen Figuren sehr ähnlich und doch ganz anders. Schweigsam, routiniert, unberührt metzelt er mit dem Messer eine Gang dahin und schnappt sich deren Beute. Ein Profi auch er, ein Handwerker dazu. Er muss nahe heran an seine Opfer, Knarren sind für Feiglinge. Bei ihm spritzt das Blut, und aus diesen Fontänen könnte ein mythologisch-unnahbares Stereotyp aufsteigen: eine Tötungsmaschine eben.

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"Mr. Long": Killer mit kulinarischen Künsten

Doch wenigen Regisseuren könnte eine solche Verklärung ferner liegen als dem japanischen Regisseur Hiroyuki Tanaka alias Sabu. Der empfahl sich bereits um die Jahrtausendwende mit schrillen Gangster-Grotesken wie "Postman Blues", "Unlucky Monkey" oder "Monday".

Wie viele von Sabus Antihelden muss sich auch Long in einer ungewohnten Umgebung bewähren, wo er dazu noch in gänzlich unerwartete Ereignisse taumelt. Zunächst verschlägt es den Taiwanesen nach Tokio, wo er ausnahmsweise einen Job versaut. Doch Long hat Glück im Unglück, packt eine Fluchtgelegenheit beim Schopfe und landet in einer Wellblechhüttensiedlung im japanischen Nirgendwo.

Das zarte Glück im Schatten der Vergangenheit

Matsch und Staub und Schmutz drängen sich in die Bilder, und der Genrefilm des faszinierenden Kino-Hysterikers Sabu sieht für eine Weile beinah sozialrealistisch aus - sogar noch in der Behausung der heroinabhängigen Mutter des kleinen Jun, der sich zaghaft mit dem Fremden im Slum anfreundet. Dieser Anblick entlockt dem stoischen Long einen höchst seltenen Wutausbruch - drastisches erstes Anzeichen dafür, dass irgendwo Eis gebrochen sein mag, dass sich hinter der abweisenden Fassade jemand verbirgt, dem das Elend seiner Mitmenschen weder fremd noch egal ist.

Ansonsten prägt Mr. Longs Ruhe auf paradoxe Weise die ganze Erzählung, die im Vergleich zu Sabus früheren Arbeiten einem geradezu entspannten Rhythmus mit nur gelegentlichen bizarren Einsprengseln folgt. Am unbewegten, hageren Gesicht von Chen Chang, der viel mit Wong Kar-wai gearbeitet hat, bricht sich das fröhliche, ihm unverständliche Gequassel seiner neuen Nachbarn - am komischsten während einer ausufernden Mahlzeit, bei der sich der seltsame Gast überraschenderweise als Meisterkoch entpuppt. Bevor er so richtig weiß, wie ihm geschieht, renovieren die Japaner seine Bude und stecken ihn in einen Imbisswagen, aus dem heraus er fortan vor dem örtlichen Tempel Nudelsuppe verkauft.


"Mr. Long"
Originaltitel: "Ryu san"

Japan, Taiwan, Hong-Kong 2017
Regie und Drehbuch: SABU
Darsteller: Chen Chang, Shô Aoyagi, Yi Ti Yao, Run-yin Bai
Verleih: Rapid Eye Movies
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 129 Minuten
Start: 14. September 2017


Sprechen kann er immerhin mit Jun und dessen Mutter, die aus Taiwan stammt. Doch kann einem wie ihm zartes Glück vergönnt sein? Und wie weise ist es, täglich sein Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen? Unser Wissen um die Kinogeschichte legt eine Unruhe unter diesen Behelfsalltag, die nicht schweigen will. Keine Sekunde lang besteht echter Zweifel daran, dass Mr. Long wieder töten wird müssen - dieses Mal nicht für Geld oder Auftraggeber, sondern um sein eigenes Leben zu retten oder das von denen, die ihm allmählich ans Herz wachsen. Und man kann keine Sekunde lang ernsthaft daran glauben, dass sie alle ungeschoren aus dieser Sache herauskommen werden.

Ja, es gibt sentimentale Momente in Sabus neuer Arbeit. Vor allem aber legt sich das Unausweichliche geradezu unauffällig in die Inszenierung der Tötungsarbeiten, in fließenden Bewegungen, denen die Kamera ebenso fließend folgt, ohne dass je der Eindruck einer forcierten Virtuosität aufkäme. Mr. Long folgt einer aufgezwungenen, perfektionierten Routine, die keinen Raum lässt für Gefühle von Triumph oder Rache - nur für die Angst: die Angst, dass ein kleiner Junge sich den Schirm seiner Mütze hochgezogen und all diese Grausigkeiten mitangesehen haben könnte.

Im Video: Der Trailer zu "Mr. Long"

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Seite 1
user33 14.09.2017
1. Monday
ist der einzige Film, den ich von diesem Regisseur kenne, der war aber klasse. Hauptdarsteller Shinichi Tsutsumi ist nach fast zwei Jahrzehnten immer noch mein Lieblingsschauspieler aus Japan.
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